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LICHTENFELS

Pfarrerin Salzbrenner: Von Einsamkeit, Angst und Hoffnung

Die Pandemie hat auch einiges bei der Arbeitsweise als Geistliche auf den Kopf gestellt. Pfarrerin Anne Salzbrenner musste neue Wege finden, um ihren Gläubigen nahe zu sein. Foto: Till Mayer

Pfarrerin Anne Salzbrenner bringt es in einem Satz auf den Punkt, was sie bei vielen Gesprächen am Telefon mit ihren Gläubigen erfährt: „Nachts kommen die Geister aus den Ecken.“ Bei einsamen alten Menschen – und immer mehr auch bei den jungen.

„Das ist ist ein großer Unterschied zum ersten Lockdown“, sagt die Lichtenfelser Pfarrerin. Damals wandte sie sich als Seelsorgerin vor allem an die älteren Gläubigen. Senioren, die plötzlich eine Risikogruppe waren. Ihre Kinder und Enkel nicht mehr sehen konnten. „Die Pandemie war etwas völlig Neues. Der Virus bedrohte gerade die Gesundheit und das Leben von Senioren“, erklärt Anne Salzbrenner. Das ist so geblieben. Bis heute greift sie täglich zum Hörer und ruft alte Menschen an. „Oft sind die Senioren zu bescheiden, selbst Initiative zu ergreifen“, sagt die Geistliche. Manchmal ist viel Geduld notwendig, wenn die Angerufenen am anderen Ende der Leitung schlecht hören: „Für schwerhörige Senioren ist es besonders hart, zu Corona-Zeiten Kontakt zu halten.“

Jetzt müssen die Menschen schon fast ein Jahr mit den Folgen der Pandemie leben. „Und immer mehr sieht sich auch die jüngere Generation bedroht. Die Sorge um die Sicherheit des Arbeitsplatzes wächst. Familien stehen bei der Kinderbetreuung vor gewaltigen Herausforderungen. Wir haben die ersten Massenentlassungen im Landkreis gehabt. Das macht Angst, das weckt nachts die Geister und raubt den Schlaf“, meint die Geistliche.

„Der Glauben gibt Hoffnung“, meint Pfarrerin Anne Salzbrenner. Foto: Till Mayer

Und so würden sich viele Eltern fragen, wie lange macht der Arbeitgeber das mit, wenn sie zu Hause bei den Kindern bleiben. „Dann werden Kinder beispielsweise für drei Tage in die Notbetreuung der Kita gegeben. Und zwei weitere in der Woche sind sie bei den Großeltern. Von der Ansteckungsgefahr aus gesehen, eine sehr unglückliche Lösung. Aber oft sehen Eltern einfach keine andere Möglichkeit“, erklärt Anne Salzbrenner.

„Und immer mehr sieht sich auch die jüngere Generation bedroht. Die Sorge um die Sicherheit des Arbeitsplatzes wächst.“
Anne Salzbrenner, Pfarrerin

Neulich leistete sie einem jungen Mann, Ende Zwanzig, seelsorgerischen Beistand am Telefon. „Er hat angerufen. Nach einem Tag wie so vielen im Homeoffice. Dann als Single weiter in den Abend und in die Nacht, ohne einen Menschenseele als greifbaren Ansprechpartner zu haben. Die Einsamkeit macht vielen zu schaffen und drückt auf das Gemüt“, berichtet die Pfarrerin.

Pfarrerin Anne Salzbrenner in „ihrer“ Kirche: Die Pandemie zeige, wie wertvoll die Feste und Feiern sind, die nun ausfallen müssen. Foto: Till Mayer

Der zweite Lockdown falle den Menschen schwerer. Dabei war auch die Zwischenzeit nicht einfach: keine großen Taufen und Hochzeiten. „Es ist schwer, wenn beim letzten Abschied von einem Menschen nur eine kleine Gruppe den Angehörigen Trost geben kann. Das macht mich als Seelsorgerin sehr betroffen zu sehen“, erklärt Anne Salzbrenner.

Jetzt zieht sich der zweite Lockdown bleiern dahin. „Die Menschen sind frustriert. Sie hoffen auf eine Perspektive“, sagt Anne Salzbrenner. Vielleicht macht sie das auch immer anfälliger für Verschwörungstheorien. „Das ist schon erschütternd, was sich manche an völligem Unsinn zusammenreimen“, schüttelt sie den Kopf. Die Folgen der Pandemie spalten unsere Gesellschaft. „Bis in die Familien hinein. Und Verschwörungsprediger wie Ivo Sassek heizen alles an“, führt Anne Salzbrenner aus.

„Wir müssen lernen, mit der Pandemie zu leben.“
Anne Salzbrenner, Pfarrerin

Für Anne Salzbrenner ist es nicht die Lösung, sich von einem Lockdown zum nächsten zu hangeln. Sie fordert klare Hygieneregeln, die für alle und überall gelten. „Wir müssen lernen, mit der Pandemie zu leben. Ich glaube nicht, dass es eine frühere Normalität geben wird, sondern dass wir lernen müssen, mit der jetzigen Normalität und nach dem Lockdown mit der dann neuen Situation umzugehen. Es gibt kein Leben ohne Corona, nur mit, aber wir werden damit umgehen lernen. Auch ohne Lockdown wird das Leben anders sein“, sagt sie.

„Dabei bringt es nichts zu verzweifeln. In ärmeren Ländern kann der Staat nicht so viel Unterstützung geben wie in Deutschland. Wir hatten noch nie einen so harten Lockdown wie in Italien oder China. So schwer unsere Situation ist, für andere ist sie noch härter“, meint sie. Auch Kinder könnten mit den Folgen der Pandemie besser umgehen, als manche Eltern befürchten. „Wenn man ihnen die Pandemie richtig erklärt, ohne ihnen dabei Angst zu machen“, fügt sie hinzu.

Doch die Folgen der Pandemie könnten auch Positives bewirken. „Uns wird deutlich, wie wichtig Gemeinschaft ist, wie wertvoll Treffen mit anderen Menschen bei Familienfesten bis zu religiösen Anlässen sind“, führt sie aus. „Wir kommen am besten mit Kreativität weiter. Eine Online–Party zum Geburtstag. Das geht. Oder die Gratulanten nacheinander zum Spaziergang mit Abstand einladen. Unsere Ideen kann uns Corona nicht nehmen“, sagt Anne Salzbrenner. Die seit Corona selbst ein deutliches Stück mehr im digitalen Zeitalter angekommen ist.

Verlegenheitslösung wird zum Gewinn

Manchmal macht Corona aus einer Verlegenheitslösung sogar einen echten Gewinn. „Aufgrund der Pfarrhaussanierung bin ich vorübergehend bei Freunden eingezogen. Das war eine Notlösung. Jetzt bin ich froh, nicht ab 21 Uhr völlig alleine sein zu müssen. Das wäre, glaube ich, wirklich schlimm für mich“, sagt die Pfarrerin.

 

Von Till Mayer

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