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LICHTENFELS

Lichtenfels: HOS-Orchester brauchen Geduld

HOS-Orchester brauchen Geduld
Sammy (li.) und Stella können derzeit nur gemeinsam mit Lehrkraft Florian Ebert auf dem Waldhorn üben, die Orchesterprobe findet derzeit nicht statt. Foto: Corinna Tübel

„Ganztagsschule“ hat längst ihr Image vom sturen, stillen Lernen bis 16 Uhr verloren. Vielmehr ist sie zur Chance geworden, das Tempo zu reduzieren und individueller auf die Schüler und ihre momentanen Bedürfnisse eingehen zu können. Diese existieren auch oder gerade während der Corona-Krise. Bernd Schick, der Schulleiter der Herzog-Otto-Mittelschule in Lichtenfels, hat daher ein Ziel: „Wir wollen auch den Präsenzunterricht in den gebundenen Ganztagsklassen, solange es vertretbar ist, ermöglichen, schließlich haben sich Schüler und Eltern aus dem gesamten Mittelschulverbund Lichtenfels bewusst dafür entschieden.“

Das Konzept ist darauf ausgelegt, den Unterricht in den Ganztagsklassen über den ganzen Tag zu verteilen. Das heißt: Übungs- und Lernzeiten wechseln sich mit Förderangeboten und Freizeitaktivitäten ab. „Gerade während der Corona-Krise muss Lernstoff wiederholt und aufgearbeitet werden, und da ist für viele Schüler die gebundene Ganztagsklasse ein Segen.“

„Gerade während der Corona-Krise muss Lernstoff wiederholt und aufgearbeitet werden, und da ist für viele Schüler die gebundene Ganztagsklasse ein Segen.“
Bernd Schick, Schulleiter

In den gebundenen Ganztagsklassen findet naturgemäß wenig „Vermischung“ mit Parallelklassen oder anderen Jahrgängen statt. Zwei Stunden pro Woche können die Schüler im Projektunterricht einen sportlichen, künstlerischen, digitalen oder praktischen Schwerpunkt wählen. Zwei Lehrkräfte während dieser Zeit ermöglichen dies.

HOS-Orchester brauchen Geduld
Ein Mittagessen mit Abstand und Taktung in der Herzog-Otto-Mittelschule. Foto: Corinna Tübel

In den fünf Bläserklassen innerhalb der Ganztagsschule, dem besonderen Charakteristikum der Herzog-Otto-Mittelschule, findet derzeit nur Instrumentalunterricht in Einzelform oder Kleingruppen statt. In Zusammenarbeit mit der Städtischen Musikschule konnte dieser – mit kurzer Unterbrechung – seit Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts in diesem Jahr weitergeführt werden.

Gerade proben Stella und Sammy mit dem Hauptverantwortlichen für die Bläserklassen, Lehrkraft Florian Ebert, mit dem Waldhorn. Sie sitzen mehrere Meter weit auseinander und nehmen ihre Maske nur beim Spielen ab. Motiviert üben sie die Tonleitern und Stücke, jedoch kann dieser Unterricht eines nicht ersetzen.

„Es fehlt uns schon sehr, dass wir nicht alle zusammen spielen dürfen“, sind sie sich einig. Denn der Orchesterunterricht im Klassenverband muss dagegen ausgesetzt werden. War bis vor wenigen Wochen diese Übungsform erlaubt, in dem die Schüler mit Maske zu ihren weit auseinander stehenden Plätzen gegangen sind, werden derzeit entweder Kunst oder Musikdetails mit Rhythmusspielen oder Notenlehre unterrichtet: Florian Ebert erzählt etwa von einem Musikstück mit drei Tonhöhen, für die die Schüler– nach Gehör – entweder sitzenbleiben, sich auf einen Stuhl stellen oder stampfen sollten. „Das macht zwar Spaß, aber es ersetzt nicht unsere Orchester.“

Neue Studienerkenntnisse könnten Wendung bringen

Die Bläserklassen gestalten in normalen Zeiten nicht nur das Schulleben während des Schuljahres, sondern haben auch zahlreiche Auftritte außerhalb der Schule. Dabei könnte der große Probenraum im Kellergeschoss des Schulgebäudes sogar Abstände von drei Metern zwischen den Schülern ermöglichen. „Und eine Durchmischung der Schüler würde auch nicht stattfinden, da es ja für die fünften und sechsten Klassen jeweils ein Klassenverband wäre“, so Bernd Schick.

HOS-Orchester brauchen Geduld
Die beiden Ganztageskräfte Andrea Panzer (li.) und Stefanie Scherer bringen den Schülern Nachschlag bei Bedarf. Foto: Corinna Tübel

Auch für die jahrgangsübergreifenden Orchesterproben der älteren Schüler könnte sicher eine Lösung gefunden werden. Eine neue Studie des LMU Klinikums in München in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Erlangen und mit Musikerinnen und Musikern aus dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zum Thema „Sicherheitsabstand bei Blasinstrumenten“ gibt Hoffnung: Die Distanzen zur Verbreitung von Aerosolen beim Spiel von Blasinstrumenten betragen nach Einschätzung dieser nach vorne weniger als eineinhalb Meter, zur Seite gar noch weniger.

Ob oder wann dieses Wissen in die aktuellen Sicherheitsbestimmungen zur Corona-Krise Einzug finden wird, ist unklar. Was sicher ist: „Das Zusammenspielen in der Gruppe hat auf das soziale Gefüge der Klassen großen Einfluss. Das fehlt sehr“, weiß der Schulleiter, „denn mit dem Orchester werden auch automatisch zahlreiche Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit und soziales Miteinander vermittelt“.

Melden bedeutet: Essensnachschlag

Doch gerade in der Gemeinschaft liegt während der Corona-Krise die Gefahr: Deshalb ist etwa klassenübergreifende Freizeit derzeit in der Herzog-Otto-Mittelschule nicht mehr möglich: der Chillout-Raum, das Fitness-Zimmer und etwa die „Hosteria“ können derzeit nur noch – zeitlich getaktet – von Schülern derselben Klasse besucht werden.

Bei dieser großen Koordinationsaufgabe werden die Betreuer derzeit von drei jungen Menschen unterstützt, die gerade ihren Bundesfreiwilligendienst für die Herzog-Otto-Mittelschule ableisten. Sie sind täglich in der Mensa zu finden, in der es derzeit stiller als sonst ist.

Kein Wunder: Auch das Mittagessen ist getaktet. Den aufwendigen Plan hierzu haben Tamara Parys und Monika Brandt, die beiden Fachkräfte für Ernährung und Gestaltung und Hygienebeauftragte der HOS, entworfen.

HOS-Orchester brauchen Geduld
Die Herzog-Otto-Miottelschule in Lichtenfels. Foto: Corinna Tübel

In den beiden Räumen seitlich der Essensausgabe befinden sich jeweils zwei Klassen: Sie kommen mit Mund-Nase-Bedeckung an, desinfizieren sich die Hände, stellen sich an der Essensausgabe an, bekommen ihre Menüs – leider derzeit ohne das sehr beliebte Salatbüfett – ausgehändigt und nehmen ihre mittlerweile festen Plätze in den Essensräumen ein. Diese wurden vorher durch die Ganztagsklassen-Kräfte sorgfältig desinfiziert.

Möchten die Mädchen und Jungen nach dem Essen noch einen Nachschlag, heben sie die Hand: „Melden“ bedeutet in diesen Minuten nicht: „Ich weiß es!“, sondern „Ich möchte bitte mehr!“ Dann holen die beiden Ganztagskräfte pro Klasse das Gewünschte an der Ausgabe ab. Jede Klasse hat genügend Zeit für das Mittagessen, die Zeiten variieren täglich.

Freizeit und Mittagessen sind derzeit also ganz anders als im Konzept der Schule angelegt. Dabei haben Ganztagsklassen auch einen „außerpädagogischen“ Effekt, betont Bernd Schick, und deshalb sind die gerade in Zeiten der Corona-Krise so wichtig: Sie bieten eine einfache Möglichkeit, mit Freunden und Kumpels, der peer-group, zusammen zu sein. Gerade nun, wenn Kontaktbeschränkungen dies außerhalb der Schule erschweren. „Schule ist derzeit die einzige Möglichkeit, seine Freunde zu sehen!“

Pausenbrot darf am Platz gegessen werden

Auch innerhalb des Unterrichts hat sich durch die Corona-Krise einiges geändert: So dürfen die Schüler etwa kurz vor oder nach der Pause ihr Pausenbrot am Platz essen, damit sie sich während dieser – mit Maske und Abstand – auf dem Pausenhof auch mit Freunden aus anderen Klassen unterhalten können. „Strenge Pausenbereiche für einzelne Klassen wollten wir aus verschiedensten Gründen vermeiden!“, ergänzt Schick.

HOS-Orchester brauchen Geduld
Sammy (li.) und Stella können derzeit nur gemeinsam mit Lehrkraft Florian Ebert auf dem Waldhorn üben, die Orchesterprobe findet derzeit nicht statt. Foto: Corinna Tübel

Jedoch wurde vor wenigen Wochen der „alte“ Pausenhof zur Nutzung „reaktiviert“. Auch bitten die Lehrer derzeit die Schüler, möglichst während des Unterrichts auf die Toilette zu gehen – um dort Schüleransammlungen während der gemeinsamen Pause zu vermeiden. Bei Problemen helfen zudem die Mitarbeiterinnen der Jugendsozialarbeit an der Schule – auch am Nachmittag. Denn Bernd Schick weiß: „Durch die Corona-Krise kommen ja auch mehr Konflikte oder Belastungen bei den Schülern auf. Und da ist es gerade in Ganztagsklassen enorm wichtig, Vertrauenspersonen zu haben.“

Insgesamt besuchen derzeit 110 Schüler die fünf gebundenen Ganztagsklassen der Herzog-Otto-Mittelschule Lichtenfels.

 

Von Corinna Tübel

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