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Radelnd durch den „Wohlfühlgarten“ am Obermain

Radelnd durch den „Wohlfühlgarten“ am Obermain
Radler, Geologe, Ladenbetreiber und Kundschafter: Paul Kappler aus Heidelberg weiß jetzt, dass es lohnt, am Obermain Urlaub zu verbringen.

Das hatte die Marktgemeinde so noch nicht bei sich zu Gast. Die diesjährige „Tour de Natur“ führte am Donnerstag auch an den Obermain und selbigen Tags auch von ihm weg. Vor Jahren als Bürgerprotest gestartet, steigen seitdem jeden Sommer Radler auf die Sättel und in die Pedale. Einblicke in ein kleines Großereignis.

Direkt pünktlich waren sie nicht, pünktlich war nur einer, und das war der Bürgermeister. Bernd Storath war schon vor 10 Uhr vor Ort. Aber da war am Naturbad noch lange nichts von Fahrradklingeln zu hören.

Abkühlung mit Qualitätssiegel

Es hatte seinen guten Grund, weshalb man sich hier begegnen wollte, denn wenn das Kind schon „Tour de Natur“ heißt, dann sollten die aus ganz Deutschland stammenden Radler auch in einem See Abkühlung finden, der mit einem weltweit gültigen Qualitätssiegel prämiert wurde. Stichwort: Blaue Flagge. Und während Storath noch gedanklich zusammenfasste, was er den Ankommenden darüber erzählen wollte, näherte sich der Tross allmählich.

Radelnd durch den „Wohlfühlgarten“ am Obermain
Bürgermeister Bernhard Storath hatte seine Zuhörer. Aber die Quote der stehenden Zuhörer lag nicht bei 100 Prozent. Foto: Markus Häggberg

Um 10.40 Uhr war er da; die Radler kamen durch den Eingang, manche sanken ermattet ins Gras, andere holten Karten zur Orientierung heraus, wieder andere gönnten sich erst einmal eine Erfrischung. Aber dann bildeten sie auch bald eine Traube um Storath und ließen sich auf ihn als Erzähler und den See als einen Tageshöhepunkt ein. Doch was ficht Menschen an, bei einer bald 30 Jahre alten Tradition mitzustrampeln, wie erleben sie die an ihnen vorüberziehende Welt und wie ausgerechnet die am Obermain?

Keine aggressiven Autofahrer

Radelnd durch den „Wohlfühlgarten“ am Obermain
Auch wenn es hier nicht so aussieht, ließ sich Hanno Neurohrer doch gerne fotografieren. Aus Radfahrersicht spricht er hiesigen Autofahrern sogar ein Lob aus. Foto: Markus Häggberg

Hanno Neurohr macht wenig Umschweife. Bald nachdem er vom Rad gestiegen ist, nimmt er den See ins Visier und springt in die Fluten. Die Blaue Flagge, das hat er von Storath gehört, wird hier nahezu alljährlich gehisst beziehungsweise vergeben. Damit macht die Deutsche Gesellschaft für Umwelterziehung klar, dass es sich bei diesem See um ein umweltbewusstes und sauberes Gewässer handelt.

Der Mann hat Spaß, und als er aus dem Wasser steigt und spricht, da möchte man nicht glauben, dass er Mittelfranke ist. „Zu lange in Schwaben gelebt“, sagt er über seinen Dialekt, und bei der Frage, wie es ihm hier so an Ort und Stelle gefällt, macht er gleich einen Übertrag in seine Heimat. „Ich habe 20 Jahre am Bodensee gelebt, ich bin froh, dass ich in Franken wohn'.“ Wegen „leben und leben lassen“. Dann, um Präzisierung gebeten, erklärt er, dass er am Obermain „keine aggressiven Autofahrer“ wahrgenommen habe. Dafür aber einen urigen Wirt im Bad Staffelsteiner Umland, der erst unfreundlich gewesen sei, dann „handzahm, und dann Schokolade an die Radler verteilte“. Gerd Weibelzahl ist ein Hiesiger. Der Mann kommt aus Grub am Forst, ist diesjährig ins Organisationsteam der Tour de Natur geraten und lacht schon selbst darüber. Er, diplomierter Betriebswirt, sagt: „Vermutlich in einem Zustand der geistigen Verwirrung.“ Er meint es natürlich nicht ernst, aber den Ernst hinter der Tour kennt er genau.

Radelnd durch den „Wohlfühlgarten“ am Obermain
Die Frage aller Fragen: Wie geht's weiter? Und wo entlang? Foto: Markus Häggberg

Auch in der DDR hatte es eine Naturschutzbewegung gegeben, und aus ihr entstand die Grüne Liga Dresden, die Weibelzahl als Tour-Veranstalter nennt. Zu Nicht-Corona-Zeiten war die Tour auch oft mit einer Botschaft zum Naturschutz verbunden, war quasi eine Demonstrationsfahrt. Aber Demonstrationen sind jetzt Corona-bedingt schwerlich großformatig möglich, darum firmiere die diesjährige Tour rechtlich als Radsportveranstaltung.

„Wo will ich 150 Leute über Nacht unterbringen, wenn ich keine Sporthallen kriege?“
Gerd Weibelzahl, Organisator über die Corona-Lage

Eigentlich dauert sie zwei Wochen und führt bei alljährlich wechselnden Streckenverläufen über Distanzen von über 450 Kilometern, aber 2020 ist vieles anders. Jetzt ist sie kürzer, es nehmen nicht so viele Menschen teil, und was zwischen dem Start am Stausee Hohenfelden und Zielort Bamberg liegt, sind nur 250 Kilometer Strecke. „150 bis 200 Radler nehmen üblicherweise am Tag teil“, so Weibelzahl und erklärt, dass es eine Art Zusteigesystem gibt. Man könne sich an Streckenstationen radelnd dazugesellen oder verabschieden. Aber 2020 war man weit von solchen Zahlen entfernt. „Wo will ich 150 Leute über Nacht unterbringen, wenn ich keine Sporthallen kriege?“, so der Mann zur Corona-Lage.

Unter den 30 Radlern, die sich noch auf dem sechsten und letzten Teilstück nach Bamberg befinden und jetzt den See genießen, ist auch Paul Kappler. Der Mann ist Heidelberger, radelt seit gut zehn Jahren mit und hat einen guten Grund, gerade jetzt dabei zu sein: „Für mich ist das eine Pilot-Tour“, sagt er und das heißt: Er will herausbekommen, ob es sich hier gut urlauben lässt. Wie also gefällt es ihm am Obermain? „Es ist lieblich hier“, so der studierte Geologe zu dem Umstand, dass das „Tal noch gut erkennbar“ ist, weil es Schultern hat. „Man fühlt sich gut aufgehoben und der Main hat einen natürlichen Verlauf und klares Wasser.“

Eine „innere Ruhe“

Radelnd durch den „Wohlfühlgarten“ am Obermain
Absteigen, baden, Ruhe schöpfen - das ersehnten die Radler an diesem heißen Tag. Hier die Vorhut der insgesamt 30. Foto: Markus Häggberg

Der Geologe, der einen Fahrradladen betreibt, schaut bei der Natur genau hin, aber er glaubt auch, den Menschenschlag erkannt zu haben. „Was ich angenehm finde, ist die innere Ruhe der Menschen“, sagt er. Er glaubt, dass die hiesige „weiche Sprache“ Anteil daran hat, und ahmt das Fränkisch vergnügt nach: „Dur de Nadur – das ist die Weichheit des Herzens.“ Nur den Begriff „Gottesgarten“ findet er ein bisschen hoch gegriffen, denn Gottesgärten gebe es überall auf der Welt. Sein Fazit ist jedenfalls, dass er wiederkommen wird.

Bei Lutz Wallis aus Leipizig ist das anders. Der war schon da. Beruflich. Auf einer Bank mit Blickrichtung See zählt er die Firmen auf, für die er hier schon auf Montage tätig war. „Diese Weite, diese Erhöhungen“, nennt er als prägenden Eindruck und findet, dass die Täler hier etwas weiter sind als die um Leipzig. Den „Gottesgarten“ würde er umtaufen in „Wohlfühlgarten“. Zu Kloster Banz kann er sagen, dass es ein „Schmankerl fürs Auge“ ist, aber zur Güte der Obermaintal-Radwege ist aus der Gruppe nicht viel zu erfahren. „Ihr habt tolle Radwege hier“, sagt er. Er sagt aber auch, dass man halt meist auf der Straße fuhr.

Dann, so gegen 13 Uhr, stellt man die Räder parat, zurrt noch einmal das Gepäck fest und sitzt auf. Der See hat erfrischt, Bamberg kann kommen.

Von Markus Häggberg

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