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REDWITZ

Wer hinter dem „Bazar“ in Redwitz steht

Wer  hinter dem „Bazar“ in Redwitz steht
Souad und Mohamad, zusammen mit Tochter Aliaa, fühlen sich in Redwitz wohl. Foto: Thomas Micheel

„In Redwitz hat ein neuer Laden aufgemacht.“ Diese Kunde verbreitete sich schnell in der Rodach-Gemeinde. Schon beim Betreten des Ladens in der Hauptstraße 2 wird die Liebe zum Detail, besser gesagt zum Sortiment, sichtbar. Angeboten werden türkisch-arabische Lebensmittel, dazu frisches Fleisch und Fisch, Obst und Gemüse. Geschenkartikel, Keramik und Porzellan sowie Süßes vervollständigen das Angebot.

Stets gut gelaunt, immer Zeit für ein Schwätzchen

Aber wer steckt dahinter? Beraten und bedient wird der Kunde von Mohamad Hasmous und seiner Frau Souad Benyamna, beide stets gut gelaunt und mit einem Lächeln im Gesicht. Da macht das Einkaufen Freude. Und wie es sich in einem kleinen Ort gehört, bleibt Zeit für ein kurzes Schwätzchen. Zur Familie gehört noch Tochter Aliaa, auf die die beiden besonders stolz sind. Ein passender Ladenname wird noch gesucht, die stolzen Eltern favorisieren allerdings bereits „Aliaa?s Frische-Bazar!“

„Mir gefällt es hier in Redwitz und ich fühle mich wohl“, verrät Mohamad Hasmous mit Überzeugung in der Stimme. Seine Frau schließt sich dem gerne an. Die vielen Kontakte und Bekannt

schaften, die die beiden bereits geschlossen haben, bestätigen das. Und mit den neuen Kunden werden es jeden Tag mehr.

Wer  hinter dem „Bazar“ in Redwitz steht
Souad in der Non-Food-Abteilung mit typisch arabischen Gegenständen. Foto: Thomas Micheel

„Ich kenne jetzt fast alle Redwitzer“ fügt Mohamad mit einem Lachen an. Doch bis es so weit gekommen ist und der „Laden läuft“, war es ein langer und mühevoller, auch arbeitsreicher Weg.

Ein langer, mühevoller und auch arbeitsreicher Weg

Mohamad stammt aus Syrien. Er hatte dort einen Laden und war Großhändler für Lebensmittel. 2013 hielt es ihn nicht mehr in seiner Heimat, in der seit 2011 der Bürgerkrieg tobt. Er kam als Flüchtling mit dem Flugzeug nach München. Seine nächste Unterkunft in Deutschland war das Asylbewerberheim in Weismain. Das sollte aber nicht für immer sein. Vielmehr war er bemüht, eine Wohnung zu mieten und sich seinen Unterhalt selbst zu verdienen.

Im Sommer 2017 stellte Erduan Melcer, Mitglied des Vorstands des Türkischen Vereins, ihn dem Eigentümer des Anwesens des ehemaligen Baugeschäftes Pülz in der Hauptstraße 2 in Redwitz vor. Wohl wissend, dass eine Wohnung im Hinterhof schon lange leer stand, aber absolut intakt war. Mohamad erhielt einen Mietvertrag.

Schon bald fiel er als Spitzen-Handwerker auf, der sich mit großem Geschick dort eingerichtet hatte. Nun waren die Voraussetzungen gegeben, dass er seine Frau Souad Benyamna, die aus Marokko stammt und in Italien arbeitete, nach Redwitz, die neue gemeinsame Heimat der beiden, holen konnte.

Starthilfe vom Jobcenter: Los geht es als „Fahrender Händler“

Im Herbst 2017 erwarb der „Türkische Verein“ den Hinterhof. Das bedeutete das „Aus“ für beide in der Wohnung. Zur Überbrückung zogen sie in

eine Wohnung in der Siemensstraße, bevor ihnen vom Eigentümer das Obergeschoss der Hauptstraße 2 zur Miete angeboten wurde.

Nun knüpfte Mohamad, inzwischen Asylbewerber anerkannt, an das an, was er bereits in Syrien für seinen Lebensunterhalt gemacht hatte. Vom Jobcenter Lichtenfels erhielt er Mitte 2017 eine Starthilfe von 5000 Euro. Damit kaufte er sich einen alten VW-Transporter, um türkisch-arabische Lebensmittel im Direktvertrieb auszufahren. Das klappte ganz gut, doch gab es bereits zum „Start-Up“ Probleme mit der „Buchhaltung“. Ein nicht wirklich kompetenter Helfer habe damals viel Geld für eine inakzeptable Leistung haben wollen, so die „Jung-Unternehmer“. Das führte so weit, dass das Jobcenter kurz davor war, das Projekt mangels Dokumentation nicht weiter zu unterstützen.

„Ich kenne jetzt

fast alle Redwitzer.“

Mohamad Hasmous,

Das konnte aber nicht im Sinn des tüchtigen Mohamad und auch von dessen Vermieter sein. Dieser übernahm, zur Erleichterung von Mohamad die Buchhaltung, kostenfrei. Mit den korrigierten Abschlüssen wurden beide erneut beim Jobcenter vorstellig. Seitdem bestehe ein absolutes Vertrauensverhältnis zu den Mitarbeitern des Jobcenters, sagen die Ehepartner im Interview

mit dieser Redaktion. Diese hätten sich angetan von der nun korrekten Dokumentation und Arbeitsweise sehr angetan gezeigt.

Mohamad ging es aber weiter darum, zumindest einen großen Anteil des ihm eigentlich zustehenden Beitrags zu den Lebenshaltungskosten selbst zu verdienen. Als sein Vermieter, der Eigentümer des Anwesens, dann auch noch die ehemalige Scheune in ein Lager hat umbauen und vollständig elektrifizieren lassen, war die Basis für ein Geschäft geschaffen – was sich aufgrund von folgende Problemen als Glück erwies:.

Alter Transporter und Corona verändern das Geschäftsmodell

Wer nämlich Kummer machte, war der gute alte Transporter. Der hatte nämlich in nur drei Jahren Reparaturkosten verursacht, die seine Anschaffungskosten bei weitem überstiegen. Hinzu kam der Ausbruch der Corona-Pandemie. Immer weniger Kunden erschienen an den von Mohamad angefahrenen Verkaufsstellen. Da jetzt aber immer mehr „Laufkundschaft“ in das Lager in der Hauptstraß

e 2 kam, um dort direkt „ab Lager“ einzukaufen, verfestigte sich bei allen Beteiligten der Gedanke: „Wir brauchen einen Laden!“

Leerstände gab es genug in Rdwitz und Umgebung, aber die Preisvorstellungen waren jenseits aller wirtschaftlicher Realität. Klar war, dass man als Lebensmittel-Einzelhändler nicht allein vier Monate im Jahr dafür arbeiten kann, seine Miete bezahlen zu können.

Da der Eigentümer das unter Denkmalschutz stehende Anwesen in der Hauptstraße 2 erhalten und dies aus eigener Kraft finanzieren wollte, fiel die Entscheidung, das schon immer gewerblich genutzte Untergeschoss in einen schmucken, aber einfach gehaltenen Laden umzubauen.

Warenbeschaffung erfordert lange Wege und viel Zeit

All diese Arbeiten hat Mohamad selbst gemacht, was ihm jede Menge Respekt von vielen Seiten einbrachte. Das Ziel des Ehepaars ist es, vom Jobcenter Lichtenfels unabhängig und dafür ganz selbstständig zu werden. Dass dies noch Anstrengung und viel Arbeit bedarf, darüber sind sich Mohamad und Souad bewusst. Denn es erfordere viel Zeit, die Einkäufe zu tätigen und die Ware heranzuschaffen, um den Kunden ein ansprechendes Warenangebot zu präsentieren.

Wer  hinter dem „Bazar“ in Redwitz steht
Mohamad sortiert die frisch geholte Ware ein. Foto: Thomas Micheel

Die Ware holt Mohamad mit einem mittlerweile neuen Fahrzeug in erster Linie aus Nürnberg. Aber unter anderem führt der Weg manchmal auch nach Stuttgart und Leipzig.

Öffnungszeiten: Geöffnet hat der Laden übrigens von Dienstag bis Samstag, jeweils von 11.30 bis 18.30 Uhr.

 

Von Thomas Micheel

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