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LICHTENFELS

Weltkindertag: Kinder brauchen Zeit und Familie

Weltkindertag 2020: Was brauchen Kinder heute? Foto: Pixabay

Das neueste PC-Game beherrschen, aber keinen Apfel mehr schneiden können? Bringen diese (fehlenden) Kompetenzen Kindheit heute auf den Punkt? „Viele Kinder lernen heute nicht mehr sich selbst zu beschäftigen, weil sie vor allem durch die Medien ständig bespaßt werden und alles präsentiert bekommen“, hat Michaela Schell beobachtet, Rektorin der Grundschule am Markt in Lichtenfels und Mutter von drei Kindern.

Nicht wenigen Mädchen und Jungen mangele es an Phantasie, selbst etwas Neues zu tun. Auch Alltagskompetenzen, wie sie früher zum Standard gehörten, ließen nach – etwa die Fähigkeit, etwas zu kalkulieren und einzukaufen oder einfach die Menschen auf der Straße zu grüßen. Das habe auch etwas mit Respekt zu tun, so Michaela Schell. „Viele Kinder sehen Erwachsene mittlerweile als Kumpel an, für sie gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Kinder und Erwachsenen.“ Dass sie oft von den Schülern geduzt wird, sei ein kleineres Übel. Das Fehlen von Grenzen dagegen ein Größeres.

Alltagskompetenzen gehen verloren, aber Chancen steigen

Positiv erachtet sie dagegen die gestiegene Offenheit der Kinder: Sie erzählen viel mehr, haben mehr Möglichkeiten und einen unbekümmerten Umgang mit technischen Geräten. Ohne Angst und Scheu probieren sie diese aus und gelangen meist zum Erfolg. Auch der leichtere Informations- und Kommunikationszugang sei positiv zu bewerten – wenn nicht die persönlichen Kontakte dabei verloren gehen.

Auch in dieser Hinsicht hat die Corona-Krise viele Schülerinnen und Schüler belastet: Zwar haben sich alle an die Sicherheits- und Hygieneregeln gehalten, doch seit dem neuen Schuljahr und den wieder vollständigen Klassen fallen die Kinder in alte Verhaltensmuster zurück. „Den Kindern haben die Kontakte untereinander gefehlt. Manche haben auch Angst.“ Ob die gesunde kindliche Entwicklung dadurch gefährdet sei, kann die Rektorin schwer einschätzen. Es komme darauf an, wie man damit umgeht – auch in den Familien. In der Grundschule am Markt haben Lehrkräfte und die Jugendsozialarbeiterin stets ein offenes Ohr für die Mädchen und Jungen.

„Zeit mit den Kindern verbringen und sie nicht von einer Aktivität zur nächsten schleifen!“, bittet die Rektorin die Eltern. Es sei auch notwendig, einmal Langeweile zuzulassen und die Mädchen und Jungen nicht wie junge Erwachsene zu behandeln, sondern als Kinder. Das beinhalte auch einmal „Nein“ zu sagen, aber auch den Kindern Freiraum zu geben, um etwas unbeaufsichtigt und altersentsprechend tun zu können – einmal alleine zum Spielplatz oder zum Mainbad zu gehen beispielsweise.

In der Grundschule am Markt in Lichtenfels werden derzeit 220 Kinder unterrichtet.

Das Behütete von früher lässt nach

Auch Diana Schmitt, Erzieherin im Kindergarten St. Bernhard in Klosterlangheim, beobachtet Veränderungen in der Bedeutung von „Kindheit“: „Das Behütete von früher lässt nach. Gerade durch die teilweise vielen und langen Betreuungen wird Vieles aus der Hand gegeben und nicht mehr in der Familie erlebt. Das ist nicht immer von Vorteil.“

Dabei spricht sie sowohl aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung als Erzieherin von Mädchen und Jungen verschiedener Altersklassen als auch als Mutter von drei Kindern. Für diese Entwicklung trage vor allem die Politik Verantwortung, die Eltern nach der Geburt ihrer Kinder möglichst zeitnah wieder in die Arbeit dränge.

Die vielen verschiedenen Betreuungsmodelle, -plätze und Zuschüsse seitens der Kommunen hierfür freuen Diana Schmitt, doch sollten auch diejenigen – meist- Mütter nicht vergessen werden, die den Nachwuchs gerne länger zu Hause betreuen würden. Diese Entwicklungen bereiten der Erzieherin Sorge. Längere Bezugszeiträume von Erziehungsgeld oder Ähnliches böten eine Alternative. Der gesellschaftliche Druck und einseitige Erwartungshaltungen seien fehl am Platz: „Jeder sollte das frei entscheiden können – eventuell mit finanzieller Unterstützung.“

„Gerade durch die teilweise vielen und langen Betreuungen wird Vieles aus der Hand gegeben und nicht mehr in der Familie erlebt. Das ist nicht immer von Vorteil.“
Diana Schmitt, Kindergarten Klosterlangheim

Außerdem seien die Kinder heute auf einem Level angekommen, an dem es ihnen an nichts fehle – das sei zunächst positiv. Allen voran versorgen die Medien mit einer Fülle an Informationen und Chancen. Das führe aber auch zu Überforderung und baue Druck auf– zum Beispiel mit der Entscheidung, wann Kinder ein Handy bekommen sollten.

Als positive Entwicklung beobachtet die Erzieherin, dass viele Kinder selbstständiger geworden seien.

Die Corona-Krise dagegen habe viele Kinder in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt. Manche sind gehemmt und fragen im Kindergartenalltag öfter: „Dürfen wir das jetzt wegen Corona oder nicht?“ Diana Schmitt betrachtet es nicht als „Sorgen“ der Kinder, doch als etwas, das sie sehr stark beschäftigt und allgegenwärtig ist. Umso mehr versucht der Kindergarten St. Bernhard Strukturen und feste Rituale zu bieten.

Trotz aller Hektik des Alltags Zeit für die Kinder nehmen

Auch Sie hat Tipps für Eltern parat. „Zeit nehmen, ganz klar!“, fordert Diana Schmitt. Eltern, aber auch Kinder leben in einer hektischen Zeit mit vielen Verpflichtungen. Dennoch oder gerade deswegen sollte es mehr Zeit für die Familie geben – und das bewusst. Gemeinsam mit dem Kleinkind Farben benennen, die man sieht, oder mit den Älteren einfach mal ein Spiel spielen – und das bewusst bis zum Ende, seien doch wunderbare Möglichkeiten!

Im Kindergarten St. Bernhard in Klosterlangheim werden derzeit 62 Mädchen und Jungen betreut.

Durch Medien sind Kindern eine Vielzahl an Inhalten zugänglich, doch macht das auch antriebslos? Foto: Corinna Tübel
Sich selbst beschäftigen können oder auch mal Langeweile zulassen – wie viele Kinder können das noch? Foto: Corinna Tübel

Von Corinna Tübel

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