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LICHTENFELS

Wort zur Besinnung: Beziehungen sind wichtiger Besitz

_ Foto: red

Wort zur Besinnung

Was groß ist, bekommt schneller unsere Aufmerksamkeit. Megamaschinen auf Youtube, Wolkenkratzer, die an der 1-Kilometer- Marke kratzen, Rekordshows im Fernsehen, die tollsten Yachten.....

Einem ist es gelungen, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen, obwohl er ganz klein ist, winzig, nur im Elektronenmikroskop zu erkennen: Das Corona-Virus SARS-CoV-2. Und es hat nicht nur unsere Aufmerksamkeit, es bestimmt auch noch über unser Leben. Nun lernen wir durch das Virus vielleicht nicht nur, dass Größe nicht unbedingt Macht bedeutet. Wir lernen auch, dass Beziehungen wichtiger sind als Besitz. Das spüren vor allem die, die eine Quarantäne erlebt haben, oder unter Besuchsverbot im Pflegeheim aushalten mussten. Oder es eben nicht mehr aushalten – und als ein „Kollateralschaden“ in den vergangenen Wochen gestorben sind. Viel wird getan, um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern. Und ich hoffe, dass niemand durch die Maschen der Hilfsschirme und Rettungspakete fällt. Aber nach acht Wochen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen habe ich es am eigenen Leib – besser in der eigenen Seele gespürt –, dass mir die Normalität fehlt: Umgang mit Menschen, ein Händeschütteln, ein Moment des spontanen Begegnens. Alles ist von Vorsicht bestimmt, immer auf Regeln achten, im Hinterkopf beständig das Risiko und die Frage: Wie verhalte ich mich richtig? An diesem Wochenende feiern wir Pfingsten. Das Fest des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist ein Geist der Beziehungen. Er kann Gott sei Dank sogar die Kontaktbeschränkungen unserer Zeit überbrücken. Ich entdecke ihn da, wo wir jetzt besonders aufmerksam aufeinander werden: Unsere Kinder bemalen „Frankenstones“ und verteilen sie eifrig in unserem Dorf. Ich kenne Personen, die schon zig „Ermutigungspostkarten“ geschrieben haben und sie bei Menschen abgegeben haben, an die sie denken wollten. Telefoniert, geskypt und gewhatsappt und so gegenseitig unterstützt wird eifrig „hinter den Kulissen“: Segenslieder am Telefon abgespielt, Chorsätze virtuell eingeprobt! „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Sacharja 4,6b) So lautet das Bibelwort zum Pfingstfest. Vieles geschieht derzeit im Kleinen – große Veranstaltungen sind abgesagt. Aber darauf kommt es nicht an. Gottes Geist im Kleinen entdecken und seine Kraft im Kleinen weitergeben – das ist heute gefragt! Dazu helfe uns Gott!

Ich möchte auch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften einladen, das folgende Gebet mit zu beten:

Guter Gott!

Ich habe ein komisches Gefühl,

wir alle haben ein komisches Gefühl,

und es ist nicht nur ein Gefühl, sondern es ist Realität. Uns und die anderen schützen – das ist das Motto in diesen Tagen, Solidarität auf Abstand.

Lass uns spüren, dass Du nicht Abstand hältst. Gib mir heute die Kraft, die ich brauche. Gib mir Hoffnung auch in dieser schwierigen Zeit. Gib mir die Zuversicht, dass wir gemeinsam die Zukunft gestalten können, und nicht von einem Virus beherrscht werden. Lass uns klarer, verständiger, solidarischer aus dieser Krise herauskommen, als wir vorher gewesen sind. Das wäre eine tolle Perspektive!

Burkhard Sachs, evangelischer Pfarrer, Mitwitz

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