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Leer und kalt, aber nicht leise: zu Besuch im Merania-Bad

Leer und kalt, aber nicht leise: zu Besuch im Merania-Bad
Otwin Schramm hat einen schönen Arbeitsplatz. Es ist nur gerade nichts los, und so kümmert er sich um Reparaturarbeiten. Foto: Markus Häggberg

Eigentlich haben sie hier nichts verloren, aber nun stehen sie da: vier Plastikgartentische neben der Bademeisterkabine. An den Tischen stehen Schuhe, eine Zeitung liegt obenauf, und alles wirkt, als ob hier Frühstückspausen gemacht werden. So ist es auch, denn einen regulären Betrieb gibt es im Merania-Bad derzeit nicht. Corona-bedingt und ziemlich offensichtlich. Also nutzt man die Ungunst der Stunde für einen Großputz und nimmt Ausbesserungsarbeiten vor.

Otwin Schramm (53) ist geprüfter Meister für Bäderbetriebe. Aber das Baden scheut der Mann gerade selbst. Er könnte ja mal ins Becken hüpfen, aber das hätte Folgen: Im kleinen Becken ist kein Wasser drin und im großen ist es kalt. Üblicherweise schwimmen die Besucher hier bei 28 Grad Wassertemperatur, nun schwimmt niemand hier bei 21 Grad. Seit dem 14. März ist das Bad geschlossen, da empfiehlt es sich, die Kosten für die Beheizung des Wassers zu sparen.

Niemand im Kassenhäuschen, im Wasser oder in der Sauna

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Wie ein ruhender türkisfarbener kleiner See mutet das Schwimmbad an. Wellen schlägt hier so schnell kein Besucher mehr. Foto: Markus Häggberg

Und doch bindet das Bad gerade jetzt Kräfte, wenn auch nicht so viele wie sonst. 17 Personen arbeiten hier im Vollbetrieb, jetzt sind es sechs. Niemand sitzt im Kassenhäuschen, Saunabetrieb läuft nicht, Schwimmaufsicht hat keiner zu verrichten, und weil gerade Heizkosten gespart werden, sind auch gleich die Lüftungen ausgeschaltet und „in kleineren Räumen laufen die Heizungen nur auf Sparbetrieb, damit ich keinen Schimmel züchte“, erklärt Schramm mit einem ziemlich verschmitzten Lächeln.

Dennoch braucht es ihn derzeit, denn er hat etwas zu koordinieren. Er hält Kontakt mit Betrieben, die Reparaturarbeiten vornehmen, er öffnet ihnen, er vereinbart die Termine. Üblicherweise werden die jährlichen Reinigungsarbeiten in den zwei Wochen vor den großen Ferien bewältigt. Nun aber hat man den Großputz wegen der Corona-bedingten Schließung vorgezogen, und das beinhaltet das Reinigen aller Räume, die Wartung der Filteranlagen, ein Einspülen der Filter per Hand und vieles mehr. Immerhin, so ist zu erfahren, unternimmt das Gesundheitsamt viermal pro Jahr eine chemische Wasseransalyse.

Warum das Lehrschwimmbecken abgelassen wurde

Leer und kalt, aber nicht leise: zu Besuch im Merania-Bad
Röhren, Leitungen und wieder Röhren im Keller unter den Schwimmbecken. Otwin Schramm hat dort unterirdisch den Überblick. Foto: Markus Häggberg

Das Lehrschwimmbecken ist leer und wirkt jetzt geradezu tief. 160 000 Liter fasst das Becken, aber sie wurden über eine Entleerungsklappe abgelassen. Zwei Stunden, so Schramm, hat das in Anspruch genommen, und das Füllen wird sechsmal so lange dauern.

Leer steht es, weil ein Gerüst darin aufgebaut worden ist, und dieses dient dazu, den nordischen Sternenhimmel wieder in Ordnung zu bringen. Es geht um Reparaturarbeiten an der Decke mit den Leuchtdioden. Die Decke war undicht, und nur durch diesen Sternenhimmel ist es möglich, ans ans Problem heranzukommen.

650 000 Liter Wasser oder 650 Tonnen Druck

Wenn man das hört, möchte man sich nicht ausmalen, wie ein Deckenproblem über dem großen Becken zu handhaben wäre. 650 000 Liter Wasser sind hier drin, also 650 Tonnen Gewicht. „Der veränderte Druck, der auf dem Boden lastet, und die Austrocknung vom Fliesenbett würden Veränderungen mit sich bringen“, erklärt Otwin Schramm den Umstand, dass dieses Becken nicht folgenlos schnell ganz abgelassen werden könnte. Und wenn, dann „müsste es über vier Tage leerlaufen – damit sich die Druckverhältnisse entspannen“.

Aber auch hier lässt sich derzeit an Umwälzung und Chlor zumindest sparen. „Das Wasser läuft bei Sparbetrieb über die Rinne weg“, so Schramm und nennt als Einsparung ein Drittel. Dann geht er dorthin, wo man das große Becken über seinem Kopf hat: in den Keller.

So viele Rohre und Leitungen wie in einem U-Boot

Es ist warm hier, und es herrschen enorme Ausmaße vor. Gänge zu Schaltkästen finden sich hier, und an manchen Stellen befinden sich auf gedrängtem Raum so viele Rohre und Leitungen wie in einem U-Boot. Mit den Badeschlappen, die Schramm oben trägt, wandelt er hier unten nicht. Er ist gewissenhaft und wechselt die Schlappen vorher.

Leer und kalt, aber nicht leise: zu Besuch im Merania-Bad
Das Trennseil bleibt nach wie vor gespannt, auch wenn es hier auf unabsehbare Zeit keine Nichtschwimmer vor tieferen Tiefen zu warnen gilt. Foto: Markus Häggberg

Hier unten ist ein beleuchtetes Reich, von Beton umgeben, von Röhren gesäumt und von Gängen durchzogen. Irgendwann steht man vor meterhohen Silos. Schramm steigt zu einem davon über eine Leiter hinauf und erklärt das darin befindliche dunkle Granulat: „Das ist Aktivkohle als Filterschicht, das holt alle Gase raus.“ Er weiß zu erklären, dass ein Bestandteil der Aktivkohle gebrannte Kokosfasern sind und dass ein Gramm davon, würde man all die in seinen Körnern befindlichen kleinsten Gänge nach außen stülpen, einen Quadratmeter an „innerer Oberfläche“ ergäbe.

Sparbetrieb auch bei der Chlormenge im Wasser

Zu Öffnungszeiten wird ein Liter Wasser mit 0,45 Milligramm Chlor versetzt, jetzt aber nur mit 0,3 Milligramm. Sparbetrieb beziehungsweise weniger Aufwand also auch hier unten. Einen Tag, so erklärt Schramm, würde es dauern, bis das Wasser im großen Becken ohne Chlor umschlägt.

Er geht am großen Becken vorbei, unter dem man sogar hindurchgehen könnte. Jetzt versteht man, warum es Folgen hätte, wenn man das Wasser ganz abließe, denn es erscheint wie eine 25 Meter lange Wanne aus Beton, die über mehrere Meter hinweg frei schwebt. An einer Stelle ist sie minimal undicht, tropfenweise presst sich Wasser aus dem Becken. So bildete sich ein Stalaktit. Aber nicht nur verglichen mit vielen anderen Schwimmbadbecken sondern überhaupt, so versichert Schramm, sei es in erstaunlich tadellosem Zustand.

Seit 2000 ist er hier beschäftigt. „20 Jahre und einen Monat“, präzisiert er lächelnd. Auch wenn jetzt kein Betrieb herrscht: Das Schwimmbad ist an sich kein stiller Arbeitsplatz. Eine stattliche Anzahl Dezibel liegt über allem. „Wir hören die Filtration und das Überlaufen des Wassers (in die Überlaufrinne).“ Das findet jetzt auch statt, selbst wenn die Oberfläche spiegelglatt scheint.

„Wir hören die Filtration und das Überlaufen des Wassers (in die Überlaufrinne).“
Bademeister Otwin Schramm über die Geräusche im Hallenbad

Doch schaut man lange genug ins Wasser, stellt man Kräuselungen fest, kleine Strudel und ein Blatt von einer Pflanze, das sich nicht entscheiden kann, ob es zu Boden sinken oder zur Oberfläche aufsteigen will. Schwebezustand – ein passendes Bild für die derzeitige Situation des Bades. „Wir wissen nicht, wann wir wieder öffnen“, sagt Schramm etwas versonnen über das Wasser blickend. In dieser letzten Aprilwoche werden die Reinigungsarbeiten abgeschlossen sein, „dann müssen wir schauen, wo wir das Personal beschäftigen“.

Ein Schwimmbecken, das seinen Sinn nicht erfüllt

Eine Frage taucht auf, die auch in „Moby Dick“ behandelt wird: Was macht Wasser mit dem Gemüt eines Menschen, wo dieser doch selbst aus Wasser besteht? Oder anders ausgedrückt: Wie fühlt es sich an, hier aufs Wasser zu schauen, ohne zu wissen, wann es wieder seinen Sinn erfüllt? Schramm lächelt mit einer Spur von Ratlosigkeit.

Ob er nicht manchmal selbst Lust hätte, hier zu schwimmen? „Doch, ich hab' schon Lust, hier zu schwimmen, aber nicht bei dieser Wassertemperatur.“

 

Von Markus Häggberg

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