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LICHTENFELS

Senioren-Impfpflicht findet keiner gut

Coronavirus - Impfen in Apotheken
Die Impfpflicht für Senioren lehnen acht Verantwortliche aus dem Landkreis, die qua Beruf oder Ehrenamt viel mit älteren Menschen zu tun haben, ab. Auch bei den Themen Impfen und der Wirksamkeit der Maßnahmen gegen die Pandemie gehen die Meinungen auseinander. Symbolfoto: Sven Hoppe/dpa Foto: Sven Hoppe (dpa)

In der ersten Aprilwoche kam es im Bundestag zu heftigen verbalen Schlagabtäuschen. Der Grund: die allgemeine Corona-Impfpflicht ja oder nein. Dem Antrag zu einer solchen wurde nicht stattgegeben, im Raum steht nun aber eine für Menschen ab 60 Jahren.

Ein Vorgang, den auch acht Verantwortliche im Landkreis verfolgten, die besonders auch mit Senioren zu tun haben. Bei ihnen hat sich das OT umgehört, wie sie zu Fragen rund um eine Impfpflicht ab 60 Jahren stünden.

Rudolf Ruckdeschel. Foto: Red

Rudolf Ruckdeschel ist Behindertenbeauftragter des Landkreises, Thomas Petrak hingegen Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes. Was sie mit Landrat Christian Meißner oder der Seniorenbeauftragten für den Landkreis, Lichtenfels' SPD-Stadträtin Monika Faber, absolut gemein hätten, wäre die Auffassung, dass eine Impfpflicht, wenn schon, dann eher allgemein und nicht ab 60 Jahren zu gelten hätte.

„Bin für die Impfpflicht allgemein“

Thomas Petrak. Foto: red

Auf die konkrete Frage, ob eine derartige Pflicht lediglich für Menschen ab 60 Jahren Schutz genug böte, gibt sich Ruckdeschel konsequent: „Nach meiner Meinung ist das kein ausreichender Schutz, ich bin für auch für die Impfpflicht allgemein.“ In einer solchen Pflicht sieht der Lichtenfelser auch „den besten Schutz für einen milderen Verlauf“. Petrak sieht das ähnlich, immerhin „tragen die Impfungen auch zu einer Verringerung der Viruslast in der Bevölkerung insgesamt bei. Da macht das Alter sicherlich keine Unterschied“.

Landrat Christian Meißner. Foto: red

Ein Hauch von Strenge schimmert bei Meißners Sicht durch und der Landrat geht mit dem Bund ins Gericht. Eine „Impfung für Senioren macht aus meiner Sicht nur Sinn, wenn es eine generelle allgemeine Impfpflicht gegeben hätte und diese Entscheidung hätte der Bund zügig im letzten Jahr treffen müssen“, sagt er.

Monika Faber. Foto: Red

Damit liegt er ganz auf Linie von Faber, die es „mehr als unverständlich“ findet, dass sich der Bundestag nicht auf eine allgemeine Impfpflicht hat einigen können. „Dies ist nicht allein meine spezifische Meinung, sondern auch die vieler Menschen, nicht nur Senioren, mit denen ich mich über dieses Thema unterhalte“, so die Lokalpolitikerin weiter.

Frank Gerstner. Foto: Red

Einer, der bei all dem Gesagten vielleicht die saftigsten Worte in Richtung Berlin ausspricht, ist Frank Gerstner vom BRK-Mehrgenerationenhaus in Michelau. Der diplomierte Sozialpädagoge meint, „der Zeitpunkt, eine Impfpflicht durchzusetzen, ist vorüber“. Er spricht auch von „Rumgeeiere“ im Vorfeld einer solchen, die der Diskussion um ihre Sinnhaftigkeit nicht genützt habe. Wenn schon Impfpflicht, dann „alle oder keiner“, denn alles andere führe nur zu „gesellschaftlichen Unruhen“.

Fabian Franke. Foto: LisaLeuchtmann

Wenn es unter diesen sieben Befragten zu einer Abstimmung bzgl. einer Impfpflicht kommen würde, könnte das Ergebnis auf drei Befürwortungen bei einer Gegenstimme und drei unentschlossenen Ansichten ausfallen. Das Nein zu einer Impfpflicht kommt dabei von Fabian Franke, dem Pflegeheims St. Elisabeth. Seine Begründung: „Mit dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand wäre eine Impfpflicht seitens der Regierung meines Erachtens grob fahrlässig. Dies hat die Mehrheit des Bundestages erkannt und dagegen gestimmt.“

Eher ratlos und unschlüssig zeigen sich hierbei Inge Motschenbacher und Timm Vogler. Das hat seine Gründe und die liegen bei Inge Motschenbacher in Beobachtungen im eigenen Umfeld. Motschenbacher ist die Seniorenbeauftragte der Stadt Weismain und weiß von geboosterten Kollegen zu berichten, die es trotz Impfung dennoch „ziemlich heftig erwischte“. Kurz und gut: Sie fragt sich, „was die Impfung überhaupt gebracht hat?“.

Inge Motschenbacher. Foto: Red

Aber sie hält auch fest, dass sie im Eigentlichen nicht gegen Impfungen sei, aber „Ungeimpfte kennt, die noch nichts hatten und Geimpfte, die es voll erwischt hat“. Rätselhaft für sie und Grund genug, keine Entscheidungen treffen zu wollen. Das wäre bei Timm Vogler ähnlich gelagert. Auch der Kreisbrandrat hält für sich fest, dass es für ihn persönlich „derzeit nicht möglich ist, mich eindeutig (…) zu positionieren“. Grund: „Wir wissen einfach noch zu wenig über die Wirkweise und Mutationsmöglichkeiten vom Virus.“

Eine andere Frage ist auch von Bedeutung, die nämlich, ob es im Bezug auf eine Impfung von Menschen ab 60 Jahren genügte, auf Eigenverantwortung zu setzen. Hierbei würde eine Abstimmung mit 3:2 Stimmen bei zwei eher ausweichenden Haltungen darauf lauten, dass eine Pflicht empfehlenswerter wäre. Petrak begründet es damit, dass „der Wunsch nach Normalität (…) nach zwei Jahren Corona-Frust so groß wie nie“ ist und die Eigenverantwortung „verdrängt“ habe. Und weiter: „Nach meiner Wahrnehmung sind die Menschen zunehmend bereit, das Virus billigend in Kauf zu nehmen. Es gibt in der Bevölkerung sicher ein Großteil, wo es mit der Eigenverantwortung klappt. Das zeigen die Impfquoten. Aber ein anderer Großteil wird sich nicht überzeugen lassen – auch das zeigt die gegenwärtige Lage.“

„Fast keine Maßnahme hat zu Erfolg geführt“

Im Gegensatz dazu liest sich die Einschätzung Frankes anders, denn für ihn hätten die letzten zwei Jahre gezeigt, dass „fast keine der eingesetzten Maßnahmen zu irgendwelchen nennenswerten Erfolgen geführt hat. Ganz im Gegenteil, unsere nächsten Generationen werden noch viel zu lange an den Kollateralschäden zu knabbern haben“. Zwei durchaus kraftvolle Haltungen.

Kreisbrandrat Timm Vogler. Foto: Red

Der Frage, ob es aufgrund keiner verpflichtenden Impfungen zu einer nächsten Corona-Welle im Herbst kommen könnte, begegneten die meisten der Befragten mit einhelliger Ratlosigkeit. Das sei etwas, wofür man auch eine „Glaskugel“ befragen könnte, wie Vogler und Gerstner unabhängig voneinander bilanzieren. Lediglich Monika Faber prognostiziert ob des aus ihrer Sicht derzeitigen „Taktierens der verantwortlichen Politiker quer durch alle Parteien“ eine nächste Corona-Welle im kommenden Herbst und dies „unweigerlich“.

Mit Kritik an Corona-Krisenmanagement der Bundespolitik hielt man sich zumeist auch nicht zurück. So bemängelt Landrat Meißner, man hätte zu „Beginn der Impfungen eine bundesweit einheitliche Softwarelösung benötigt, die es nicht gab“.

„Politik wurde gewählt, um Entscheidungen zu treffen“

Gerstner geht in gewisser Weise noch einen Schritt weiter und hätte sich mehr Entscheidungsfreude gewünscht, gepaart mit mehr Verbindlichkeit für jeden. „Unsere Politik wurde gewählt, um Entscheidungen zu treffen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie es auch tut“, erklärt er.

Von Markus Häggberg

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