aktualisiert:

MICHELAU IN OBERFRANKEN

Michelauerin Mareike Naumann diskutiert mit Ministerin Trautner

Jugendliche tauschen sich online mit Staatsministerin Carolina Trautner aus: Auch Mareike Naumann von der evangelischen Jugend im Dekanat Michelau diskutierte mit. Foto: red

Michelau Mareike Naumann ist ein aktives Mitglied der evangelischen Jugend im Dekanat Michelau. Sie bringt sich nicht nur aktiv in ihrer Kirchengemeinde in Michelau ein, sondern engagiert sich darüber hinaus auch auf Kirchenkreisebene als stellvertretende Vorsitzende des Geschäftsführenden Ausschusses der jährlichen Kirchenkreiskonferenz.

Der Einladung der Staatsministerin Carolina Trautner zu einem Gespräch mit Vertretern der Kinder- und Jugendarbeit in Bayern folgte sie gerne und berichtet uns von diesem außergewöhnlichen Treffen.

Obermain-Tagblatt: Mareike, was hat dich motiviert, am Treffen mit der Staatsministerin teilzunehmen?

Mareike Naumann: Mich hat der Austausch mit anderen Jugendlichen gereizt, denen es in ihren Vereinen und Verbänden ähnlich geht wie uns in der evangelischen Jugend (EJ). Es ist eine einmalige Chance, von einer Politikerin angehört zu werden: Die Möglichkeit, ihr unsere Sorgen und Wünsche mitteilen zu können – nicht vertreten durch einen Erwachsenen, sondern ungefiltert aus erster Hand – wollte ich nicht ungenutzt lassen.

Bestärkt hat mich das entgegengebrachte Vertrauen unseres hauptberuflichen EJ-Teams im Dekanat, die mir Mut gemacht haben, auch in diesem Rahmen uns Jugendlichen eine Stimme zu geben.

Du bist sowohl im Dekanat als auch im Kirchenkreis sehr engagiert. Welche Botschaft der Jugend war dir besonders wichtig, dass sie von der Staatsministerin gehört wird?

Mareike Naumann: Uns Jugendlichen fehlt der soziale Kontakt und die einfache Möglichkeit, unkompliziert Freunde zu treffen, enorm. Bei uns in der evangelischen Jugend habe ich in so kurzer Zeit so viele verschiedene Menschen kennengelernt wie nie zuvor. Doch all das ist seit der Pandemie nicht mehr möglich. Ich durfte selbst so viel auf Freizeiten lernen und konnte mittlerweile selbst Jugendliche zuerst auf der Kinderfreizeit und später in ihrer Konfirmandenzeit begleiten. Dadurch sind Beziehungen und Freundschaften entstanden und unersetzliche Erfahrungen mit Gleichaltrigen.

„Wir haben versucht, zu verdeutlichen, dass Treffen in diesen Rahmen deutlich ungefährlicher sind als unkontrollierte Treffen von Jugendlichen zuhause.“
Mareike Naumann, evangelische Jugend Michelau

Doch durch die Distanz brechen diesen Kontakte ab und ich befürchte, in vielerlei Hinsicht unwiderruflich. Natürlich haben auch wir versucht die Distanzregeln durch digitale Angebote aufzufangen, aber das ist einfach nicht das gleiche. Der Kontakt kann so zwar gehalten werden, aber die Beziehungen werden leider nicht vertieft.

Was war den anderen Jugendlichen wichtig, was waren ihre Themen, die sie in das Gespräch mit der Staatsministerin eingebracht haben?

Mareike Naumann: Wir waren uns eigentlich alle ziemlich einig, dass uns vor allem der Kontakt und die Treffen fehlen. Aber auch einfach die Möglichkeiten unserer Freizeitgestaltung wurden von heute auf morgen gestrichen, ohne sich Gedanken zu machen, welche Folgen das für uns hat. Eine erzählte ganz konkret von der psychischen Belastung unter den Jugendlichen, weil sie sich zuhause regelrecht eingesperrt fühlen.

Für viele von uns ist der Jugendtreff, die Jugendgruppe oder das Jugendzentrum wie ein zweites Wohnzimmer. Dort treffen wir Leute, die wie eine zweite Familie für uns sind, die uns auch unterstützen, wenn wir beispielsweise in der Schule oder in der Familie Probleme haben. So wie unsere Freizeiten der EJ ein riesengroßes Lernfeld sind, gibt es in Jugendzentren Nachhilfe und Bildungsmöglichkeiten weit über die Schule hinaus. Doch all das scheint nicht mehr wichtig zu sein und da ist es auch egal ob Hygienekonzepte existieren. Wir haben versucht, zu verdeutlichen, dass Treffen in diesen Rahmen deutlich ungefährlicher sind als unkontrollierte Treffen von Jugendlichen zuhause.

Feuer und Flamme: Mareike Naumann bei der Aktion der Offenen Kirche in Michelau im November. Foto: Klaus Gagel

Es ist für uns auch nicht nachvollziehbar, warum wir wieder in den Präsenzunterricht sollen, dort unsere halbe Klasse treffen können, Zuhause dann aber nur einen Freund einladen dürfen. Zwar war das Thema Schule nicht unser Hauptthema, doch da Jugendliche oft auf ihr Schülerdasein reduziert werden, möchte ich an dieser Stelle auch dazu etwas sagen: Die Presse spricht oft nur von den Abschlussklassen und dann meist auch nur von den Abiturienten. Die Schüler, die an der Realschule oder der Mittelschule ihren Abschluss machen, werden nur selten bis gar nicht erwähnt. Diese Berichterstattung hinterlässt schon den Eindruck, dass die einen für unsere Gesellschaft relevanter sind als die anderen und das tut weh!

Wie hast du das Gespräch mit Frau Trautner empfunden? Hattest du das Gefühl ernst genommen und gehört zu werden?

Mareike Naumann: Das Gespräch wurde ja vom Bayrischen Jugendring (BJR) mit vorbereitet und ich muss an dieser Stelle sagen, dass das wirklich gut organisiert war. Wir Jugendlichen konnten uns im Vorfeld digital treffen und uns gegenseitig kennenlernen und wahrnehmen. Uns wurde der größtmögliche Rückhalt gegeben, aber auch die absolute Freiheit und Offenheit, alles zu sagen was uns auf der Seele liegt. Der BJR hätte nur in das Gespräch eingegriffen, wenn unser Redeanteil zu gering ausgefallen oder im Austausch mit den Erwachsenenvertretern aus Elternschaft und Kindertagesstätten untergegangen wäre. Doch das war überhaupt nicht nötig. Staatsministerin Trautner hat zu allererst uns angehört und uns nacheinander aufgerufen. Dabei haben die Erwachsenen uns durch die Reaktionsmöglichkeiten von Zoom beigepflichtet und uns so in unseren Argumenten unterstützt. So kam eine richtig gute Diskussion zustande, in der wir uns als Jugendliche auch immer wieder gegenseitig ergänzt haben. Die Ministerin hat sehr viel mitgeschrieben und am Ende auch noch einmal alles zusammengefasst.

Alles in allem ein sehr respektvoller Umgang. Ich habe mich auf jeden Fall gehört und ernst genommen gefühlt und die Bestätigung von Gleichaltrigen und Erwachsenen, dass wir in der EJ mit dieser Sichtweise nicht alleine dastehen, hat unheimlich gutgetan.

Am Ende haben wir uns noch einmal mit dem BJR getroffen und auch er war mit uns sehr zufrieden und hat uns mitgeteilt, dass auch die Ministerin von der hohen Jugendbeteiligung beeindruckt war und unsere Sorgen und Wünsche mitgenommen hat.

Das bringt uns direkt zur nächsten Frage: Was denkst du was die Ministerin aus dem gehörten macht?

Mareike Naumann: Frau Trautner hat unser Wünsche, Sorgen und Anregungen sehr positiv aufgefasst und auch Verständnis vermittelt. Sie hat allerdings auch betont, dass sie die Entscheidungen nicht alleine treffen kann, sondern immer in Absprache mit anderen. Sie wird aber unsere Sichtweise in die entsprechenden Diskussionen einbringen, sich für uns stark machen und sich auch für zeitnahe Lockerungen in der Jugendarbeit einsetzen. Versprechen konnte sie aber leider nichts, dennoch hatte ich den Eindruck, dass wir Einfluss auf ihr politisches Handeln genommen haben und es sich nicht nur um ein Gespräch handelt, das später in der Schublade versinkt.

Was wünschst du dir persönlich?

Mareike Naumann: Ich wünsche mir, dass es auch im Bereich der Jugendarbeit schrittweise Lockerungen gibt, die für uns Jugendliche nachvollziehbar sind, damit Jugendarbeit mit geregelten Veranstaltungen bald wieder stattfinden kann.

Was ist dein persönliches Fazit des Gespräches?

Mareike Naumann: Ich bin vor allem dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte und würde mich immer wieder dafür entscheiden. Auch wenn nicht alles sofort umgesetzt werden kann, war die Chance, von einer Politikerin gehört zu werden, sehr wertvoll. Mir persönlich war es sehr wichtig auch die Sichtweisen der anderen Jugendlichen zu hören und gleichzeitig zu merken: denen geht es ähnlich, wir sind mit unserem Standpunkt nicht alleine. In dieser Hinsicht war der Austausch im Vorfeld untereinander besonders wertvoll. Hier war auch die Sprache etwas jugendlicher und nicht so förmlich wie im Beisein der Ministerin.

Kinder und Jugendliche sind mehr als nur Schüler, wir sind junge Menschen, die anderen begegnen wollen. Darum ist es schön zu sehen, dass wir als Jugendliche gehört und ernst genommen wurden, da wir die Zukunft sind, die die Auswirkungen langfristig (mit)tragen müssen.

 

Von Judith Bär

Weitere Artikel