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LICHTENFELS

Lehrer am Obermain: Mehr als nur Wissen vermitteln

Lehrer am Obermain: Mehr als nur Wissen vermitteln
Monika Rübensaal behandelte im Grundschulunterricht vor kurzem das Thema „ Feldfrüchte”. Die Mitmach-Hausaufgabe dazu geriet bei manchen Schülern in Vergessenheit. Foto: Corinna Tübel

Während sich in der Grundschule die Rolle der Lehrkraft zum Erzieher hin verschoben hat, legt man etwa im Gymnasium bewusst Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung. Wir haben anlässlich des Weltlehrertags am 5. Oktober nachgefragt, wie sich das „Lehrer Sein“ im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, und ob sich Erwartungen erfüllt haben.

Sie heißen „Pädagoge“, „Studienrat“, „Lehrkraft“ oder „Pauker“: Doch sind sie auch zu Erziehern geworden? Und ist es die Aufgabe von Pädagogen, Alltagskompetenzen anzutrainieren? Anlässlich des Weltlehrertags am 5. Oktober, der an diesem Tag rund um den Globus die Arbeit der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer würdigen will, haben wir bei zwei Kolleginnen mit unterschiedlich vielen Dienstjahren nachgefragt: Wie hat sich das Lehren und die Rolle der Lehrkraft in vergangenen Jahrzehnten verändert? Und haben sich Erwartungen aus Studientagen erfüllt?

Monika Rübensaal befindet sich in ihrem 35. Dienstjahr. Die gebürtige Lichtenfelserin zog es nach Lehrtätigkeiten unter anderem in Coburg und Untersiemau 2008 wieder in den Schulamtsbezirk Lichtenfels zurück. Seit fünf Jahren unterrichtet sie nun an der Dr. Roßbach Grundschule Lichtenfels – derzeit eine 2. Klasse.

Schon als Kind wollte sie Lehrerin werden

Schon als Kind sei sie sich sicher gewesen, einmal Erdkundelehrerin zu werden. Mit 24 Jahren habe sie sich als zukünftige Lehrkraft darauf gefreut, Kindern etwas beizubringen. Die Realität sieht heute anders aus, als sie es sich als junge Frau vorgestellt hatte: „Früher, so vor 20 oder 25 Jahren, war ich die Lehrerin, die den Kindern den Stoff beigebracht hat. Heute bin ich die Erzieherin, die mindestens ebenso oft Kindern die Schuhe bindet oder zeigen muss, wie man den Stift richtig hält“, erzählt sie.

Was früher zu den Pflichten des Elternhauses gehört habe, sei nun zu ihrer zusätzlichen Aufgabe geworden. Eine Ursache für solche fehlenden Alltagskompetenzen könnte die frühe und lange Betreuung der Kinder sein – von der Krippe bis zum Hort. Da bleibe im Elternhaus, das sich auch sehr verändert habe, schlichtweg nicht mehr viel Zeit zum Üben solcher Fertigkeiten.

Hier sollten Eltern und Bezugspersonen anknüpfen, meint die Lehrerin, die selbst auch zwei Kinder großgezogen hat und nach jeweils einem Jahr wieder ihre Arbeit aufgenommen hat.

Durchhaltevermögen und Überblick geschwächt

Eine andere Beobachtung betrifft die Schüler selbst: Ihrer Meinung nach haben sich auch die Kinder selbst verändert. Viele Arbeitsblätter von „früher“ könne sie heute nicht mehr verwenden und zwar nicht, weil der Stoff sich verändert habe, sondern weil diese zu komplex für die Lernenden heute seien. „Vielen Kindern würde der Überblick fehlen. Durch Fernsehen oder Computer bekommen sie alles präsentiert.“

Lehrer am Obermain: Mehr als nur Wissen vermitteln
Nadine Ernst befürwortet neben der Wissensvermittlung an Kinder und Jugendliche das Trainieren von Kompetenzen zur Persönlichkeitsentwicklung in der Sekundarstufe. Foto: Corinna Tübel

Auch die Konzentrationsfähigkeit und Phantasie habe durch den zu starken Medienkonsum gelitten. Ein stundenlanges Monopoly-Spiel bis zum Ende, bis ein Spieler pleite war, sei für viele Kinder heute unvorstellbar. Dagegen ist das Vergessen mancher Hausaufgaben, die man zu Hause erledigen muss, bis nach dem Hort nicht selten. So etwa der Auftrag anlässlich des Heimat- und Sachkunde-Themas, für den nächsten Tag Heckenfrüchte mit in die Schule zu bringen. „Früher hätte ich mich vor Früchten nicht mehr retten können“, scherzt Monika Rübensaal mit einem weinenden Auge. Das habe auch etwas mit Selbstständigkeit zu tun, die manchen Schülern heute leider fehle.

„Ihnen wird zu Hause oft zu viel abgenommen. Die Schultasche für den nächsten Tag packen oder zur Schule laufen, sind ihre alleinigen Aufgaben. Dann bleiben nämlich solche Sätze aus wie: Meine Mama hat es [das Heft] nicht eingepackt.“

Ein sorgenvoller Blick in die Zukunft

All diese Veränderungen jeden Tag neu zu erleben, bereitet der Lehrerin Sorge. Sicherlich gebe es auch Schüler wie sie vor vielen Jahren waren. Man merke zudem genau, welche Kinder mit ihren Eltern viel zusammen machen, lobt sie. Doch „andere“ seien viel weniger belastbar und würden das auch noch im Berufsleben sein. Abgebrochene Lehren etwa könnten die Folge sein.

„Heute würde ich wohl nicht mehr Lehramt studieren“, bekennt sie. Da spiele auch der Druck sich verstärkt vor Eltern zu rechtfertigen eine große Rolle: Lehrer seien oft zu laut oder zu leise, zu streng oder zu milde, geben zu viel Hausaufgaben auf oder zu wenig, heißt es. Sie stehe dabei gerne in Kontakt mit den Eltern. Aber ein wenig mehr Vertrauen wünsche sie sich manchmal. Das betreffe auch so manche Vorgaben der Politik: Früher habe sie sich auch nach wenigen Schulwochen gemerkt, bei welchem Schüler sie auf welche Besonderheiten achten müsse – auch ohne alles detailliert zu dokumentieren.

Die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler stärken

Nadine Ernst ist 33 Jahre alt und unterrichtet seit 2014 am Meranier-Gymnasium Lichtenfels. Die gebürtige Mitwitzerin war schon früh vom Lehrerberuf geprägt, da ihre Mutter als Mittelschullehrerin ihr bereits frühe Einblicke in den Schulalltag, die Vorbereitung und Korrekturen zu Hause gegeben habe. So kann sie heute Lehrerin, auf ihre Schulzeit und diese „Insider-Informationen“ zurückblicken: „Natürlich hat sich seit dieser Zeit viel verändert, aber die Grundlage, die Freude am Unterrichten, die meine Mutter ausgestrahlt hat, ist auch bei mir da.“

Anders sei allerdings die Rolle der Lehrkraft in diesen Tagen: „Früher waren Lehrer meist Autoritätspersonen mit dem vorrangigen Auftrag, Wissen zu vermitteln. Heute ist es auch unsere Aufgabe, Schüler durch geeignete Lernangebote zu ermutigen, Zusammenhänge selbst herauszufinden oder sich anzueignen.“ Auch grundlegende Kompetenzen für die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen und Jungen gelte es zu trainieren, so Nadine Ernst. Diese stehen zunehmend stärker im Fokus der Pädagogen.

Nadine Ernst erklärt: „Ich liebe den Umgang und die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Klar ist es auch manchmal anstrengend, aber die kleinen Erfolgserlebnisse bestärken einen immer wieder.“ Das ist in den Fächern, die die junge Frau unterrichtet, vielleicht nicht immer so einfach: Mathematik und Physik. Aber auch in diesen gehe es nicht mehr vorrangig um das sture Anwenden von Formeln, sondern darum eine Atmosphäre im Unterricht zu schaffen, die es begünstigt, dass sich die Schüler von mathematischen Fragestellungen angesprochen fühlen.

Berücksichtigung von Vorerfahrungen

Die Berücksichtigung von Vorerfahrungen sowie ein altersgemäßes Anknüpfen an die Lebenswelt der Jugendlichen sei dafür unerlässlich. „Alles wird mehr und mehr miteinander vernetzt“, freut sie sich und meint damit auch die Digitalisierung. In diesem Bereich habe das Meranier-Gymnasium stark mit technischen Geräten und digitalten Angeboten „aufgerüstet“.

Unterschiedliche Altersstufen, unterschiedliche Schulformen, unterschiedliche Menschen. Bei allen Kontroversen steht eines jedoch im Kern aller Veränderungen und Erfolge: Ein Bericht aus einer Studie der OECD liefert den Beweis, dass Schüler, die stark motiviert sind und an ihre eigenen Fähigkeiten glauben, besser zu einem selbstregulierten Lernen in der Lage sind, was ihnen dabei hilft, bessere Leistungen in der Schule zu erzielen.

 

Von Corinna Tübel

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