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LICHTENFELS

Schulstart für ukrainische Kinder

Lehrkräfte wie Julia Hass, die selbst ukrainisch sprechen, sind ein „Trumpf“ für die Brückenklassen wie am Meranier-Gymnasium-Lichtenfels. Foto: Corinna Tübel

Zum Schulanfang gibt es eine Schultüte – auch, wenn man nicht mehr die erste Klasse besucht. Diese besondere Überraschung für alle neuen Schüler der Herzog-Otto-Mittelschule, auch für die ukrainischen, hinterließ strahlende Augen. Gefüllt mit Kleinigkeiten und einer persönlichen Botschaft, gemeinsam gebastelt von Schülern höherer Klassen und Lehrkräften erzeugten sie vielleicht noch einen Funken mehr Motivation als ohnehin schon vorhanden. „Die Schüler sind sehr engagiert und begierig darauf zu lernen“, verrät Cornelia Schaller, Klassenleitung der „Brückenklasse“ an der Mittelschule. Diese besondere Form soll es ukrainischen Schülern ab 10 Jahren vor allem ermöglichen, schnell Deutsch zu lernen und in eine Regelklasse integriert zu werden.

Zuweisung zur Schule erfolgt wohnortnah

Die Zuweisung zu diesen Klassen erfolge möglichst wohnortnah, so Stefanie Mayr-Leidnecker, Schulamtsdirektorin im Bezirk Lichtenfels, auf der Grundlage der Meldungen der Einwohnermeldeämter der Städte, Märkte und Gemeinden des Landkreises Lichtenfels. Dieser Prozess habe im August stattgefunden. Derzeit besitzen die Herzog-Otto Mittelschule Lichtenfels, die Adam-Riese MS Bad Staffelstein, das Meranier Gymnasium, das Gymnasium Burgkunstadt und die Realschule Burgkunstadt jeweils Brückenklassen.

Hier wird das fach Deutsch unterrichtet. Foto: Corinna Tübel

So werden etwa an der Realschule Burgkunstadt derzeit 15 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine beschult. Zwölf von ihnen haben bereits die dortige Willkommensklasse besucht. Das ist die Regel: Rund 75% der Schülerinnen und Schüler waren bereits seit ihrem Eintreffen in Deutschland in pädagogischen Willkommensgruppen oder in Regelklassen ihrer Sprengelschulen. Die Schulpflicht greift drei Monate nach dem Eintreffen der Kinder und Jugendlichen in Deutschland.

Einzelne Stunden in Regelklassen

Der Stundenplan für die Burgkunstadter Brückenklasse beinhaltet beispielsweise zehn Stunden Deutsch, vier Stunden Englisch und fünf Stunden Mathe. Die Inhalte sind so durch das Bayerische Kultusministerium vorgegeben. Für die restlichen elf Stunden sind die Kinder gemäß ihrem Alter in Regelklassen der Jahrgangsstufen fünf bis neun zugeteilt, verrät Direktorin Monika Geiger.

Diana Hanani ist hochmotiviert und freut sich schon darauf, am Unterricht einer Regelklasse teilzunehmen. Foto: Corinna Tübel

Dies soll bald auch an der Herzog-Otto-Mittelschule Lichtenfels geschehen. Derzeit erhalten die Schüler der Brückenklassen zudem eigenen Kunst- und Sportunterricht. Ihr Schultag endet jedoch am Mittag, um den Mädchen und Jungen Gelegenheit zu geben, auch am ukrainischen Online-Unterricht teilzunehmen. „Das machen auch alle“, weiß Cornelia Schaller. „Viele wissen ja noch nicht, wie es für sie weitergehen wird.“ Auch das Meranier-Gymnasium Lichtenfels hat sich eine besondere Idee ausgedacht, um die Integration für die 25 ukrainischen Schüler, aufgeteilt in zwei Brückenklassen, in die Schulgemeinschaft weiter zu fördern: Seit kurzem werden sie auch in einzelnen Stunden wie dem Sportunterricht am Unterricht der Regelklassen teilnehmen.

Eine Herausforderung bildet dabei die Kommunikation, die wiederum vom Sprachniveau abhängig ist. „Die Sprachkenntnisse reichen von Anfangskenntnissen im Deutschen bis zu durchaus guten Kenntnissen“, verrät StD Paul Endres, Mitarbeiter in der Schulleitung und Schulpsychologe.

Viele Lehrkräfte sprechen ukrainisch

Doch viele Schulen haben einen oder gar mehrere „Trümpfe“ in der Hand: Bei den Lehrkräften der Brückenklassen am Meranier-Gymnasium-Lichtenfels handelt es sich etwa um Personal mit unterschiedlichen pädagogischen bzw. Unterrichtsfachkenntnissen, die für diese Klassen angeworben wurden. Eine pädagogische Fachkraft betreut die ukrainischen Kinder von Anfang an und ist für Deutschunterricht verantwortlich. Weiterhin gibt es eine Lehrkraft für Mathematik und Englisch, die ausgebildete Lehrkraft für Mathematik in der Ukraine ist, eine Lehrkraft für Englisch hat bereits Unterrichtserfahrung als Teamlehrkraft an der Realschule.

Viel Deutsch-Unterricht prägen den Alltag der Brückenklassen am Meranier-Gymnasium-Lichtenfels, bald sollen die Schüler auch einzelne Stunden in Regelklassen besuchen. Foto: Corinna Tübel

Alle Lehrkräfte sprechen Russisch bzw. Ukrainisch. Auch an der Realschule Burgkunstadt hat die pädagogische Assistentin und gelernte Kinderpflegerin mit russischen Wurzeln, die in der Vergangenheit bereits als Willkommenslehrkraft beschäftigt war, nun die Funktion der Klassenlehrerin in der Brückenklasse übernommen und unterrichtet dort Deutsch. Des Weiteren gibt es eine ukrainische Lehrerin für Englisch, die Mutter eines Schülers ist, und eine für Mathematik. Die Herzog-Otto-Mittelschule hat neben Cornelia Schaller, die dort schon immer Hauptansprechpartnerin für das Fach Deutsch als Zweitsprache war, ebenfalls eine ukrainisch- und russisch-sprachige Lehrkraft sowie eine Drittkraft an ihrer Seite. Meist gestalten die Fachkräfte zu zweit den Unterricht.

Erfahrung aus Flüchtlingssituation 2015

Ihnen allen ist Erfahrung in der Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit nicht-deutscher Muttersprache aus der Flüchtlingswelle 2015 gemeinsam, bestätigt auch die Schulamtsdirektorin. Viele verfügen über eine Ausbildung in Deutsch als Zweitsprache oder haben seither Fortbildungen in diesem Bereich besucht. Die regionalen und überregionalen Lehrerfortbildungsorganisationen bieten nun auch vermehrt Formate an, die die Lehrer nutzen können.

Praktische Hilfen im Alltag leisten auch die digitalen Medien: Auch schuleigene Tablets im Unterricht helfen beim Deutschlernen, so auch am Meranier-Gymnasium. Auch Übersetzungs-Apps mit eigenen Smartphones, soweit vorhanden, sind im maßvollen Umgang und zielgerichtet erlaubt.

Schulpsychologen beobachten die Situation

Denn Sprache ist auch wichtig, wenn Schüler Probleme haben. Das Beratungsangebot der Schulpsychologen kann im Bedarfsfall in Anspruch genommen werden. Am Meranier-Gymnasium bestand dafür allerdings bis jetzt noch kein Bedarfs, so Paul Endres. Dennoch ist man gerüstet. Steffen Biskupski, Schulpsychologe und Lehrer an der Herzog-Otto-Mittelschule, und die Lehrkräfte beobachten genau, was die Mädchen und Jungen stark belastet und unterstützen sie bei Problemen. Sie möchten Halt, Verlässlichkeit und Sicherheit vermitteln. „Unsere Arbeit hat aber auch seine Grenzen. Wir arbeiten beratend, nicht therapeutisch.“ Gegebenenfalls wird Steffen Biskupski Schüler an geeignete Therapeuten weitervermitteln.

Schultüten für „die Neuen“ an der Herzog-Otto-Mittelschule zum Beginn des neuen Schuljahres, so auch für die ukrainischen Schüler Nastia Pashchenko und Bohdan Tyshchenko. Foto: HOS Lichtenfels

Ebenfalls aufmerksam muss das Team im Hinblick auf Diskriminierungen sein. „Mit dem Beginn des Angriffskrieges von Putin auf die Ukraine sind viele politische Diskussionen gestartet. Wir müssen darauf achten, dass bestimmte Meinungen nicht zur Ungleichbehandlung führen.“ Stefanie Mayr-Leidnecker verweist zudem auf das Angebot der Schulpsychologen in Form von Fortbildungen und Unterstützung im Bereich „Umgang mit traumatisierten Schülerinnen und Schülern“. Gleichzeitig beraten diese auch bei Schullaufbahnempfehlungen, etwa bei ukrainischen Schülern mit erhöhtem Förderbedarf. Denn: Die Aufnahme für die Schulform der Mädchen und Jungen wurde nicht eigens diskutiert, sondern soll erst am Ende dieses Schuljahres thematisiert werden. „Wie das gehen soll, weiß noch keiner“, so die Direktorin der Realschule Burgkunstadt. Leistungseinstufungen durch Testverfahren wurden bisher noch nicht vorgenommen, sondern beruhen auf den Beobachtungen im Unterricht, werden aber zukünftig zum Einsatz kommen, blickt Paul Endres voraus.

Doch erst einmal sind Deutschlernen und Integration die Gebote der Stunde: Monika Geiger spricht von einem „verhaltenerem Umgang“ der deutschen Schüler mit Ukrainischen im Vergleich zum Frühjahr. „Auch die Ukrainer selbst sind, wenn sie die Regelklassen wie am Ende des vergangenen Schuljahres besuchten, sehr zurückhaltend. Die Integration, zum Beispiel am Wandertag, hat nur in den unteren Klassen gut funktioniert.“ Zwei Ukrainerinnen engagieren sich aber als Sängerinnen bei schulischen Veranstaltungen. Durch mehr Berührungen sollen sich jedoch auch die Kontakte intensivieren, so ist man sich an der Herzog-Otto-Mittelschule sicher.

 

Von Corinna Tübel

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