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LICHTENFELS

Vom Vater gewürgt: ein Tag im Koma

Im Amtsgericht in der Kronacher Straße in Lichtenfels wird Recht gesprochen. Foto: Markus Drossel

Das, was zwischen Vater und Sohn zerbrochen war, ist bis heute nicht gekittet worden. Die Begegnung jedenfalls, die die beiden Männer am Mittwoch im Amtsgericht miteinander hatten, ließ kein Anzeichen auf Aussöhnung erkennen. Hier der Sohn, der gegen seinen Vater aussagte, und dort der Vater, der seinen Sohn gewürgt hatte.

Der 17. September des vergangenen Jahres muss als Höhepunkt eines Vater-Sohn-Konfliktes betrachtet werden, der sich auf einem Bauernhof im östlichen Landkreis zutrug. Es war gegen 10.30 Uhr; der 56-jährige Vater sprach mit seiner Frau auch über seinen Sohn. Das erregte dessen Interesse. Deshalb stieg dieser die Treppe nach oben, und ab da schaukelte sich alles auf.

Das Würgen hatte massive Folgen: Sohn ein Tag im Koma

So sah es in dem Schöffengerichtsprozess unter Vorsitz von Richter Matthias Huber der Staatsanwalt Alexander Brandt. Spätestens als er in seiner Anklage darauf zu sprechen kam, dass der Angeklagte seinen im dritten Lebensjahrzehnt stehenden Sohn gewürgt habe und es dabei zu einem Würgetrauma gekommen sei, mochte der Verdacht aufsteigen, dass dieser Vorfall anstatt unter gefährlicher Körperverletzung auch unter versuchtem Totschlag hätte verhandelt werden können. Denn die Folgen, die das Würgen hatte, waren massiv.

Es habe erst ein Husten eingesetzt und dann, obwohl die Hände des Vaters nicht mehr an seinem Hals gewesen seien, ein Luftmangel. Als der Sanitäter kam, hieß es nur: „Wir müssen intubieren (…), und wie ich aufgewacht bin, haben sie gesagt, dass ich 24 Stunden im Koma gelegen bin“, berichtete der Sohn ohne sonderlichen Belastungseifer, allerdings auch ohne Blick für seinen Vater.

Landwirt spricht von Raserei seines Sohnes und von Notwehr

Was die beiden Männer so gegeneinander aufgebracht hatte, lag laut Sohn in einer vom Vater ausgesprochenen Ehrverletzung. „Ich hab ihm, glaub ich, zuerst eine gegeben, weil er die Aussage gebracht hat: ,Was will ich denn mit meinem neben raus gemachten Kind?'“ Dann sei er zu Fall gebracht worden, und habe bald „beide Hände am Hals“ gehabt.

Der Vater, neben Rechtsanwältin Kerstin Reeger sitzend, schilderte den Sachverhalt anders. „Das stimmt nicht ganz so“, hob er an und versicherte, selbst Hurensohn genannt worden zu sein. Schlimmer noch: „Ich bin in den Bauch geschlagen worden (…), und dann hat er mir einen Beistelltisch hinterhergeworfen“, so der Landwirt die Raserei seines Sohnes beschreibend. „Irgendwie musste ich ihn ja bändigen, denn ich kann mich ja nicht erschlagen lassen. Wir haben schon mehrere Vorfälle gehabt.“

Darüber wollte Huber mehr wissen. Und erfuhr so von dem 2. August 2019, an dem der 56-Jährige schon einmal angegangen sein wollte. Als die Ausführungen hierzu aber zu weit vom eigentlichen Fall führten, ermahnte ihn Huber sachte: „Dass Sie ein angespanntes Verhältnis zu ihrem Sohn haben, habe ich verstanden.“

„Wenn man keine Reue

hat oder kein Einsehen,

dann stimmt was nicht.“

Ehefrau des Angekalgten

Was aber würde die Mutter und Ehefrau zu dem Vorfall von damals sagen? Würde sie überhaupt etwas sagen? Immerhin hat sie als Ehefrau ja auch ein Zeugnisverweigerungsrecht. Doch die Frau war aufgebracht und schimpfte: „Wenn man keine Reue hat oder kein Einsehen, dann stimmt was nicht.“

Was sie damit meinte, erklärte sie auf Anfrage des Gerichts umgehend und damit, dass ihr Mann sich nach dem gewalttätigen Vorfall nicht einmal nach dem Befinden seines Sohnes erkundigt habe.

„Der ist noch so blöd und tut für seinen neben raus gemachten Bankert bezahlen“, zitierte sie den Angeklagten. Eben dieser Satz sei ausschlaggebend für die dann einsetzende körperliche Auseinandersetzung gewesen. Auch die Frau bestätigte das Würgen ihres Mannes. Somit sah Staatsanwalt Brandt den Vorfall als unstrittig an. Dass der Angeklagte sich wehrend selbst auch auf dem Boden gelegen habe, „hat sich für mich nicht erwiesen“, so Brandt.

Hätte auch zu Anklage wegen Totschlags kommen können!

Zu zwei Jahren und drei Monaten Haft wollte er den Vater, der bislang noch nicht mit dem Strafgesetz in Berührung kam, verurteilt wissen. Aber dabei war keine Rede von einer Bewährung. Eine solche aber wollte Rechtsanwältin Reeger für ihren Mandanten erwirken. Zehn Monate sah sie für gerechtfertigt an, da ihr Mandant im Vorfeld des angeklagten Geschehens schon den Streit vom 2. August habe über sich ergehen lassen und die körperliche Auseinandersetzung am Tattag vom Sohn ausgegangen sei.

Das Urteil sollte schnell fallen. Nach nur wenigen Minuten der Beratung erschien das Gericht wieder im Saal 14, und Huber trug das Urteil vor. „Uns ist bewusst, dass das ein dynamisches Geschehen gewesen ist“, schaltete Huber dem Kommenden vor. Das bestand in einem Schuldspruch wegen gefährlicher Körperverletzung in Höhe von 18 Monaten Haft auf Bewährung. Drei Jahre wird die Bewährungszeit dauern; als Auflage wird der Verurteilte 2500 Euro zu zahlen haben.

Doch Huber hielt auch fest, dass es genauso gut hätte zu einer Anklage wegen versuchten Totschlags kommen können.

Von Markus Häggberg

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