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LICHTENFELS

Wenn das Leben teuer wird

Seit dem 11. Oktober müssen Ungeimpfte Corona-Tests aus eigener Tasche bezahlen. Für die schwerkranke Monika M. verlief die Suche nach einer Befreiung bislang ergebnislos. Foto: Stephan Stöckel

In ihrem Körper brennt, drückt, kribbelt und sticht es seit vielen Jahren. „Weil meine Nervenenden abgestorben sind“, erklärt Monika M. (Name von der Redaktion geändert). An manchen Tagen seien die Nervenschmerzen schier unerträglich.

Sie sind Symptone einer seltenen Autoimmunerkrankung, die die Frau mittleren Alters seit Jahren quält. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl. Das trübe Herbstwetter drückt auf ihre Stimmung. Aber auch noch etwas anderes. In ihren Händen hält die Frau aus dem Landkreis Lichtenfels das Ergebnis eines Antigen-Schnelltests, den sie für eine Urlaubsreise benötigte. Zu einer Zeit, als dieser noch kostenlos war.

„Entweder du lässt dich impfen oder du zahlst. Das empfinde ich als Erpressung.“
Monika M., leidet an einer Autoimmunerkrankung

Seit dem 11. Oktober müssen Ungeimpfte dafür zahlen. Wenn sie zum Friseur muss oder ins Museum möchte – das kann für sie ins Geld gehen. Der Bayerische Hausärzteverband geht von künftig bis zu 35 Euro pro Antigen-Schnelltest aus. Bei PCR-Tests variieren die Preise zwischen 70 und 140 Euro, je nachdem, wie schnell ein Ergebnis vorliegen soll. Das haben Anfragen des Bayerischen Fernsehens bei verschiedenen Testzentren in Bayern ergeben. „Entweder du lässt dich impfen oder du zahlst. Das empfinde ich als Erpressung“, macht die Schwerkranke aus ihrem Herzen keine Mördergrube.

Sie hat in ihrem Leben gesundheitlich schon viel mitgemacht. In der onkologischen Abteilung einer Klinik hatte die behandelnde Ärztin die Blutdruckmedikamente abgesetzt, die sie seit Jahren genommen hatte – mit fatalen Folgen: Sie erlitt eine Gehirnblutung. Doch damit nicht genug: Nach einer Bestrahlung des Kopfes verschlechterte sich auch noch ihr Allgemeinzustand.

Könnte die Impfung dazu führen, dass Monika M. ein Pflegefall wird?

Darunter litt ihr Vertrauen in die Medizin. „Ich befürchte, dass sich die Impfung negativ auf meinen geschwächten Körper auswirkt, die Schmerzen intensiver werden, ich die letzte Kraft verliere und zu einem schweren Pflegefall werde“, bricht es mit angsterfüllter Stimme aus ihr heraus.

Auch ihre beste Freundin Britta B. (Name von der Redaktion geändert) ist gesundheitlich schwer angeschlagen. Ihre Diagnose: Rheumatoide Arthritis. In ihren Gelenken bildet sich Wasser, das sie anschwellen lässt. „Das ist sehr schmerzhaft“, sagt die Rheumapatientin, die in einem Nachbarlandkreis lebt. In ihrer Freizeit gönnt sie sich, bezahlt aus eigener Tasche, ein spezielles Krafttraining und Massagen. Für Britta B. sind das Dinge, wie sie sagt, die ihrer Gesundheit zuträglich seien. Durch die Testkosten könne sie sich das nicht mehr leisten. „Aber das interessiert in diesem Lande niemanden“, empört sich die Frau.

Würde die Impfung die Erfolge der Therapie bei Britta B. zerstören?

Schwerkranke klammern sich oftmals an jeden Strohhalm, sei er auch noch so klein. Bei ihr war es die hochdosierte und von einem Arzt verordnete Vitamin-D-Therapie, die bei ihrem Leiden zu minimalen Erfolgen führte. Britta B. hat Bedenken, dass durch die Impfung der Fortschritt wieder zunichte gemacht werden könnte.

Kritiker der kostenpflichtigen Tests sprechen von einer Impflicht durch die Hintertür. Widerspruch kommt von Dr. Otto Beifuss, der sowohl den ärztlichen Kreisverband Lichtenfels als auch den Bezirksverband Oberfranken leitet. „Es gibt in der Bundesrepublik Deutschland derzeit rechtlich keine Impfpflicht, außer bei der Masern-Mumps-Röteln-Impfung für bestimmte Tätigkeitsbereiche“, betont der Mediziner.

Warum sollen kostenlose Tests für Ungeimpfte bezahlt werden?

Der Staat habe bislang jedem Bürger in Form eines Tests eine kostenlose Schutzmaßnahme angeboten, als es noch nicht genügend Impfstoff gegeben habe. Jetzt, wo dies nicht mehr der Fall sei und viele Bürger bereits geimpft seien, stelle sich die Frage, ob aus Steuermitteln den Ungeimpften weiterhin kostspielige Tests zur Verfügung gestellt werden müssten, so Beifuss. Der Arzt räumt ein, dass auf die Nichtgeimpften ein gewisser Druck aufgebaut werde.

Beifuss zählt die drei Gruppen auf, für die es weiterhin kostenlose Tests gebe: Kinder unter zwölf Jahren, für die es noch keine Impfempfehlung gebe, Schwangere im ersten Trimenon – also in den ersten drei Monaten – und Menschen, die Allergien gegen bestimmte Bestandteile des Impfstoffs entwickeln.

„Wenn Sie Corona oder eine schwere Grippe bekommen, dann haben sie den meisten Schaden davon.“
Dr. Otto Beifuss, Vorsitzender des ärztlichen Kreisverbands

Wie verhält es sich mit chronisch erkrankten Personen? Für Beifuss sind das Personengruppen, die unbedingt geimpft werden sollten. Der 63-Jährige verweist auf die Fachgesellschaften für Onkologie und Rheumatologie, die eine solche Impfung empfehlen. „Wenn Sie Corona oder eine schwere Grippe bekommen, dann haben sie den meisten Schaden davon und müssen die meisten Konsequenzen tragen“, stellt der Mediziner fest.

Eine Empfehlung, die Britta B. auf die Palme bringt: „Übernimmt er die Verantwortung, wenn sich nach einer Impfung bei mir ein Schaden einstellt?“ Britta B. findet es ungerecht, dass Geimpfte, bei denen es zu Impfdurchbrüchen kommen könne, nicht nachweisen müssen, dass sie gesund seien.

Auch Ärzte, die von der Impfung abraten, stellen kein Attest aus

Die Suche nach einem Arzt, der ihnen eine Befreiung von der Bezahlung attestiert, verlief für die Frauen bislang im Sande und glich eher einem Spießrutenlauf. „Vergessen Sie es“, lehnte der Hausarzt von Britta B. ihren Wunsch ab. Ein paar Monate zuvor hatte er eine gesundheitliche Verschlechterung im Falle einer Impfung nicht ausgeschlossen.

Der Vorsitzende des ärztlichen Kreisverbandes Lichtenfels, Dr. Otto Beifuß, empfiehlt chronisch Kranken, sich gegen Corona impfen zu lassen. Foto: Stephan Stöckel

So erging es auch Monika M., die während einer internistischen Behandlung zu hören bekam: „Bei Ihrer halbseitigen Lähmung und den anderen chronischen Erkrankungen wäre ich vorsichtig mit einer Impfung.“ Die Vorfreude währte nicht lange. Bei der Bitte nach einem Attest winkte die Internistin freundlich aber bestimmt ab: „Es tut mir leid, aber ich kenne Sie zu wenig.“

Objektive und gewissenhafte Arbeitsweise

Treibt viele Ärzte mit Blick auf so manch schwarzes Schaf in ihren Reihen, das Schwindel mit fahrlässigen Mund-Nasenschutz-Befreiungen getrieben hat, die Angst um, die Polizei könnte demnächst vor der Haustüre stehen? Beifuss weist den Gedanken weit von sich. Die Ärzte oder Ärztinnen seien Manns oder Frau genug, zu ihrem Ergebnis zu stehen. Wenn ein Mediziner zu dem Ergebnis gelange, dass jemand nicht geimpft werden könne, dann müsse er es auch so attestieren.

Woran liegt es dann, dass so wenige in den Genuss kommen? „Es liegt daran, dass ein Attest nicht notwendig ist“, erwidert der Experte. Es spreche zugleich auch für die Objektivität und Gewissenhaftigkeit, mit der die Ärzte arbeiten. Sie stellten eben nur dann ein Attest aus, wenn es auch wirklich begründet sei.

Notfälle müssen unabhängig von 3G behandelt werden

Wie mehrere Fernsehsender und Tageszeitungen berichteten, gibt es bereits Arzt-Praxen, die die 3G-Regel anwenden. Einen Termin bekommt nur, wer geimpft oder genesen ist oder einen negativen Test nachweisen kann. „Der Hauptgrund ist der Schutz der Patienten, die sich nicht gegen Corona impfen lassen können“, erklärt Orthopäde Johannes Bauer aus dem schwäbischen Friedberg im Gespräch mit der Tagesschau.

Wie denkt Beifuss darüber? „Das kann man erwägen“, gibt der Experte offen zu. Zugleich stellt er aber auch klar: Alle Leute mit einem Notfall oder einer akuten interventionsbedürftigen Erkrankung würden weiterhin behandelt. „Da wird keiner nach der 2- oder 3G-Regel fragen. Das ist die Maßgabe der Bayerischen Landesärztekammer. Im Landkreis Lichtenfels ist mir noch keine Praxis bekannt, die nach 3G verfährt.“

Britta B. hat inzwischen von einem Facharzt ein Attest bekommen. Ihr Arbeitgeber besteht jedoch weiterhin auf einen kostenpflichtigen und teuren PCR-Test. Noch übernimmt er die Kosten für seine Mitarbeiterin, die in einer Einrichtung mit Kundenkontakt arbeitet. Aber: Die Aussage ihres Arbeitgebers, dass sie die Tests in Kürze selbst bezahlen muss, hängt wie ein Damoklesschwert über Britta B. Ausgang ungewiss …

 

Von Stephan Stöckel

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