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LICHTENFELS

Wort zur Besinnung: Beten ist kein Automatismus

Wort zur Besinnung: Beten ist kein Automatismus
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Not lehrt beten. Auch in Zeiten von Corona bewahrheitet sich diese Redensart.

In meinen Gesprächen der vergangenen Wochen tauchte das Beten immer wieder auf. Beim Geburtstagsanruf hörte ich öfter: „Beten gibt mir Kraft, wenn ich allein bin.“ Oder: „Meine Familie darf mich nicht besuchen, aber Gott ist bei mir und hört zu.“

Es wurde viel gebetet. In geöffneten Kirchen saßen Menschen in der Stille und entzündeten Kerzen. Gebets-Pinnwände im Internet luden ein, miteinander und füreinander zu beten. In unseren Kirchen wird erst seit voriger Woche wieder in Gottesdiensten gebetet, aber über Fernseh- und Onlinegottesdienste waren die Menschen miteinander und mit Gott verbunden. Ein Tischgebet vor dem Essen kann dem Tag in Zeiten von Corona Struktur geben, wenn sonst alle normale Struktur wegbricht.

Es tut gut, sich zwischen Terminen und Aufgaben, Angst und Sorgen auf Gott auszurichten und neue Kraft zu schöpfen. Auch wenn wir uns nicht treffen können, können wir gemeinsam beten. In diesem Sinne gab es auch die internationale Aktion, gemeinsam zur Mittagszeit das „Vaterunser“ zu beten. Das Wissen, dass wir mit unseren Nöten nicht allein sind, dass Gott zuhört und dass auch andere für uns beten kann uns viel Kraft geben! Wir können andere Menschen stärken, indem wir für sie beten!

Oft höre ich die Frage: Wie geht beten eigentlich? Ich würde ja gerne beten, aber ich weiß nicht, wie oder was ich sagen soll.

Manche Menschen haben verlernt zu beten. Oder es einfach nie gelernt. So wurde bei der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung erhoben, dass unter den jüngeren evangelischen Kirchenmitgliedern drei Viertel selten oder nie beten. Wenn ich das Thema Beten in der Schule beginne, hören sich die ersten Bitt- und Dankgebete der Kinder nicht selten wie Wunschzettel an den Weihnachtsmann an. Erst mit der Zeit lernen die Kinder, dass Gott der falsche Ansprechpartner ist, wenn ich ein neues Handy haben möchte. Die Enttäuschung darüber ist jedes Mal wieder enorm.

Ich sage dann: Beten ist kein Automatismus. Gott erfüllt die Gebete. Aber nicht immer dann und nicht immer so, wie ich es mir wünsche. Ich bekomme nicht, was ich will; ich bekomme, was ich brauche. Damit umgehen zu lernen ist eine lebenslange Aufgabe. Wer betet, hält sich fest an der Gewissheit, dass Gott nichts Böses geben kann. Auch wenn nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist, wie manches zum Guten dienen wird. Beten hilft.

Also wie lernt man heutzutage beten?

„Alexa, öffne Tischgebet!“ oder „Alexa, starte Vaterunser!“, diese Skills kann man Amazon Echo hinzufügen, und schon hat der Lautsprecher beten gelernt. Die Benutzerbewertungen fallen unterschiedlich aus. Manche finden es toll, dass kleine Kinder so das „Vaterunser“ auswendig lernen können oder man beim Tischgebet neue Ideen bekommt, andere denken, dass Beten vor dem Essen nur nötig ist, wenn der Koch schlecht ist. Schön jedenfalls der Hinweis des Entwicklers: Dies kann/soll/darf das eigene Gebet keinesfalls ersetzen! Amen.

Pfarrer Gundolf Beck,

evangelische Kirchengemeinde

Michelau

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