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Leserforum: Ein Landrat sollte der lauteste Klimaaktivist sein

Ein Abonnent schreibt einen Leserbrief an das Obermain-Tagblatt.
Ein Abonnent schreibt einen Leserbrief an das Obermain-Tagblatt. Foto: Uwe Anspach (dpa)

Sehr geehrter Herr Landrat Christian Meißner, ihrer Stellungnahme im Kreistag zu fehlenden Budgets für effektiven Klimaschutz im Haushalt für 2022 haben mich zu folgende Gedanken geführt:

Müsste ein Landrat, der die finanzielle Ausstattung des Landkreises, die Situation der Kommunen und die Sorgen der Bürger und Bürgerinnen im Blick hat angesichts der umfassenden wissenschaftlich belegten Faktenlage (siehe den aktuellen IPCC-Bericht) über notwendigen Klimaschutz und Ausgleichsmaßnahmen, Biodiversität, der Sicherung von Trinkwasser und Nahrungsmittelverso

rgung, der wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit unseres Landkreises, einer autarken, da dezentralen, regenerativen Energieversorgung und einer echten Verkehrswende nicht der lauteste Klimaaktivist sein? Müssten Sie hier nicht der „Botschafter“ für eine soziale und ökologische Transformation sein, wenn sie, analog zum Grundverständnis ihrer Partei, konservativ und damit heimatbewahrend agieren wollen?

Sie merken, die Kritik von „Klimaaktivisten“, denen sie scheinbar eine Lebensferne postulieren, zielt nicht ab auf die zwei E-Bikes und vier E-Fahrzeuge (von denen zwei dem Landrat für Dienstfahrten zur Verfügung stehen), die Sonnentage, die Klimamanagerin (mittlerweile nur noch als 50-Prozent-Stelle geplant) oder andere gute Ideen aus dem Landratsamt. Es geht uns um eine klare Kommunikation politischer Verantwortungsträger für die uns allen unvermeidlich bevorstehenden, tiefgreifenden Veränderungen unserer Lebensweise spätestens in der nächsten Generation: der Klimakatastrophe.

Bitte nutzen Sie Ihre privilegierte Reichweite, um dies klar zu formulieren und holen sie Ihre Bürger und Bürgerinnen bei einer Neuausrichtung mit ins Boot. Ja, das wird kosten. Am Teuersten und irgendwann unbezahlbar jedoch kommt uns kein Klimaschutz.

Walter Scheel hat das mal treffend formuliert: „Es kann nicht die Aufgabe eines Politikers sein, die öffentliche Meinung abzuklopfen und dann das Populäre zu tun. Aufgabe eines Politikers ist es, das Richtige zu tun und es populär zu machen.“

Keiner verlangt, dass Sie mit Ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen im Landratsamt für uns die Welt retten. Da helfen wir sehr gerne mit. Was wir von Ihnen aber brauchen, ist eine Basis: ein barrierefrei zugängliches, wissenschaftsbasiertes, verbindliches und in seiner Wirksamkeit überprüfbares Klimaschutzkonzept. Es ist sowohl eine Zielvereinbarung, als auch eine gemeinschaftliche Aufgabe.

Ein Konzept gibt gleichzeitig Planungssicherheit für alle Bürger und Investoren im Landkreis. Schaffen Sie einen Bürgerrat zum Klimaschutz und stellen Sie all die unangenehmen Entscheidungen, die sie befürchten, einem zufällig ausgewählten, aber repräsentativen Gremium zur Diskussion. Starten Sie demokratiefördernde Projekte, ermöglichen Sie Partizipation an politischen Richtungsentscheidungen. Die Zeit drängt! Paradox, aber wir müssen viel verändern, damit unser Leben so bleibt, wie es ist.

Herr Meißner, sicherlich lassen auch Sie die fast schon verzweifelten Appelle des Weltklimarates für schnelles und konsequentes Handeln nicht mehr ruhig schlafen. Unsere Kinder gehen seit Jahren in dieselbe Schule, sitzen in derselben Klasse und haben dieselbe Zukunft vor sich. Lassen sie uns diese gemeinsam lebenswert ERHALTEN. Ja, so konservativ sind wir Klimaaktivisten.

Steffen Biskupski, Lichtenfels

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