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LICHTENFELS

Stadtplanung für Lichtenfels: Lernen aus der Pandemie

Der Lichtenfelser Stadtbaumeister Gerhard Pülz über Chancen und Herausforderungen zu Zeiten der Pandemie. Foto: Till Mayer

Die Folgen der Pandemie zeigen auch auch Notwendigkeiten in der Stadtplanung auf. Der Lichtenfelser Stadtbaumeister Gerhard Pülz über seine Vision für Lichtenfels und seine Ortsteile.

„So wie viele Bürger, machte ich während des Lockdowns im Frühjahr 2020 - trotz aller negativen Krisensymptome - auch neue, positive Erfahrungen: Meine Heimatstadt Lichtenfels mit weniger Lärm, weniger Hektik im Straßenverkehr und einem klaren, flugzeuglosen Himmel über unserem Gottesgarten.

Eine weitere Erkenntnis aus den Folgen der Pandemie war, dass Bürger, die über einen Garten verfügen, im Lockdown größere Freiheiten hatten und die Krise besser bewältigen konnten. Auf der anderen Seite hat sich für viele aber auch gezeigt, wie beengend die Dichte eines Mietshauses oder der Stadt sein kann. Freie Flächen und Natur in der Stadt wurden zum elementaren Grundbedürfnis.

Der Klimawandel führt zu neuen Anforderungen

Um unsere Stadtquartiere künftig resilient zu gestalten und auf die Klimaveränderungen mit immer extremeren Dürresommern einzustellen, gilt es in der künftigen Stadtentwicklung, das Thema ,Stadt- und Gartengrün' mehr in den Fokus zu rücken. Innerstädtische Grünflächen und Gärten mit Bäumen erfüllen neben biologischen und klimatischen auch soziale Funktionen.

Die Möglichkeiten, sich von Krisen unabhängig zu machen, sind meines Erachtens im ländlichen Raum vielfältiger als in den Metropolen. Lichtenfels ist eine kompakte Kleinstadt, die in räumlicher Nähe Wohnen, Arbeiten, Nahversorgung sowie Natur- und Erholungsflächen zu bieten hat. Die Ressourcen für Nahrungsmittel, Trinkwasser und erneuerbare Energien sind in unserem ländlichen Raum in Relation zur Einwohnerzahl auch umfassender vorhanden als in Ballungsgebieten.

Diese Erkenntnis bietet für Lichtenfels große Standortchancen. Ich habe weiterhin festgestellt, dass während des Lockdowns das Bewusstsein der Bürger für ein ausgewogeneres und nachhaltigeres Leben gewachsen ist. Auch dies ist ein positiver Effekt der Pandemie,denn grundsätzlich glaube ich, dass jeder Bürger seinen Betrag leisten muss, wenn die Klimawende gelingen soll.

Nachhaltig handeln, der Zukunft zuliebe

Definitionsgemäß bedeutet Nachhaltigkeit ,eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der jetzigen Generation befriedigt, ohne die Entwicklungsmöglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden'. Momentan verbrauchen wir Europäer jedoch mehr als das 1,5-fache dessen was nachwächst. Unser wenig nachhaltiges Leben auf Pump der künftigen Generationen wird für unsere Kinder ein Problem darstellen.

Deshalb wäre es klug jetzt zu handeln und umzudenken. Mit der Vision 2030 hat sich die Stadt Lichtenfels bereits mit vielen Projekten auf diesen Weg begeben. Dennoch gibt es auch hier immer wieder Zweifler, die von der Richtigkeit des eingeschlagenen Wegs überzeugt werden müssen beziehungsweise muss auch die Vision 2030 regelmäßig nachjustiert werden.

„Die Möglichkeiten, sich von Krisen unabhängig zu machen, sind meines Erachtens im ländlichen Raum vielfältiger als in den Metropolen.“
Gerhard Pülz, Stadtbaumeister

Mit der ,kommunalen Planungshoheit' haben die Städte und Gemeinden ein solides Instrument erhalten, mit dem die städtebaulichen Rahmenbedingungen im Sinne des Nachhaltigkeitsgedankens gesetzt werden können. Ich bin mir sicher, dass nur mit einer nachhaltigen Stadt- und Gebäudeplanung, der Grundstein für eine widerstandsfähige und zukunftsweisende Stadtentwicklung gelegt werden kann.

Kurze Wege sind wichtig

Die Erfahrungen aus der Corona-Zeit haben mich bekräftigt, dass kurze Wege zum Arbeitsplatz, Arzt oder Lebensmittelhändler sowie wohnortnahe innerstädtische Grünflächen gepaart mit nachhaltigen Mobilitätsangeboten zum Maßstab für eine gelungene, krisenfeste Stadtentwicklung werden.

Meines Erachtens kommt dabei den Innenstädten und Dorfplätzen eine besondere Bedeutung zu. Innenstädte müssen wieder mehr zum Lebenszentrum werden in dem sowohl gearbeitet, als auch gewohnt und gelebt wird. Der Markt oder Dorfplatz muss wieder mehr zum Ort werden an dem jung und alt, aus allen Bevölkerungsschichten zusammenkommen.

Für die innerstädtische Gestaltung ergeben sich hieraus hohe Anforderungen. Um das Ortszentrum herauszuheben, braucht es meines Erachtens dort auch eine überdurchschnittliche Qualität an Architektur. Die Innenstadt betreffend hat die Stadt Lichtenfels bereits ein Bündel an Maßnahmen auf den Weg gebracht. Die neue Stadtbibliothek, das FADZ oder das Archiv der Zukunft sind hier die prominentesten Beispiele. Herauszuheben ist aber auch, dass viele Bürger bereit sind, ihre Häuser ansprechend zu gestalten.

Bisher viel zu wenig beachtet wurde meines Erachtens die lokale Nahversorgung mit Geschäften in allen größeren Ortsteilen und einem Angebot an heimischen Produkten als Teil der lokalen Kreisläufe.

Starke regionale Landwirtschaft wichtig

Dafür braucht es neben einer starken regionalen Landwirtschaft und Logistik vor allem auch eine Bevölkerung, die nicht nur in Krisenzeiten die kleinen lokalen Lebensmittelhändler wertschätzt und unterstützt. Letztendlich würde eine solche Entwicklung auch zur Verkehrsvermeidung beitragen und wäre somit ein wichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeit. Denn wie immer gilt: ,Wertschöpfung Vorort nützt dem Klimaschutz und der Region.' Angesichts der kollektiven Homeoffice-Erfahrung hat sich - wie erwartet - herausgestellt, dass ein Ausbau der digitalen Netze dringend notwendig ist. Gerade im ländlichen Raum muss nun mit Hochdruck die ,letzte Meile' beim schnellen Internet verwirklicht werden. Das Bauamt der Stadt Lichtenfels hat hier die Zeichen der Zeit erkannt und baut in den bisher von den Providern unerschlossenen Ortsteilen ein Leerrohrnetz für Glasfaserleitungen auf.

Ich habe auch festgestellt, dass der Coronasommer vielen Bürgern den Blick für die Schönheit unserer heimischen Landschaft geöffnet hat. Das ist gut so, denn unsere Heimat hat nicht nur unseren Touristen viel zu bieten. Nicht ohne Grund hat Victor von Scheffel bereits 1859 in seinem Frankenlied unsere Landschaft als ,Gottesgarten' bezeichnet. Wir müssen jedoch auf der Hut sein und die Schönheit unserer Landschaft und auch unsere Baukultur in den Ortschaften für künftige Generationen bewahren. Jedem Bauherrn muss klar sein, dass in der Architektur nichts so unmodern wirkt, wie die Moderne von gestern. Letztendlich ist unsere Baukultur die Summe jahrhundertealter Erfahrung, und unsere gewachsenen Ortskerne zeigen,dass es für das Gesamtbild eines Ortes besser ist, wenn beim Bauen nicht jeder aus der Reihe tanzt!“

Von Gerhard Pülz

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