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Kräuterweihe am Obermain: Ein Zeichen für das Leben

Kräuterweihe am Obermain: Ein Zeichen für das Leben
Die Dormitio-Basilika auf dem Zionsberg in Jerusalem ist jener Ort, an dem das Gedächtnis von der Entschlafung Mariens bewahrt wird. Foto: Fabian Brand

In vielen Gegenden wird am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel, das am 15. August gefeiert wird, ein besonderes Brauchtum gepflegt: die Kräuterweihe. Viele Gotteshäuser sind zu diesem Anlass festlich geschmückt, viele Gläubige bringen Kräuterbuschen und bunte Blumensträuße mit, um den Segen zu empfangen. Die Kräuterweihe ist keine neuzeitliche Erfindung, auch wenn sie vielerorts erst in den letzten Jahrzehnten wieder aufgelebt ist. Sie ist vielmehr ein sehr altes Ritual, das schon vor über tausend Jahren erstmals bezeugt ist. Doch wo liegen eigentlich die Ursprünge der Kräuterweihe? Und was soll man mit den geweihten Kräuterbuschen anfangen? Ein Blick in die Wirkungsgeschichte eines alten Brauches.

Kräuterweihe am Obermain: Ein Zeichen für das Leben
Traditionell werden am Fest Mariä Himmelfahrt die Buschen aus bunten Blumen und Kräutern in den Gottesdiensten gesegnet. Anschließend werden sie zuhause aufgehängt, wo sie Haus und Bewohner vor allerlei Krankheit und Leiden beschützen sollen. Foto: Fabian Brand

Dass die Kräuter und Blumen am Festtag Mariä Himmelfahrt geweiht werden, hängt mit einer alten Legende zusammen. Viele Geschichten haben sich im Laufe der ersten Jahrhunderte rund um das Ableben der Gottesmutter entwickelt. Eine von ihnen erzählt folgendes: Als Maria im Haus des Apostels Johannes auf dem Berg Zion gestorben war, kamen die Apostel, die mittlerweile in allen Erdteilen verstreut waren, zurück nach Jerusalem. Gemeinsam wollten sie der Gottesmutter die letzte Ehre erweisen und sie in einem Grab im Kidrontal beisetzen.

Blühende Blumen und duftende Kräuter

Beim Öffnen des Sarkophags fanden die Apostel jedoch nicht den Leichnam Mariens, sondern blühende Blumen und wohlduftende Kräuter hatten den Platz der Gottesmutter eingenommen. Sie selbst ist mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden, an ihrer Stelle hat sie ein buntes Blumenmeer zurückgelassen.

Kräuterweihe am Obermain: Ein Zeichen für das Leben
Am 15. August feiert die Basilika Vierzehnheiligen ihr Patronatsfest. Das Altarblatt des Hochaltars zeigt Maria, die in den Himmel aufgenommen wird. Unten sind die Apostel dargestellt, die im Sarkophag ein Blumenmeer vorfinden. Foto: Fabian Brand

Es ist eine schöne Legende, die auch das, was die Kirche an Mariä Himmelfahrt feiert, symbolhaft zum Ausdruck bringt: Der Tod hat seinen Schrecken verloren. Der nach Verwesung stinkende Leichnam ist verschwunden: Im Sarkophag blüht das Leben auf und verbreitet seinen wohlriechenden Duft.

Blumen und Kräuter sind Zeichen für das Leben: Maria ist nicht im Tod, sie hat im christlichen Glauben Anteil erhalten am Leben ihres Sohnes, der sein Ostern mit ihr geteilt hat. Nicht der Tod ist das Letzte, das einen Menschen erwartet – am Ende steht das Leben und zwar das aufblühende Leben, welches das Grab mit seinem Duft erfüllt. So, wie es an Maria geschehen ist, so glauben und bekennen Christen, dass es jedem Gläubigen geschenkt wird.

Maria ist das Vorbild aller Glaubenden, die ihr Leben Gott anvertrauen und sich in seinen Plan einfügen. Die Kräuterbuschen, die an Mariä Himmelfahrt gesegnet werden, können aus vielen unterschiedlichen Blumen und Heilkräutern bestehen. Mancherorts bildet die Mitte des Kräuterbuschen eine Königskerze, sie ist Zeichen für Maria, die Himmelskönigin.

Ob Wermut, Beifuß, Johanniskraut, Baldrian, Salbei, Kamille: Besonders die Kräuter, die Krankheiten angewendet werden, können in den Buschen ihren Platz finden. Sie weisen darauf hin, dass es darum geht, das Leben wieder lebenswert zu machen. Krankheiten schränken das Leben unnatürlich ein, mit ihrer Heilskraft wollen die Kräuter das Leben wieder beleben und zu seiner alten Stärke verhelfen. Doch auch bunte Blumen können den Kräuterbuschen zieren: Sie stellen das Leben in seiner vollen Pracht dar, sie zeigen, wie vielfältig bunt und farbenfroh das Leben ist. Und dieses Leben ist ja das Thema, um das es am Fest Mariä Himmelfahrt geht.

Ein alter Brauch in Franken

In Franken ist der Brauch der Kräuterweihe schon sehr lange verbreitet. Eine Notiz aus dem Jahr 1635 gibt einen Hinweis darauf: „Den 15 auff Maria himelfarth haben wir die kreütter bei S. Johannes weichen lassen“, heißt es dort. Und Enoch Widmann hält in seiner Chronik der Stadt Hof fest: „Anno nach gottes geburt 1368, freitag nach unserer lieben frawen himmelfahrt, die man nennt wurtzweih (…)“.

Mit nach Hause genommen finden die Kräuterbuschen zum Beispiel im Herrgottswinkel ihren Platz. Dort werden sie aufgehängt und verströmen noch eine ganze Zeit lang ihren Duft in der Wohnung. Das Leben, das man im Gottesdienst feiert, wird mit nach Hause genommen, damit man sich auch daheim an ihm erfreuen kann. Nach einem Jahr, wenn Mariä Himmelfahrt wieder vor der Tür steht, wird der alte Kräuterbuschen abgenommen. Er ist mittlerweile so dürr, dass er nicht mehr als Zeichen für das Leben taugt. Doch er wird nicht einfach weggeworfen: Er kann im Garten verstreut werden, um auch die Natur am Segen teilhaben zu lassen. So kann aus den vertrockneten Kräutern und Blumen neues Leben wachsen.

Kräuterbuschen sollen Wirkung haben

Dem Kräuterbuschen hat man in früheren Zeiten auch allerlei Wirkung zugesprochen, um Gewitter, Krankheit und Behexung abzuwehren. Aus dem fränkisch geprägten Süden Thüringens wird erzählt, der Teufel habe sich in Schweickershausen unter einem Bett einquartiert. Erst mithilfe eines geweihten Kräuterbuschen konnte der unliebsame Gast aus dem Haus vertrieben werden. In der Sage heißt es: „Ob gleichfalls nun eine Päbstische Person heimlich geweihete Kräuter geholet / dieselbige unter das Polter-Bett gesteckt / in Hoffnung den Satan damit zu vertreiben“.

Noch heute ist der „große Frauentag“, wie der Festtag Mariä Himmelfahrt im Volksmund auch genannt wird, ein großer Feiertag in vielen Gegenden. In Bamberg findet immer am Sonntag nach dem 15. August das große Muttergottes-Fest statt, bei der die Darstellung der schmerzhaften Muttergottes aus St. Martin auf die Darstellung der freudenreichen Gottesmutter aus der Oberen Pfarre trifft. Bekannt ist auch die Lichterprozession in Hollfeld, die als Dankumgang an die Verschonung der Stadt vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erinnert.

 

Von Fabian Brand

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