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LICHTENFELS

Kaplick lässt sich im Stadtschloss Lichtenfels auf Beethoven ein

Kaplick lässt sich im Stadtschloss Lichtenfels auf Beethoven ein
Sieht etwas verbissen aus, war aber Bestandteil freundlicher Betrachtung: Florian Kaplick mit Beethoven im Sinn. Foto: Markus Häggberg

Wenn ein Psychiater Programm macht, dann kann das eine runde Sache werden. Solche Leute denken vernetzt, und denen ist nichts fremd. Erst recht nicht, wenn sie sich so ganz und gar auf eine Person einlassen. Florian Kaplick ließ sich ein. Auf Beethoven. Am Freitag am Flügel und im Stadtschloss.

Also was war das jetzt genau, dem die Besucher da so beiwohnten? War es ein Konzert? Journalismus nach Noten? Ein Psychogramm mit Augenzwinkern oder eine Anekdotensammlung mit Musik? Es war wohl alles zusammen, irgendwie und sowieso. Vor allem war es auf den vielen Ebenen unterhaltsam, was Kap-lick da als Programmpunkt des Fränkischen Theatersommers über die Tasten rollen ließ.

Stutzig machendes Erlebnis geht dem musikalischen Genuss voraus

Doch dem musikalischen Genuss ging ein stutzig machendes Erlebnis voraus. Wer nämlich das Stadtschloss betrat und die Besucher coronabedingt sortiert an ihren voneinander entzerrten Tischen sitzen sah, der mochte sich eher in einer verspäteten Abiturprüfung wähnen.

Und wenn schon nicht von Prüfung, so hatte das Programm doch immerhin was von Unterricht. Aber ohne belehrend zu sein, denn die Bonmots, die Kaplick im Gepäck hatte, die dürfte wohl kaum einen im Saal unnötig vorgekommen sein. Ein Beispiel: „Ich habe mir irgendwann verziehen, nicht Beethoven zu sein“, soll Weltstar Neil Diamond mal zu sich selbst gesagt haben. „Ich habe mir nie verziehen, nicht Beethoven zu sein“, konterte Weltstar Billy Joel daraufhin.

„Aber er war auch witzig,“
Florian Kaplick

Doch abgesehen vom Anekdotischen, hatte es der freundliche Mann am Klavier gehörig in den Fingern. Wie unter seinen Händen Blues und Beethoven Verbindungen eingingen, das ließ sich hören, das war nicht selten erlesen. Und einmal, da sagte der Mann etwas mit fast flehentlicher Note: „Aber er (Beethoven) war auch witzig!“ Peng! Das ist genau das Bild, welches man von Beethoven ebrn nicht hat.

Kaplick lässt sich im Stadtschloss Lichtenfels auf Beethoven ein
Nein, es ist nicht die echte Golden Record der Voyager im Weltraum. Aber als Schaustück kaum zu unterscheiden. Florian Kaplick bediente sich auch interessanter Schaustücke, um Beethoven ans Herz zu legen. Foto: Markus Häggberg

Auf Briefmarken, auf Bildern, im kollektiven Gedächtnis und und in Filmen ist er immer mürrisch, ernst, verschroben, verbittert sogar. Da war es gut, dass der Psychiater die freundliche Seite des Giganten herausstellte, die, die ihn witzige Korrespondenzen mit E.T.A. Hoffmann führen und Grenzen der Kompositionstechniken humorig sprengen ließen.

Und wer war es doch gleich, der einst sagte, dass Beethoven den Boogie-Woogie erfand? Genau, Strawinsky. Aber das sagt einem ja keiner, dazu muss es eben Programme wie Kaplicks „Roll on, Beethoven!“ geben.

Pianist, Humorist und Arzt befasste sich lange mit Leben des Bonners

„Es war eine einzige Entdeckungstour für mich“, gestand eben dieser Kaplick, der in einer Klinik in Edinburgh tätig ist, seinem Publikum ein. Eine lange Zeit befasste sich der Pianist, Humorist und Arzt mit dem berühmten Bonner, nahm hier und dort zu ihm Witterung auf, ging dieser Spur nach und jener. „Ich habe mich durch Sinfonien und Streichquartette gespielt“, erklärte der musikalische Arzt und untertrieb wohl herrlich weit. Denn am Ende hatte er aus so ziemlich allem ein Sammelsurium und zu formen.

Da wäre die Sache mit Tolstois Kreuzersonate in der Literaturgeschichte ebenso wie ein etwaiges Missverständnis, wonach Beethoven beim Komponieren der Mondscheinsonate gar allzu schwer ums Herz gewesen sein mochte. Doch die Bezüge und Querbezüge zu Beethoven reichten noch weiter. Sie reichten bis Chuck Berry, der mit seinem berühmten „Roll, Roll over Beethoven“ den Rock'n'Roll mit einläutete, bis zu einer beethoven'schen musikalischen Bagatelle, die sich im James-Bond-Thema findet. Und sogar bis zur Voyager Golden Record, einer interstellaren Datenplatte, die im Weltraum schwirrt und auch über Beinhaltung der Musik von Beethoven extraterrestrische Intelligenz der Menschheit gewogen machen soll.

Beethoven war wahrlich kein Leisetreter

Ja selbst die Disco-Ära arbeitete der Mann auf. Dabei konnte er laut werden, weil Beethoven kein Leisetreter war. Aber er blieb dabei doch immer sensibel und der Seele eines Mannes verbunden, der er merklich gerne zugute hielt, dass sie wohl viel reicher und freundlicher war, als man es heute wissen kann.

 

Von Markus Häggberg

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