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Wort zur Besinnung: Wort zur Besinnung von Pater Brüggemann

Pater Dietmar Brüggemann. Foto: red

Wort zur Besinnung

Solange er da war, habe ich nicht viel über ihn nachgedacht. Es gab ihn, er hatte seinen festen Platz in meinem Alltag, und das war?s. Aber jetzt, da er aus unsrem Zusammenleben verbannt ist, fehlt er mir sehr. Ich meine den Handschlag. Bei der Begrüßung und der Verabschiedung war er eine der kürzesten und tragfähigsten Brücken zwischen Menschen. An der Hand des anderen spürte ich, wie es ihr oder ihm ging: mal ein fester Druck, dann aber auch nur ganz vorsichtig, mal länger oder kürzer; der Glückwunsch zum Geburtstag, die mitfühlende Hand am Krankenbett, die Hand zum Festhalten am Grab, das Versprechen in die Hand. Wie mir das fehlt.

Und ein Ersatz ist nicht in Sicht. Die Faust oder der Ellenbogen, virologisch zwar harmloser, stehen eher für Umgangsformen, die nicht unbedingt wünschenswert sind. Was also kann ihn ersetzen, den Handschlag? Das gesprochene Wort? Es verschwimmt oft hinter dem Mundschutz und war des Öfteren schon Schall und Rauch. Die einzige Rettung: der Augen-Blick. Denn ähnlich der Hand sagt auch der Blick in die Augen, was den anderen bewegt, auch wenn sie nur gerade über die Mund-Nasen-Bedeckung hervorlugen.

Die müden und leeren Augen so vieler Menschen in diesen Tagen. Und dem zum Trotz die strahlenden Augen der Kinder, die sich an kleinen, einfachen Dinge erfreuen können. Der dankbare Blick der alten Dame, als ihr der Nachbar die Wasserkiste hoch trägt.

Wenn ich allein die Geschichten Jesu durchblättere, wie oft dort davon erzählt wird, wie Jesus die Menschen anschaut: die Jünger, als er sie ruft; die Schriftgelehrten, als sie die Ehebrecherin steinigen wollen; den Petrus als er über die Wellen geht und einzusinken droht. Was für eine Kraft und welches Mitgefühl in diesem Blick.

Die Dichterin Hilde Domin schreibt in ihrem Gedicht ,Es gibt dich‘:

„Dein Ort ist/Wo Augen dich ansehen. /Wo sich Augen treffen/entstehst du. ….Du fielest, / aber du fällst nicht./Augen fangen dich auf./Es gibt dich / weil Augen dich wollen,/dich ansehen und sagen,/dass es dich gibt.“

„Es gibt dich, weil Augen dich wollen, dich ansehen und sagen, dass es dich gibt.“ Was für eine hoffnungsvolle Botschaft. Sie tröstet mich hinweg über den Verlust der gereichten Hand, der hoffentlich nur vorübergehend ist. Ich will mir Mühe geben, meine Augen sprechen zu lassen, aber auch gut hinzusehen, was Menschen mir mit ihren Augen sagen, in diesen trüben Tagen.

Und ich freue mich schon jetzt riesig über die nächste gereichte Hand, die ich ergreifen kann, ohne Virenangst.

Pater Dietmar Brüggemann,

Franziskaner und Seelsorger

in Vierzehnheiligen

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