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KÖTTEL / OBERLANGHEIM

Köttel: Wo Andreas Kerner über Raubritter sinniert

Köttel: Wo Andreas Kerner über Raubritter sinniert
Wie aus dem Bilderbuch: Aussicht auf Köttel. Foto: Andreas Kerner

Andreas Kerner aus Oberlangheim betätigt sich in vielfacher Hinsicht ehrenamtlich. Er setzt sich nicht nur in seinem Wohnort als Kirchenpfleger für die Kirchenverwaltung und als Vorsitzender für die Blumen- und Gartenfreunde ein, sondern er erfreut Menschen mit Behinderung, Altenheimbewohner und ganz allgemein musikbegeisterte und sangesfreudige Menschen mit Musik und Gesang. In unserer Serie verrät er uns seinen Lieblingsplatz.

Köttel: Wo Andreas Kerner über Raubritter sinniert
Auch Schafe bekommt der Wanderer zu sehen. Foto: Andreas Kerner

„Meinen Lieblingsplatz habe ich oberhalb Köttel gefunden. Ich habe ihn entdeckt, als ich noch berufstätig und folglich zuweilen gestresst war. Man gelangt dorthin, wenn man zum Beispiel von Lahm aus Richtung Köttel fährt und an der Abzweigung nach Altendorf parkt. Das ,Platz-Erlebnis' beginnt bereits am Eingang desselben. Schon beim Anblick des Kreuzes und des unter der Last des Kreuzes gefallenen Jesus werden Stress und Leid etwas kleiner.

Wacholdergewächse und duftende Gräser

Man läuft durch ein kleines Stück Wald wie durch eine Schleuse. Am Ende dieses von Vogelstimmen begleiteten Tunnels wird?s plötzlich hell und weit. Die Mischung aus einer gewissen Freiheit, der besonderen Flora aus Wacholdergewächsen und duftenden Gräsern und Schmetterlingen erfüllt das Herz und lässt durchatmen.

Manchmal schaue ich den Schafen zu, die hier gelegentlich weiden. Dann der Blick auf das stille Tal, in die Natur und auf das beschauliche Dörfchen Köttel! Die Ruhe! All dies streichelt die Seele. Wann?s hier am schönsten ist? Zu jeder Jahreszeit, früh und gen Abend besonders. Zuweilen werde ich dabei ganz Kind und kann nicht widerstehen, in die verlassene Hütte am Waldrand hinein zu gehen und mir über die mögliche Bewohnung Gedanken zu machen.

Köttel: Wo Andreas Kerner über Raubritter sinniert
Romantik pur kann man oberhalb von Köttel genießen. Foto: Andreas Kerner

Ob ich sie mal kaufen werde? Und die Gedanken lasse ich natürlich weiter schweifen, wenn ich mit meiner Frau auf der Bank sitze und ins Dorf oder ins Tal oder auf den gegenüberliegenden Höhenzug blicke.

Ein Schatz in einer kleinen Kapelle

Als eines Abends das Glöcklein der kleinen Kapelle erklang, wollte ich mehr darüber wissen. So erfuhr ich, dass diese Kapelle 1937 gebaut wurde. Die Steine haben die Kötteler vom Felsenwald bei Eichig geholt. Dieses Naturkunstwerk mit seiner Mystik wurde ebenfalls zu einem meiner Lieblingsplätze. Interessant in der Kapelle ist die reich verzierte Kniebank. Sie stammt aus dem ehemaligen Kloster Langheim.

Wenn man ins Tal schaut, dann entsteht unweigerlich der Wunsch, hier mal zu wandern. Der Weg führt durch den wunderschönen Köttler Grund zur Weihersmühle. Im schmalen Tal fühlt man sich nicht eingeengt, sondern irgendwie geborgen, fast möchte ich sagen: wie ein Teil der ursprünglichen Natur. Das wäre dann ebenso entspannend wie auf der Höhe oberhalb Köttel zu verweilen. Oder auch wie bei einer gemütlichen Brotzeit im Wirtshaus vom Krapp Alois in Köttel.

Im erwähnten Höhenzug gegenüber, also südlich von Köttel, handelt es sich nicht nur einfach um einen bewaldeten Berg. Mit Phantasien, von Köttlern angestoßen, kann man einige gute Zeit verbringen. Die sprechen nämlich von einer ehemaligen Raubritterburg. Naja, der Platz wäre nicht schlecht gewählt: durch den Köttler Grund verlief früher ein Handelsweg, und bei der Abzweigung nach Altendorf führte die ehemalige, von Altenkunstadt über den Kordigast verlaufende Judenstaße vorbei.

Einst Vieh nach Bamberg getrieben

Jüdische Viehhändler haben hier ihr Vieh bis nach Schesslitz und Bamberg getrieben. Vielleicht haben ja wirkliche Ritter aus der Nähe von Arnstein ab und zu den Platz genutzt: Die ehemalige Burg der Herren von Leuchnitz, die auf dem Heideknock stand, wurde ja bekanntlich wegen des dortigen Raubrittertums zerstört. Ja, man kann Stunden auf der Leitn, so nennen die Köttler die Höhe, verbringen – und dabei (geistig) alte und neue Raubritter vorbei ziehen sehen. Natürlich auch liebe Menschen.

Um nochmals auf den gegenüber verlaufenden Höhenzug zurück zu kommen, beginne ich südwestlich kurz vor Eichig. Dort weist eine Tafel an der Straße auf bronzezeitliche Hügelgräber hin, die vor Jahren geöffnet wurden. Die Funde – unter anderem Bronzeschmuck – lagern im historischen Museum in Bamberg. In einem Katalog sind sie beschrieben. Ob kleine, wallartige Erhöhungen am felsigen, höchsten Punkt des Berges auf einen Kultplatz hindeuten? Die Reihe von Gräbern zieht sich jedenfalls fast über den gesamten Bergrücken hin. Und dass hier einst gesiedelt wurde, ist noch ganz deutlich anhand des sogenannten „Burgstalls“ abzulesen.

Verlauf der Umwallung

Unter diesem Begriff ist grob eine ehemalige Burg zu verstehen, von der weniger als Ruinen vorhanden sind. Im Denkmalatlas ist der Verlauf der Umwallung eingezeichnet. Und wenn man diesen Umriss abläuft, dann findet man die Übereinstimmung in den deutlich sichtbaren Wallresten. Eine spannende Sache! Ihr Wasser haben die Frühzeitler wohl aus dem Tal in der Nähe der Kläranlage geholt. Von dort führt ein Weg nach oben.

Köttel: Wo Andreas Kerner über Raubritter sinniert
Der Lieblingsplatz von Andreas Kerner liegt oberhalb von Köttel. Foto: Andreas Kerner

Auf der Bank oberhalb Köttel, auf der ich zum wiederholten Mal sitze, male ich mir den Alltag der Menschen der Bronze- oder frühkeltischen Zeit aus. Sie brauchten gewiss kein Fitness-Studio. Ich eigentlich auch nicht.

Fast hätte ich es vergessen: Einen Ortsadel hat es in Köttel wohl gegeben, doch dürfte dessen Residenz im Dorf gestanden haben – so Dr. Günter Dippold. Und die Köttler Flur war offensichtlich begehrt, denn unter anderem hatten die Edelfreien von Arnstein hier Besitzungen. Im Jahr 1350 wurde Köttel Teil des Giechkröttendorfer Rittergutes, und ab 1618 gehörte Köttel dem Kloster Langheim. Wahrlich Stoff für Phantasien auf der Bank!

Kürzlich begleitete mich die kleine Johanna auf die beschriebene Höhe oberhalb Köttel. Obwohl noch recht jung an Jahren, hatte sie doch schon ein Gefühl für die Schönheit dieses Ortes. Sie wird wieder hierher kommen. Ich sowieso. Denn es ist immer wieder schön – auf dieser Oase der Ruhe, egal, ob man dabei denkt und phantasiert oder ,nur' die besondere Atmosphäre auf sich wirken lässt.“

 

Von Andreas Kerner

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