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LICHTENFELS

Mainblick: Einmal ein Held sein

Mainblick: Einmal ein Held sein
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Was sind das für Zeiten, in denen es schon reicht, zu Hause auf dem Sofa zu bleiben, um ein Held zu sein? Corona macht's möglich und die Rücksicht auf Andere notwendig. Essen gehen geht nicht mehr, Theater oder Kino auch nicht. Und Freunde soll man möglichst auch nicht treffen. Was machen Sie denn so, um die unendliche Zeit, die sie durch die erneuten Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie gewinnen, zu nutzen?

Auf dem Sofa kann man ja so einiges anstellen, lesen, fernsehen, stricken und noch viel mehr... Doch ich habe zum Glück einen Garten. Dank Kurzarbeit und Ausgehverbot stürze ich mich auf Arbeiten, vor denen ich mich sonst drücke. Eine Fingerübung war der Bau einer Terrasse im Frühjahr. Und nachdem der Rasen zum letzten Mal gemäht und vom Laub befreit ist, habe ich mich an einen richtig dicken Brocken gewagt. Ein japanischer Ahorn, den ich vor 15 Jahren als Blickfang neben eine Zaubernuss gesetzt hatte, braucht einen neuen Standort. Weil eine zu nah gepflanzte Zypresse den Ahorn zu ersticken droht, will ich ihn retten.

Während ich sonst immer um jedes der leuchtend roten Blätter getrauert hatte, das der Herbstwind davon wehte, konnte ich es jetzt kaum abwarten, dass das Bäumchen kahl war. Die Pflanzgrube am neuen Standort war schnell ausgehoben. Doch dann begann das Drama. Es ist mir ein Rätsel, wie der Baum in dem trockenen Lehmboden, der so verdichtet wie Beton und voller Steine ist, überhaupt gedeihen konnte.

Um genug Wurzeln für das erfolgreiche Wiederanwachsen zu bewahren, habe ich einen Graben im Umkreis von einem Meter um den Stamm ausgehoben. Eine wahre Sysiphosarbeit. Die Wurzeln, um die ich anfangs vorsichtig herumgearbeitet habe, machen es nicht leichter. Jetzt bin ich schon bis auf 50 Zentimeter Tiefe vorgedrungen, und beim Ruckeln bewegt sich der Stamm kein bisschen. Doch ich gebe nicht auf. „Man muss sich Sysiphos als glücklichen Menschen vorstellen“, wusste schon Camus. Der hatte vermutlich auch einen Garten. Ich frage mich bloß, was ich im Winter machen soll. Natürlich aufs Sofa – und einmal ein Held sein.

Von Gerhard Herrmann gerhard.herrmann@obermain.de

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