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VIERZEHNHEILIGEN / ISLING

Vom Basilika-Sanierer zum Madonnen-Dieb

Die Kreuzkapelle am Islinger Friedhof, die aufgrund ihrer abgelegenen Lage außerhalb des Dorfes ein willkommenes Objekt für die Räuberbande war. Foto: Fabian Brand

Es war Anfang der 1960-er Jahre, als sich in Bamberg eine Gruppe Krimineller zusammenfand, zu der schon bald ein akademischer Bildhauer und Maler gestoßen war, der aus einer bekannten Bamberger Handwerkerfamilie stammte. Die Familie hatte unter anderem bei Restaurationsarbeiten an der Basilika Vierzehnheiligen mitgewirkt und in vielen fränkischen Kirchen ihre Spuren hinterlassen.

Raubzüge begannen im Juli 1962

Das Trio verdiente seinen Lebensunterhalt mit Straftaten, die ihnen ein mehr oder weniger großes Zubrot einbrachten. Durch den Bildhauer an ihrer Seite spezialisierte sich die Verbrecherbande schon bald auf Kunstdiebstähle. Die Serie dieser Raubzüge begann im Juli 1962, als das Trio ein Feldkreuz aus der Nähe von Köttmannsdorf bei Hirschaid entwendete. Kurze Zeit später folgte ein Einbruch in das Zeiler Käppele, bei dem eine Muttergottes-Figur gestohlen wurde.

Die Madonna im Rosenkranz, die aus der Werkstatt des Würzburgers Tilman Riemenschneider stammt und sich in der Kirche „Maria im Weingarten“ in Volkach befindet. Foto: Holger Uwe Schmitt

Der größte Coup der Gangster erfolgte im August 1962: In Volkach am Main befindet sich inmitten der unterfränkischen Weinberge die spätgotische Wallfahrtskirche „Maria im Weingarten“. Die Kirche birgt mehrere Kunstwerke aus der Werkstatt von Tilmann Riemenschneider, darunter die berühmte Madonna im Rosenkranz.

In Volkach sehr dilettantisch angestellt

Beim Raubzug selbst stellten sich die Diebe allerdings recht dilettantisch an: Die über dem Seitenaltar hängende Madonna ließ sich nicht aus der Verankerung lösen und krachte nach einigen gewaltsamen Versuchen auf den Altar. Dabei brachen mehrere Teile ab. Der Schock in der Bevölkerung war groß, als der Diebstahl bemerkt wurde. Vonseiten der Polizei wurde sofort eine Fahndung nach den Tätern eingeleitet, die allerdings erfolglos blieb.

Nach einem versuchten Einbruch in der Gügelkapelle, mehreren Kapelleneinbrüchen und einem Raubmord in der Raiffeisenbank Hirschaid gelangten die Madonnenräuber ins Lichtenfelser Land: Am Islinger Friedhof, der etwas abgelegen außerhalb des Dorfes an der Straße liegt, befindet sich die Kreuzkapelle, die 1745 von Thomas Nißler errichtet wurde.

Nichts Besonderes, aber lohnen tut es sich doch“

In der Nähe befand sich seinerzeit auch ein FKK-Gelände, das von den Tätern gerne aufgesucht worden war. Dabei hatten sie auch Gelegenheit, um sich die Kreuzkapelle in aller Ruhe auszukundschaften und abzuwägen, ob das Gotteshaus für einen Einbruch geeignet sei. „Nichts Besonderes, aber lohnen tut es sich doch“, soll einer der Räuber gesagt haben. Der Einbruch schien vor allem deshalb lohnenswert, weil die Einbrecher aufgrund der guten Lage des Friedhofs nachts unbemerkt in die Kapelle einsteigen konnten.

In der Nacht zum Donnerstag, 27. November 1963, wurde der Plan dann auch in die Tat umgesetzt. Unter Zuhilfenahme einer Leiter gelangten die Täter in das Gebäude. Ungestört konnten sie sich an den Kunstschätzen bedienen, die am leichtesten greifbar und erreichbar waren. Erbeutet wurden dabei eine Madonnenfigur, die das Christuskind in ihrem Arm trägt, sowie Altarkreuze aus Holz, die vergoldet waren.

Kirchentür von innen aufgebrochen

Zur Flucht aus der Kapelle wählten die Diebe den einfachsten Weg: Sie brachen die Kirchentür von innen auf und gelangten so zu den bereitgestellten Fahrzeugen. Zurück blieb ein Bild der Verwüstung: Die Leuchter waren umgeworfen worden, Kerzen lagen verstreut im ganzen Gotteshaus. Am linken Seitenaltar fehlte die Gottesmutter, und auf allen Altären waren die Kruzifixe geraubt worden.

Die Aufklärung des Falls wurde von den Beamten der Kriminalaußenstelle Bayreuth übernommen. Der genaue Tatzeitpunkt blieb zunächst im Dunkeln. Bald schon meldete sich eine Zeugin, die angab, am Mittwoch die Kirchentür noch verschlossen vorgefunden zu haben. Mit Polizeihunden wurde versucht, die Spur der Täter aufzunehmen, was aber misslang. Den gesamten Donnerstag waren die Polizeibeamten damit beschäftigt, den Tatort zu sichern und Hinweise aufzunehmen. Diese Arbeit wurde am darauffolgenden Freitag fortgesetzt.

Das Lichtenfelser Tagblatt titelte damals: „Muttergottesstatue wurde Beute eines frevelhaften Diebstahls.“ Der Wert der Statue der Gottesmutter wurde zunächst mit 3000 Mark angegeben, und schon kurze Zeit später auf 10 000 Mark erhöht. Für die Kriminalbeamten ergab sich keine heiße Spur. Täter und Beute blieben unerkannt und konnten untertauchen.

Volkacher Madonna für 50 000 Euro ausgelöst

Bis ins Jahr 1967 konnte die Täterbande ihr Unwesen treiben. Erst am 2. Oktober 1967 wurden die Madonnenräuber festgenommen und inhaftiert. Die berühmte Madonna aus der Volkacher Wallfahrtskirche war seinerzeit aber schon lange wieder in den Weingarten zurückgekehrt: Bereits im August 1962 wurde vom Chefredakteur des „Stern“ eine Anzeige geschaltet, die Madonna gegen 50 000 Mark einzutauschen. Die Diebe ließen sich auf den Handel ein, und so konnte schon 1963 die Madonna wieder an ihren angestammten Ort zurückkehren.

Und die gestohlene Madonna aus der Islinger Kreuzkapelle? Sie blieb verschollen, vermutlich hatten sie die Gangster bereits irgendwo auf dem Kunstmarkt zu Geld gemacht. Heute befindet sich in der Friedhofskirche eine Ersatzfigur, die um das Jahr 2000 unter dem Islinger Pfarrer Helmut Börner angeschafft wurde.

 

Von Fabian Brand

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