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LICHTENFELS

Zweite Rückkehr ausgeschlossen

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Nach fast drei Jahrzehnten auf der Matte ist Schluss: Tobias Schütz (rechts) war in seiner Karriere nur für den AC Lichtenfels aktiv. Nun ist Schluss. Foto: Heiko Scherer

Ringen

Wann ist es Zeit, dem Sport den Rücken zu kehren? Auf diese Frage muss jeder Sportler seine eigene Antwort finden. Für Tobias Schütz vom AC Lichtenfels ist dieser Punkt jetzt erreicht. Nach fast 30 Jahren auf der Matte. Drei Jahrzehnte hat Ringen das Leben des 34-Jährigen geprägt. Als Kind auf Turnieren, als Jugendlicher in der Schüler-Mannschaft, als Heranwachsender in einer aufstrebenden Männermannschaft und schließlich als Erwachsener in der Bundesliga wuchs Schütz mit dem Sport auf.

„Ringen, mein Hobby“, ist immer noch ein ironisch gemeinter Satz von Tobias Schütz in der Umkleide. Nach all den harten Trainingseinheiten oder kräftezehrenden Kämpfen ist dieser Satz eine Untertreibung. Eine Untertreibung für das, was die längste Zeit den Alltag von Tobias Schütz bestimmte. Als Schütz mit sechs Jahren in Begleitung seines Vaters erstmals mit dem Ringen in Kontakt gekommen war, hatte er seinen Sport gefunden. Im Gegensatz zu seinen Altersgenossen, die sich auf dem Fußballplatz austobten, war es gerade die Tatsache, allein für den Erfolg oder Misserfolg verantwortlich zu sein, die den jungen Schütz motivierte. Dass das Ganze einmal in den Leistungssport führen könnte, deutete sich früh an. Kaum im Training, startete Schütz bei seinem ersten Turnier – und gewann. Von Matthias Fornoff zum Griechisch-römisch-Ringer gemacht, erarbeitete sich Schütz Jahr für Jahr einen Start bei nationalen Meisterschaften. Oft räumte Schütz einen kompletten Medaillensatz ab.

Aus der Ober- in die Bundesliga

Nach Anfängen in der Schüler-Mannschaft startete Schütz auch im Team der Männer durch. Der 34-Jährige begann zu Oberliga-Zeiten, feierte den Aufstieg in die 2. Liga und erfüllte sich mit dem Sprung in die Bundesliga einen Traum. Als Stammkraft des ACL erinnert sich Schütz an Vieles gerne zurück. Etwa an persönliche Erfolgsmomente, wie eine Fünfer-Wertung gegen den mehrmaligen Weltmeister Péter Bácsi. Oder an einzelne Kämpfe wie das Duell gegen Thalheim, bei dem die Gäste zusammen mit Fußball-Fans von Dynamo Dresden anreisten, Bengalos vor der Halle zündeten und für einen unvergesslichen Abend sorgten.

Trainingslager vor malerischer Kulisse am Langbathsee (Österreich) zählt Schütz ebenso auf wie persönliche Höhepunkte. Etwa der erste Gang auf die Matte mit seinem Sohn als Eskortenkind vor einigen Wochen. Neben allen Erfolgen ging Schütz auch den steinigen Weg, den der ACL bestritt, mit. Seine Karriere wollte Schütz nicht mit einem Abstieg beenden und blieb nach dem Rückzug aus der Bundesliga 2015 an Bord.

Ein Jahr nach dem freiwilligen Abstieg schafften Schütz und der ACL den Aufstieg in die Oberliga. Dieser Erfolg mit einem zusammengeschweißten Team bleibe dem 34-Jährigen in besonderer Erinnerung. Mit der Oberliga-Rückkehr kehrte auch Schütz' langjähriger Schützling Hannes Wagner zurück zum ACL. Für Schütz war es der passende Zeitpunkt, anderen den Vortritt zu lassen und sich mehr seiner Familie zu widmen. Denn die kam in den letzen Jahren oft zu kurz. Der ACL blieb auch ohne Schütz in der Erfolgsspur und schaffte nach der 2018er-Saison die Rückkehr ins Oberhaus.

Schütz feiert Comeback

Die Bundesliga reizte den Routinier. So feierte er zur Freude der Lichtenfelser Fans sein Comeback. Aus Liebe zu seinem Sport und weil er es vermisst habe, „dabei zu sein, sich vorbereiten, mit einem Ziel zu trainieren“. Außerdem reize ihn der Wettkampf nach wie vor. Die größte Motivation war aber, seinem Sohn – mittlerweile selbst Ringer – Erinnerungen zu schaffen. Vor den Augen seines Sohnes als Sieger von der Matte gehen, diese Vorstellung trieb Schütz an. Dafür gab der 34-Jährige im Training noch einmal alles. Allen Verletzungen und Entbehrungen zum Trotz. Schütz' zweiter Abschied vom ACL ist diesmal einer für immer. Auch wenn er einen erneuten Rücktritt vom Rücktritt mit einem Lächeln und „sag' niemals nie“ kommentierte.

Denn die Jahre des Gewichtmachens und die hohe Belastung gingen nicht spurlos vorüber. Auch ein Armbruch und zwei ausgekugelte Schultern im Laufe seiner Karriere ließen Schütz nicht über ein vorzeitiges Karriereende nachdenken. Dass die Kontaktsportart Ringen aber nicht ewig betrieben werden kann, ist dem 34-Jährigen klar. Nach einem weiteren Jahr in der Bundesliga ist Schluss. Auf seiner Abschiedstournee musste Tobias Schütz niemandem mehr etwas beweisen. Gegnern und Zuschauern zeigte der 34-Jährige, dass er mit den Besten noch mithalten kann. „Doch jetzt ist genug – es reicht.“ Schütz habe gemerkt, dass er „jetzt nicht mehr besser“ werde. Nach einer für ihn persönlich erfolgreichen letzten Saison sei der richtige Zeitpunkt gekommen, endgültig von der Matte zu steigen.

Schütz bleibt ACL erhalten

Bleibt die Frage, wie es weitergeht. Dem Ringen bleibt Tobias Schütz erhalten. Und das nicht nur, weil sein Sohn beginnt, in seine Fußstapfen zu treten. Schütz, der dem ACL seine gesamte Laufbahn über treu geblieben ist, betont: „Man muss etwas zurückgeben.“ Seit einiger Zeit trainiert Schütz die Jüngsten im Verein. Der 34-jährige Physiotherapeut selbst will in Form und im Training bleiben und weiter Spaß am Sport haben. An einem Sport, der fast drei Jahrzehnte das Leben von Tobias Schütz geprägt hat. (dam)

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