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LICHTENFELS

Krisensicher, doch wenig begehrt: Arbeit in der Pflege

Krisensicher, doch wenig begehrt: Arbeit in der Pflege
Für Michaela Jackl (li.) und Andrea Randrianarisoa, Pflegefachkräfte im AWO Sozialzentrum Redwitz ist ihr Beruf attraktiv. Foto: Corinna Tübel

Während der Pandemie wurden sie zu Helden erklärt, doch selbst in diese Rolle schlüpfen? Zu selten. Sind Pflegeberufe nicht mehr attraktiv? Oder sind sie es doch – aber niemand bemerkt es?

Michaela Jackl ist 45 Jahre alt, als sie nach jahrzehntelanger Tätigkeit als Bürokauffrau ganz bewusst die Ausbildung zur Pflegefachfrau im AWO Sozialzentrum Redwitz beginnt. „Für mich ist der Beruf attraktiv – er erfüllt mich, er wird immer gebraucht werden, und das Gehalt ist sehr gut.“ Sie antwortete selbstbewusst und mit Bodenhaftung, dabei war die unmittelbare Arbeit mit und für Menschen für sie „völliges Neuland“.

Schlechtes Image dank negativer Schlagzeilen

Ihre Vorstellungen waren jedoch getrübt von Vorurteilen aus den Medien und der Bevölkerung. Immer noch hat die Pflege, insbesondere die Altenpflege, als Berufssektor ein eher negatives Image. Zieht sie Aufmerksamkeit auf sich, dann meist aus negativen Gründen: schlechter Personalschüssel, Überforderung, ausbaufähige Bezahlung, weiß auch Ausbildungskoordinatorin Melanie Strietzel. „Diese Schlagzeilen werden hochgepusht, positive Berufsbilder werden selten vermittelt.“ Schauen wir uns den Beruf einmal an.

Michaela Jackl hat ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft gerade abgeschlossen und ist ab sofort in der Sozialstation tätig. Hohe Übernahmequoten existieren sowohl im AWO Sozialzentrum Redwitz als auch im BRK-Kreisverband Lichtenfels.

Hohe Übernahmequoten in unbefristete Verträge

Befristete Arbeitsverträge gibt es in Redwitz nicht, dafür viele wertgeschätzte Auszubildende: Das AWO Sozialzentrum war zum Beispiel im gerade abgelaufenen Ausbildungsjahr für zwölf Auszubildende des ersten, zweiten und dritten Ausbildungsjahres verantwortlich. Im kommenden sind es insgesamt elf – aufgeteilt auf die stationären Wohngruppen, die Tagespflege, die Sozialstation AWO Zuhause und die Angebote des Betreuten Wohnens. Auch im BRK-Kreisverband Lichtenfels befinden sich in den beiden Wohn- und Pflegeheimen sowie der Sozialstation konstant rund zehn Auszubildende.

Beide Träger garantieren mit frei gestellten Praxisanleitern und Ausbildungskoordinatoren zu jeder Zeit Ansprechpartner für die Auszubildenden. So werde die praktische Anleitung der Azubis, ihre Prüfungsvorbereitung und die Verzahnung von theoretischer Schulausbildung und Praxis intensiviert und individueller gestaltet, erklärt Dr. Steffen Coburger vom AWO Sozialzentrum Redwitz.

„Mit ihnen verbringen die Lehrlinge rund zehn Prozent ihrer Ausbildungszeit in der Praxis“, verrät auch BRK- Kreisgeschäftsführer Thomas Petrak. Des Weiteren ist der BRK-Kreisverband Lichtenfels auch im Ausbildungsverbund Pflege Coburg vertreten, das heißt Auszubildende anderer Träger können ihre Praxisstunden anteilig ebenfalls in einer der BRK-Einrichtungen ableisten.

„Wir bewirken hier was, und das ist erfüllend!“
Michaela Jackl, Pflegefachkraft

Der Beruf als Pflegefachkraft mit dreijähriger Ausbildung oder als Pflegefachhelfer mit einjähriger Ausbildung gibt auch Andrea Randrianarisoa viel zurück. Sie hat ebenfalls gerade ihre Ausbildung im AWO Sozialzentrum Redwitz abgeschlossen. Schon früh stand ihr Berufswunsch fest. Ihre abwechslungsreiche Arbeit macht ihr viel Spaß, sie erlebt die unmittelbare Dankbarkeit der Senioren jeden Tag. Durch die lange Begleitung der Frauen und Männer kann sie eine Beziehung zu ihnen aufbauen.

Michaela Jackl begleitet ein ganz besonderes Erlebnis: Ein Mann, der eigentlich schon im Sterben lag, wie alle dachten, kam ins Seniorenheim und kam dort wieder auf die Beine. „Wir bewirken hier was, und das ist erfüllend!“ Gleichzeitig tragen Pflegekräfte eine hohe Verantwortung als „rechte Hand des Arztes“, erklärt Melanie Strietzel. „Wir Fachkräfte müssen oft selbst entscheiden und Maßnahmen treffen, bis der gerufene Arzt eintrifft.“

Gute Arbeitsbedingungen und ein guter Personalschlüssel sind wichtig

Gute Arbeitsbedingungen vor Ort spielen eine entscheidende Rolle für die Attraktivität eines Berufs: Langfristig erstellte Dienstpläne, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch „Mütter-Touren“, wenig geteilte Dienste und flexible Schichtmodelle sind nur einige Aspekte. Auch der Personalschlüssel hat Auswirkungen auf die die Belastungssituation einer Pflegekraft, also wie viele Kolleginnen und Kollegen, also Köpfe und Hände, in ihrer jeweiligen Schicht zur Verfügung stehen.

Sowohl das AWO Sozialzentrum als auch der BRK-Kreisverband legen Wert auf die bestmögliche Quote. Ein Rufbereitschaftsdienst vor der Pandemie oder aktuelle Verträge mit einem Personaldienstleister, der verpflichtet ist, innerhalb weniger Stunden Personal bei kurzfristigem eigenen Ausfall zu kompensieren, existieren in Redwitz ebenfalls. „Das ist leider eine sehr teure Angelegenheit. Gut, dass wir bislang nicht so häufig darauf zurückgreifen mussten“, betont Dr. Steffen Coburger. Auch das Team und das Betriebsklima spielen eine entscheidende Rolle für die Attraktivität ihres Berufs.

„Keiner entscheidet sich wegen 100 Euro Gehalt mehr oder weniger für oder gegen einen Arbeitgeber.“
Dr. Steffen Coburger, AWO Sozialzentrum Redwitz

Wichtig ist laut Dr. Steffen Coburger ein Mitarbeiter-orientierter, mitmenschlicher Führungsstil ohne lange Hierarchien: „Kurze Wege zu und offene Türen bei den Vorgesetzten sind uns wichtig. Keiner entscheidet sich wegen 100 Euro Gehalt mehr oder weniger für oder gegen einen Arbeitgeber. Was aber den entscheidenden Unterschied bei der Arbeitgeberwahl und für einen Verbleib beim Arbeitgeber macht, ist die emotionale Bindung.“

Krisensicher, doch wenig begehrt: Arbeit in der Pflege
BRK-Kreisgeschäftsführer Thomas Petrak. Foto: Corinna Tübel

Das sieht Thomas Petrak genauso: „Die Nestwärme, die man als Azubi ein Stück weit braucht, um sich im Betrieb zu Hause zu fühlen“, formuliert der BRK-Kreisgeschätsführer. Das kollegiale Team weiter zu stärken sei eine der Herausforderungen der Zukunft.

Bundesfreiwilligendienst bietet wertvolle Einblicke

Die Arbeitsbelastung bestimme auch die Kommunikation: „Wenn eine Pflegekraft nach dem Dienst nicht völlig „ausgelaugt“ nach Hause kommt und im Bekanntenkreis von ihrer Arbeit positiv berichtet und sich zufrieden über ihre Bedingungen äußert, dann sind wir auf dem richtigen Weg“, so Dr. Steffen Coburger.

Diese Erzählungen sollten auch an die Schulen getragen werden: Thomas Petrak scheint, dass sich die Attraktivität beruflicher Bildung neben einem Studium noch längst nicht durchgesetzt habe. Eine Chance, dies zu ändern, sei der Bundesfreiwilligendienst. In diesem erhalten junge Abiturientinnen und Abiturienten, aber auch Absolventinnen und Absolventen anderer Schularten wertvolle Einblicke in die Arbeit mit Menschen, etwa im Rettungsdienst oder im Patientenfahrdienst. „Wir hatten schon einige, die sich daraufhin für einen Pflegeberuf entschieden haben.“ Auch Praktika bieten realistische Eindrücke des Pflegealltags – mit seinen bereichernden Momenten und Herausforderungen.

Neue Ausbildungsformen auch für Quereinsteiger

Auch Quereinsteiger sprechen die neuen Ausbildungsformen an: Die neue Generalistik vereint die bisherigen Ausbildungen in der Altenpflege, in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege im neuen Beruf Pflegefachfrau beziehungsweise Pflegefachmann. In einem Projekt der Bundesagentur für Arbeit können Arbeitssuchende aus dem Ausland zunächst die Ausbildung zur Pflegefachhelferin und zum Pflegefachhelfer, anschließend die zur Fachkraft absolvieren – parallel dazu findet ein Sprachkurs statt.

Krisensicher, doch wenig begehrt: Arbeit in der Pflege
Melanie Strietzel, Ausbildungskoordinatorin für Pflegefachkräfte im AWO Sozialzentrum Redwitz. Foto: Corinna Tübel

Doch auch intern gibt es Fördermöglichkeiten: So können bei vielen Trägern Pflegefachhelferinnen und -helfer ihre Ausbildung zur Fachkraft berufsbegleitend absolvieren und weiter ihr bisheriges Gehalt beziehen. Dieses liegt übrigens schon während der Ausbildung über der durchschnittlichen Entlohnung für beliebte Ausbildungsberufe wie Fachinformatiker oder Büroberufe. Aufstiegsmöglichkeiten gibt es unter anderem zur Wohnbereichsleitung, zur Pflegedienstleitung oder zum Heimleiter. Gleichzeitig können sich Pflegefachkräfte weiterspezialisieren.

Michaela Jackl zieht heute ein Fazit: „Ich habe heute einen krisensicheren und erfüllenden Beruf in einem super Team. Und wer weiß davon?“

 

Von Corinna Tübel

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