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BURGKUNSTADT

In Zeiten Coronas: Video-Schalte mit Albrecht Dürer

Martin Gunsenheimer-Welsch hat sich einem Werk von Albrecht Dürer verschrieben. Die Frisur verdankte er dem kreativen Einsatz seiner Familie. Foto: Red

Unsere Autorin Iris Birger arbeitet wie so viele derzeit im Homeoffice. Doch bei ihrem Arbeitgeber, der Firma Empiriecom, hat sich das Team etwas Besonderes ausgedacht....

„Wie jeden Dienstagmorgen seit nun mittlerweile sieben Wochen im Home-Office setze ich mich mit einem gutem Cappuccino an den Schreibtisch und warte auf das gemeinsame Team-Meeting, die Hände an der Tasse wärmend und vor mich hinträumend. Bei der Videokonferenz sind dann natürlich Kamera und Ton an. Das gehört sich so, finden wir als Team. Jeder zeigt sich – so, wie er gerade ist. Jeden Tag der gleiche Blick in die verschiedenen Wohnzimmer oder Büros. Nur die Frisuren werden länger, fällt mir zunehmend auf.

Leckerer Milchschaum und steigende Spannung

Ich sitze also da und schlürfe genüsslich meinen Milchschaum. Die Computeruhr zeigt 8.59 Uhr. Plötzlich steigt in mir schon etwas die Aufregung, denn es wird heute keine 08/15-Videokonferenz werden. Mein Team hat sich überlegt, ab und zu mal etwas Besonderes zur Auflockerung einzubauen. Wenn wir uns schon nicht live sehen können und das Team-Gefühl in diesen Wochen auf die digitalen Treffen beschränkt bleibt.

Was wir uns für diese Woche aussuchten, war schnell klar: Wir folgen dem Aufruf des Getty Museum in Los Angeles und machen Kunst erlebbar.

Andrea Gebhard macht aus Klorollen eine Klassikmeister. Foto: red

Es ist Punkt 9 Uhr. Da sehe und höre ich meine Kollegen und Kolleginnen. Ich merke, dass sie ebenso neugierig und aufgeregt sind wie ich. Man kann die Spannung deutlich spüren. Die Präsentation der Kunstwerke soll gleich beginnen. Martin Gunsenheimer-Welsch, der erste in unserer Runde, kommt mit einer Nachstellung von Albrecht Dürer um die Ecke.

Wie aus dem Gesicht geschnitten

Wenn rund zehn Kollegen gespannt auf den Bildschirm blicken und sich vor Lachen nicht mehr halten können, dann kann es nur daran liegen, dass die gesamte Familie meines Kollegen die Zeit am Wochenende dafür aufbrachte, sämtliche seiner langhaarigen Strähnen in die perfekte Welle zu legen. Es ist ihnen gelungen. Er ist dem Original wie aus dem Gesicht geschnitten.

Wie bei einer Auktion wandern wir Schritt für Schritt oder vielmehr kreuz und quer durch die Kunstgeschichte. Was mir dabei begegnet, sind Bildkompositionen mit dem eigenen Haustier. Echt jetzt, die Katze? Das arme Tier denkt sich derzeit vermutlich häufiger: Warum sind die Zweibeiner nun schon seit Wochen den lieben langen Tag zuhause und stören mich permanent beim Fressen oder Sachen zerstören? Nehmt den Hund und lasst mich in Ruhe!

Balou
Lisa Aileen Nickel schnappte sich ihren hochbetagten Kater und arrangierte diesen für ein Gemälde von Franz Marc. In ein Mittagsschläfchen versunken bekam dieser recht wenig davon mit. Foto: red

Der Kater von Lisa Aileen Nickel verhielt sich bei den Aufnahmen allem Anschein nach geduldig und überließ das Geschehen nicht dem Hund. Beim Anblick des Gemäldes kann ich sein Schnurren erahnen.

Weiter geht es in Richtung Kühlschrank in einem mittelfränkischen Zuhause. Interessant, was sich dort so alles findet. Ist die Kollegin Veganerin, so hat sie immer einen Salat zuhause, behauptet Stefanie Wening von sich selbst.

Wenn Salat zum Kunstwerk wird

Dass Salat Kunst sein kann, davon überzeugt sie uns mit einer ganz besonderen Nachstellung: Pittoreske Salatherzen in einem Dialog mit Gänseblümchen passen durchaus ganz wunderbar zu Monets Seerosen. Langsam bekomme ich Hunger auf Frühstück.

Ich bin beeindruckt, mit welchem Engagement jeder einzelne von uns dem Aufruf des Getty Museum folgte und sich am vergangenen Wochenende zuhause in diese Herausforderung stürzte. Die Frage nach dem Warum ist einfach zu beantworten: Es geht ums gemeinsame Erleben. Das Zwischenmenschliche darf in dieser Zeit nicht verloren gehen.

Auch der arme Poet ist mit dabei

Autorin Iris Birger folgte dem Rat ihrer Freunde und verwandelte sich zum armen Poeten des Künstlers Franz Carl Spitzweg. Foto: red

Und welches Kunstwerk ich imitierte, möchten Sie nun vielleicht mit einem neugierigen Blick erfahren. Die Auswahl meines Kunststücks kam so zustande, dass meine Freunde mir rieten, den „armen Poeten“ von Spitzweg nachzustellen. „Super einfach! Das bekommst selbst du hin.“ Wird der nicht oft auch als eingebildeter Kranke verkannt?

An der Decke wird Regenschirm platziert

Naja, was tut man nicht alles, um sich auch mal neu zu entdecken. Zum Glück fanden wir am Sonntagabend in der Vorbereitungsphase noch einen Weg, den sperrigen Regenschirm an der Wohnzimmerdecke zu befestigen. Unterhemd zur Schlafmütze gewickelt, Bücherstapel daneben und bitte nicht bewegen. Das Bild war im Kasten.

Heute an diesem zunächst so gewöhnlichen Dienstagmorgen durfte ich ein Team-Event erleben, das sicherlich Geschichte schreiben wird – wohlgemerkt Kunstgeschichte.

Hintergrund

Seit März 2020 heißt es für viele Mitarbeiter der Firma Empiriecom: Bitte im Home Office bleiben.

Also bleibt der Großteil der rund 100 Mitarbeiter der Baur-Tochterfirma zuhause in den eigenen vier Wänden und betreut von dort aus circa 35 Online-Auftritte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber das Unternhmen hat sich etwas ausgedacht.

Zur Bedeutung von Team-Events erklärt Natalie Rauch, Teamleitung bei Empiriecom, Folgendes: „Das Miteinander unter den Kollegen ist in dieser speziellen Zeit wichtiger denn je. Hierzu haben wir nun seit Wochen neue Rituale entwickelt. Dies gibt allen, egal wie unterschiedlich die einzelnen Charaktere sind, eine Form der Sicherheit.

So haben wir zum Beispiel täglich kurze Videokonferenzen am Morgen eingeführt, in denen es bewusst nicht um fachliche Themen geht. Ergänzend dazu hat das Team neue Ideen entwickelt, die von allen mit großer Begeisterung angegangen werden.

Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt und unser gemeinsames Teamziel wird erreicht: Der Kopf kommt mal weg von der eingeschränkten Situation, alle erfahren ein gemeinsames Erlebnis und nach diesen kurzen ,Ausflügen‘ sitzt man dann wieder mit vollem Elan an seine fachlichen Arbeitsaufgaben.“

Von Iris Birger

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