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LICHTENFELS

Rentner muss sich vor dem Lichtenfelser Gericht verantworten

Das Amtsgericht Lichtenfels: Dort arbeitet Maik B.

Zwar fuhr der 80-Jährige wohl wenig forsch, aber darum wusste er offenbar umso forscher zu beleidigen. Zumindest sah es das Gericht um Vorsitzende Daniela Jensch so, die zu einem Vorfall vom Juli 2019 eine Entscheidung zu fällen hatte.

Hätte die Ehefrau des Seniors aus Bonn während der Verhandlung etwas Entlastendes beizutragen gehabt? Rechtsanwalt Hans-Günter Charl deutete das an und bedauerte auch hinsichtlich dessen, dass sein Mandant in der Zwischenzeit Witwer geworden war. Doch was Staatsanwalt Mario Geyer gegen den Pensionär vorbrachte, wirkte mitunter ungeheuerlich. So soll dieser am 19. Juli des vergangenen Jahres auf der Straße von Grundfeld nach Vierzehnheiligen einen Überholvorgang dadurch verhindert haben, dass er in dem Moment nach links scherte, in dem ein anderes Auto im Begriff war, ihn zu überholen. Das passierte nach Ansicht Geyers sogar zweimal, wobei der Mann mit der Überholabsicht einmal sogar im Bankett landete. Höhepunkt dieses eigenwilligen Kennenlernens zweier Autofahrer bestand dann aber in einer handfesten Beleidigung, ausgesprochen durch den Senior.

Wohl 40 bis 50 Kilometer pro Stunde sei dieser gefahren, erinnerte sich der 57-jährige Forchheimer mit einstiger Überholabsicht. „Der wird halt abbiegen wollen, deshalb fährt er nicht schnell“, habe er eigenen Angaben zufolge zu der herabgesetzten Geschwindigkeit vermutet. Als Ziel für das Abbiegen vermutete der Forchheimer das Fußball-Golf-Gelände, doch an diesem steuerte der Bonner vorbei. „Wie ich dann überholen will, geht er vom Gas und zieht links rüber.“ Dabei soll der Pensionär auch noch eine Armbewegung gemacht haben, die sich in Richtung Kampfansage interpretieren lässt. Zumindest zeigte der Forchheimer im Zeugenstand eine erhobene Faust. „Der Vorfall war schon gemeingefährlich, hab ich noch nie erlebt.“

Mischung aus Entrüstung und Ratlosigkeit

Er habe, so der Zeuge, der Sache nachgehen und den Vorausfahrenden zur Rede stellen wollen. Der wiederum, weil er einen Schwerbehindertenausweis hatte, bekam Genehmigung bis zur Basilika und einer dortigen Wirtschaft zu fahren und eben dort wurde er von dem Forchheimer gestellt und angesprochen. „Du Arschloch!“, habe dieser dann wiederum zu hören bekommen, zusammen mit dem Rat, zu verschwinden. „Der Vorfall war schon gemeingefährlich, so etwas hab ich noch nie erlebt“, erinnerte sich der Zeuge mit einer Mischung aus Entrüstung und Ratlosigkeit.

Von Einsicht keine Spur

Ein zweiter Zeuge stützte die Aussage des Mannes. Es handelte sich um einen befreundeten gleichaltrigen Zahntechniker, der Beifahrer war. Den wiederum beschäftigte die Frage, ob der Vorausfahrende womöglich alkoholisiert unterwegs gewesen sein mochte. Eben darum wollte er den Bonner zur Rede stellen. Nachdem dieser dann „Hau bloß ab, du Arschloch, sonst passiert was!“ aussprach, habe er mit sich gerungen, ob er das zur Anzeige bringen sollte. Letztlich entschied er sich dazu.

„Ich stehe zu diesem Kraftausdruck“, erklärte sich der 80-Jährige zu seiner Unflätigkeit. Aber diese habe er nur vorgebracht, weil er sich vor Publikum gemaßregelt fühlte. „Ich habe ihn nicht von vornherein so genannt, sondern weil er auch ständig auf mich eingeredet hat.“ Dass er sich anderweitig falsch verhalten haben soll, gab der Senior nicht zu. Was Staatsanwalt Geyer in seinem Plädoyer besonders herausstellte, war das, was die beiden Zeugen in seinen Augen so glaubwürdig machte. Sie hätten „keinen Belastungseifer“ gezeigt und nüchtern die Vorgänge beschrieben. Insofern seien die 4800 Euro, die in dem gegen den Bonner ergangenen Strafbefehl standen, in seiner Höhe gerechtfertigt.

Doch um das Geld schien es dem Ruheständler, der allmonatlich vom Staat mit 3000 Euro bedacht wird, weniger zu gehen. Er sei auf das Auto angewiesen und bat darum, von dem im Strafbefehl formulierten sechsmonatigen Fahrbefehl abzurücken. Tatsächlich fehlt dem Rheinländer ein Unterschenkel und er betrat den Gerichtssaal mit einem Rollator. „Ausnahmsweise ein Fahrverbot von drei Monaten“, signalisierte Geyer befürworten zu wollen. Richterin Jensch hielt an den 4800 Euro fest und verfügte ein zweimonatiges Fahrverbot.

Von Markus Häggberg

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