aktualisiert:

LICHTENFELS

Tigist Godiso Mitenaw: plötzlich abgeschoben aus Lichtenfels

Die Äthiopierin Tigist Godiso Mitenaw lebte fast neun Jahre in Deutschland, im März diesen Jahres wurde sie abgeschoben. Das Bild ist in Lichtenfels entstanden. Foto: red

Würde, Respekt, Geld, Erfahrung, Bildung? Was bringt man mit, wenn man etwa neun Jahre nicht „zu Hause“ war, so wie die Äthiopierin Tigist Godiso Mitenaw, die im März so langer Zeit aus Leben und Arbeiten in Lichtenfels in ihre Heimat abgeschoben wurde? Von all diesen Wünschen und Zielen konnte sie jedoch fast nichts vorweisen. Maria Hollering-Hamers, hrenamtliche im Auftrag der Aktiven Bürger Lichtenfels, prangert vor allem die Art und Weise an, wie Tigist abgeschoben wurde.

Es gehe ihr „nicht gud“, schreibt Tigist sie in einer Nachricht. Die Kommunikation ist mühsam und langwierig. „Ich habe kein Geld, keine Arbeit.“ Maria Hollering-Hamers möchte nun Spenden für sie sammeln – und für deren Kinder. Es geht nicht nur um kleine Geschenke für diese, die sie sich von ihrem geringen Gehalt in der Regiomed-Großküche absparen wollte. „Sie hatte für ihren Unterhalt gearbeitet, zahlte Steuern und hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen“, so Hollering-Hamers. Es geht um eine Chance für die kleine Familie. Denn die Abschiebung in die Hauptstadt Addis Abeba erfolgte – nach Aussagen der Äthiopierin selbst und der Ehrenamtlichen – für den derzeitigen Stand der Dinge plötzlich und unerwartet.

Sie wollte freiwillig ausreisen – aber sicher nicht so

„Dabei hatten wir der Ausländerbehörde im Frühjahr mitgeteilt, dass Tigist freiwillig ausreisen möchte“, sagt die Ehrenamtliche, die die Frau über viele Jahre hinweg in Lichtenfels begleitete. Ein konkreter Ausreiseplan, wie er hierfür vorzuweisen wäre, sei aufgrund der fehlenden Identitätsnachweise nicht möglich gewesen. „Die zuständige Sachbearbeiterin hat versprochen es in die Wege zu leiten und sich darum zu kümmern, die Papiere zu besorgen.“

Auf eine Nachfrage hin wurde ihr eine Verzögerung auf Grund eines Urlaubs der entsprechenden Mitarbeiterin sowie der Organisation der fehlenden Ausweisdokumente für die Äthiopierin mitgeteilt, so Hollering-Hamers. Denn diese Identitätsnachweise konnte die Äthiopierin nicht vorweisen. Das Landratsamt Lichtenfels gibt entgegnet: „Frau Mitenaw hat gegenüber dem Ausländeramt nie eine freiwillige Ausreise mitgeteilt.“

Vorwurf: Der libysche Arbeitgeber vernichtete die Papiere

Wie Hollering-Hamers erzählt, habe es in Tigists kleinen äthiopischen Dorf kaum Bildung für Mädchen gegeben. Es gab keine Post, kein Telefon und kein Internet, als sie vor etwa zehn Jahren ihre Heimat verließ, um für ein Jahr in Libyen zu arbeiten und Geld zu verdienen für ihre Familie. Ihre vier Kinder ließ sie in der Obhut ihrer Mutter zurück.

Die Ehrenamtliche im Auftrag der Aktiven Bürger Lichtenfels, Maria Hollering-Hamers, sammelt Spenden für Tigist Godiso Mittanaw. Foto: Tübel

Mit Gaddafis Tod brach nach einigen Monaten in Libyen Chaos aus und ihr Arbeitgeber flüchtete mit seiner Familie und seiner Angestellten nach Deutschland. So fand Tigist sich auf dem Frankfurter Flughafen wieder. Eine kurze Zeit verblieb sie noch mit dieser libyschen Familie in einem Auffangzentrum für Asylsuchende. Der Arbeitgeber vernichtete laut Hollering-Hamers auch ihre Papiere, um nicht so schnell zurückgeflogen zu werden.

Erst ins „Bergschloss“, dann ins City-Hotel

Einiger Zeit später verließ Tigist die Familie und stand alleine da. Irgendwann kam sie dann nach Lichtenfels und wurde im alten „Bergschloss“, das auch damals schon keinerlei Komfort bot, untergebracht. Da wohnte sie etwa drei Jahre gemeinsam mit drei anderen äthiopischen Frauen.

Tigist in Äthiopien. Foto: red

2015 stand dann das City-Hotel am Bahnhof für Geflüchtete zur Verfügung. Auch Tigist bekam dort ein schönes Zimmer mit eigenem Bad und eine Gemeinschaftsküche auf der Etage. Mit der Sprache tat sie sich schwer, denn ihre Muttersprache und einzige, die sie kann, war Amharisch. Diese verwendet auch völlig andere Schriftzeichen als das lateinische Alphabet, das wir verwenden.

Vielmehr belastete sie aber die Tatsache, dass sie ihre vier Kinder in Äthiopien zurücklassen musste. Wegen der fehlenden Ausweisdokumente bestand keine Möglichkeit, auf eigene Initiative zurückzufliegen.

Als drei Personen vor der Zimmertüre standen

Das dies sich schnell ändern sollte, war zu diesem Zeitpunkt im März noch nicht vorauszusehen. Hollering-Hamers: „Bei meinem nächsten Besuch im City-Hotel in Tigists Zimmer war sie sehr verstört. Sie erzählte: Gestern klopfte es an der Tür und es standen drei Personen da. Die wollten einen Coronatest machen. Ich fragte, wer sie sind und sie sagten: ,Wir kommen vom Landratsamt.‘ Maria, die wollen mich abschieben!“

Hollering-Hamers beruhigte sie, „weil ich mir das überhaupt nicht vorstellen konnte. Sie hatte sich doch bereit erklärt freiwillig auszureisen! Zwei oder drei Tage später bekam ich am Nachmittag einen Anruf von einem äthiopischen Dolmetscher, den ich nicht kannte. Er sagte mir ganz aufgeregt, dass Tigist schon in Äthiopien ist, dass sie abgeschoben wurde … Ich war entsetzt, ich war traurig, ich war wütend.“

Verschiedene Aussagen zu den Umständen der Abschiebung

Die Umstände dieses Vorgangs scheinen nicht eindeutig: Maria Hollering-Hamers geht auf Basis eines Gesprächs mit einem Dolmetscher sowie kurzen Telefonaten mit Tigist selbst davon aus, dass jene abends auf dem Heimweg aus der Großküche von der Polizei abgefangen und zum Flughafen gebracht wurde. „Sie hatte außer ihrer Handtasche und einem Beutel mit wahrscheinlich ihrer Arbeitskleidung gar nichts dabei“, so die Ehrenamtliche. „Man ließ sie nicht mehr nach Hause gehen, um noch etwas zu packen. Ihr letzter Monatslohn wurde nicht überwiesen. Und ihre 800 Euro sind noch auf der Sparkasse. Ich verstehe es nicht.“ Maria Hollering-Hamers ist auch heute noch fassungslos: „Kam denn niemand auf die Idee, dass es auch anders möglich gewesen wäre, menschlich, freundlich, würdevoll …?“

Doch es gibt auch andere Aussagen zu Tigists Abschiebung. So bestätigen die Polizisten der Inspektion Lichtenfels die sofortige Fahrt zum Flughafen nicht: Zwei Polizeibeamte hätten die Äthiopierin in ihre Wohnung begleitet, wo diese noch zwei Taschen mit Kleidung und dergleichen packen habe können. Von dem geringen Geld ihres Kontos wurde ein Teil der Abschiebekosten beglichen, gab das Landratsamt auf Anfrage an.

Fehlende Heimreisepapiere verzögerten Prozess

„Frau Mitenaw wusste, dass Sie seit 2014 ausreisepflichtig war. Der relativ lange Zeitraum bis zur Abschiebung war bedingt durch das fehlende Heimreisepapier, das erst im Jahr Oktober 2020 ausgestellt wurde“, so Pressesprecher Andreas Grosch. Tigist, die lange Zeit in der Asylunterkunft Schloßberg 1 in Lichtenfels untergebracht war, habe den Ablehnungsbescheid Ende November 2013 erhalten. „Es wurde laut Bescheid keinerlei asylrelevante Verfolgung glaubhaft gemacht.“ Die Klage beim Verwaltungsgericht wurde abgelehnt. Laut Bescheid des Bundesamts hatte sie im November 2014 auszureisen.

„Frau Mitenaw hatte über sechs Jahre Zeit zur freiwilligen Ausreise, diese wäre sogar noch finanziell gefördert worden. In diesem Fall wären von der Internationalen Organisation für Migration Heimreisepapiere beschafft worden.“ Doch Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat erklärt: „Für jemanden, der/die mit „leeren Händen“ zurückkehrt, gibt es nie einen freundlichen Empfang in der Familie.“

Maria Hollering-Hamers versucht, den Kontakt zu Tigist zu halten: Fehlende technische Ausstattung, schlechter Netzempfang in deren Dorf sowie die Sprachbarriere erschweren das. Die Äthiopierin freut sich, dass ihre Kinder sie wieder „Mama“ nennen und kämpft weiter – um eine Arbeit, um eine bessere Wohngelegenheit und um ihre Würde. Doch die ethnische „blutigen“ Konflikte, die Wirtschaftskrise im Zuge der Corona-Pandemie, die Auseinandersetzungen mit Nachbarstaaten um Land und Wasser drohen das Land zu zerbrechen. Hunderttausende leiden.

„Gerne würde ich Tigist 1000 Euro schicken. Das ist in Äthiopien viel Geld. Deshalb meine Idee: wenn 100 Menschen aus der Region je zehn Euro überweisen, hätten wir 1000 Euro für eine Frau, die hier ungefähr neun Jahre unsere Mitbürgerin war. Wir würden sie damit einfach sehr glücklich machen.“

Wer Tigist Godiso Mitenaw unterstützen möchte, kann sich mit Maria Hollering-Hamers in Verbindung setzen: hollering-hamers@gmx.de.

Stephan Dünnwald, Bayerischer Flüchtlingsrat, erklärt: Das ist eine Abschiebung

Die Abschiebung einer Person mit ausländischer Staatsangehörigkeit und fehlendem Recht zum Verbleib in Deutschland erfolgt auf Basis der Entscheidung der Ausländerbehörde des Landkreises, in dem die Person wohnt, oder der Zentralen Ausländerbehörde. Vorausgegangen ist dieser Entscheidung in der Regel die Ablehnung des Asylantrags durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, sofern dem ein Antrag auf Asyl eingegangen ist. Wird Klage dagegen erhoben, entscheidet das Verwaltungsgericht.

Im Falle einer Ablehnung erhält die Person eine Frist zur freiwilligen Ausreise. Diese beträgt in der Regel maximal drei Monate.

In vielen Fällen ist eine freiwillige Ausreise aus finanziellen Gründen oder aufgrund fehlender Identitätsnachweise nicht möglich. Die Androhung der Abschiebung, die als Zwangsmaßnahme gilt, ist die Folge. Wird die Abschiebung vollstreckt, wird das meist geringe Vermögen der Person, sofern diese keine Sozialleistungen in Deutschland bezogen hat, mit den Kosten der Abschiebung „gegengerechnet“.

In einigen Fällen kann es passieren, dass die Personen in ihr Heimatland zurückgeflogen werden, obwohl sie möglicherweise dort politisch verfolgt und seit Jahrzehnten in anderen Ländern ansässig waren.

„Wenn eine Abschiebung eingeleitet wurde und die Person freiwillig ausreisen möchte, dann sollte man das in jedem Fall versuchen zu ermöglichen. Das ist für die Menschen viel weniger belastend und sie können ihre Ankunft steuern. Außerdem ist die freiwillige Ausreise deutlich günstiger als eine Abschiebung,“ meint Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat. (tüb)

 

Von Corinna Tübel

Weitere Artikel