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LICHTENFELS

Klassik-Open-Air mit Weltklasse-Pianisten in Lichtenfels

Klassik-Open-Air mit Weltklasse-Pianisten in Lichtenfels
Ein inniglicher Moment: Anna Zassimova zaubert auf den Tasten, Christophe Sirodeau nimmt sich zurück und lauscht. Foto: Markus Häggberg

Tänze und Legenden – unter diesem Motto standen am Mittwoch die Klavierkünste von Anna Zassimova und Christophe Sirodeau. Nach einem Jahr Corona-bedingter Abwesenheit war es wieder da: das Klassik-Open-Air. Unter großem Beifall endete ein Konzert, das aus mehreren Gründen in Erinnerung bleiben dürfte.

Da wären zum einen die Künstler selbst. Die Russin Zassimova und der Franzose Sirodeau, jeder eine (Welt-)Klasse für sich, aber gemeinsam und vierhändig wohl auch auf manchem Gebiet einzig.

Ein Hauch von Buenos Aires in einem Lichtenfelser Hinterhof

Das dürfte den gut 200 Besucherinnen und Besuchern spätestens dann staunend aufgegangen sein, als dem Duo Astor Piazollas Tango Ballet wortwörtlich unter die Finger geriet. Denn Sirodeau transkribierte die Komposition eigens für sich und seine Klavierpartnerin, und gemeinsam schuf das Duo verstörend schöne Momente voller Tempowechsel, bei welchen man mitunter glauben mochte, Piazollas Bandoneon schimmere durch. Ein Hauch von Buenos Aires in einem Lichtenfelser Hinterhof.

So viel zum 20. Jahrhundert. Denn zum anderen sollte der Abend im Zeichen des 19. Jahrhunderts stehen und das hieß: Brahms, Dvorak, Tschaikowski, Liszt, Schumann und Debussy. Musik also, die nicht selten von selbst schon großen Pianisten geschaffen wurde.

Stühle in weißen Hussen und ein Moderator im Frack

Klassik-Open-Air mit Weltklasse-Pianisten in Lichtenfels
Moderator und Förderer des Klassik-Open-Airs: Roberto Bauer. Foto: Markus Häggberg

Und dann war da noch der Ort selbst. Noch für ein paar Wochen bietet die Innenstadt im Schatten des Stadtschlosses einen Innenhof an, an welchen sich die Lichtenfelser gewöhnen könnten, wenn er nicht bald bebaut würde. In diesem Sommer jedenfalls fand dort schon einiges statt, allerdings mit dem Klassik-Open-Air in doch etwas festlicherer Ausprägung; die Stühle in weißen Hussen und auf der Bühne ein Moderator im Frack – Roberto Bauer. Mehr noch, denn mit Andreas Hügerich, Sabine Rießner und Mathias Söllner sollten vor Konzertbeginn gleich zwei Lichtenfelser Bürgermeister und eine Bürgermeisterin das Publikum begrüßen und Werbung für den auch wohltätigen Charakter des Abends machen.

Dann aber hieß es, die Bühne der Künstlerin und dem Künstler zu überlassen, und die bereiteten das Publikum darauf vor, dass der geplante Ablauf etwas umgestellt wird. Daraus sollte sich so etwas wie ein Running Gag entwickeln, immer wieder dann, wenn Zassimova oder Sirodeau ihre Notenblätter neu zu sortieren hatten.

Quirlig, mit Humor und einer Vorahnung von Jazz

Klassik-Open-Air mit Weltklasse-Pianisten in Lichtenfels
Musik weckt Assoziationen, so auch bei Anna Zassimova. Sie teilte sie gerne mit dem Publikum. Foto: Markus Häggberg

Anders als Sirodeau, der das Gesicht eines milde Wissenden hat, äußerlich Assoziationen zu Patrick Süskind aufkommen lässt und von schweigsamer Natur zu sein scheint, oblag es Zassimova, am Bühnenrand auch von den bisweilen anekdotischen Hintergründen der klassischen Werke zu erzählen. Davon etwa, dass Brahms einen quirligen Walzer jenem Kritiker widmete, der in ihm stets nur einen „seriösen, tiefsinnigen Komponisten“ sah und ihm zu viel Ernst bescheinigte.

Vierhändig bewältigte das Duo dieses Werk, und der Humor des Stückes übertrug sich auf die Gesichter der beiden. Ganz offensichtlich hatten sie Spaß an der Freude, auch wenn der bewölkte Abend doch recht kühl war. Verblüffend an manch Brahm'schen Passagen war, dass sie wie eine Vorahnung von Jazz klangen.

Impressionistische Klangmalerei und eine subtile Melodie

Zu den herausragenden Momenten des Abends zählte gewiss auch die Darbietung von Debussys Petite Suite. Impressionistische Klangmalerei, zarte, angedeutete melodische Szenen, die Zassimova elegant klanglich verdämmern ließ. Oder Schumanns Widmung an Franz Liszt, bei der die Künstler hinter all den Läufen und der Wucht eine subtile Melodie herausarbeiteten.

Der Applaus für die mehr als zwei Stunden intensiver Musik fiel lang und herzlich aus. Glückliches Lichtenfels, das sich anderntags darauf freuen konnte, das gleiche Programm am selben Ort in zweiter Auflage erneut erleben zu dürfen.

Von Markus Häggberg

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