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LICHTENFELS

Anne Salzbrenner: „Habe mir Träume erfüllt in Lichtenfels“

Im Sommer wird Anne Salzbrenner Dekanin von Rügheim-Kleinmünster. Foto: Markus Drossel

Mit prüfendem Blick baut sich der Zweieinhalbjährige vor der Pfarrerin auf. „Du, Anne, mal ehrlich: Geister gibt es doch gar nicht!“, sagt er mit fester Stimme und ernster Miene. Anne Salzbrenner, die gerade über den Heiligen Geist gepredigt hatte, ist perplex. „Ja“, sagt sie. „Du hast recht, Gespenster gibt es nicht.“ Der Heilige Geist sei ein Symbol, etwas Wunderbares, nichts Gruseliges und Erschreckendes.

Gespräche wie dieses, gerade auch mit Kindern und Jugendlichen, sind Anne Salzbrenner im Gedächtnis geblieben. „Wir haben dann richtig tiefgründig diskutiert, fast sogar philosophiert“, sagt sie und lächelt. Seit 26 Jahren ist Salzbrenner Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde der Stadt Lichtenfels. Im Sommer steht ein Wechsel an. Auf eigenen Wunsch. Sie wird Dekanin von Rügheim im Landkreis Haßberge (diese Redaktion berichtete).

Dass eine Pfarrerin 26 Jahre an einem Ort ist, ist ungewöhnlich. Normalerweise werden Pfarrer in regelmäßigen Abständen von zehn, spätestens aber 15 Jahren immer wieder angesprochen, ob sie sich nicht einen Wechsel der Pfarrstelle vorstellen könnten. Salzbrenner wollte lange nicht. Auch ihr Kirchenvorstand, der ebenso regelmäßig gefragt worden war, wollte sie nicht hergeben.

26 Jahre lang war die Martin-Luther-Kirche in Lichtenfels für Anne Salzbrenner Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. Foto: Markus Drossel

Der Reiz, mal etwas anderes zu machen

Nun aber hat Salzbrenner den Schritt gewagt. „Ich habe mich auf diese Stelle beworben, und die Regionalbischöfin fand das gut“, sagt Salzbrenner. Das sei im September gewesen. „Vergangene Woche dann hat der Landeskirchenrat eine Empfehlung an das Wahlgremium ausgesprochen.“ Und die örtlichen Verantwortlichen nahmen diesen Vorschlag dankend an.

„Gereizt hat mich natürlich auch die Dekansposition, aber vor allem, mal etwas anderes zu machen“, so Salzbrenner. „Wenn man 26 Jahre Pfarrerin an einem Ort ist, ist man mit diesem natürlich auch verwurzelt. Ich glaube, dass es gerade deshalb gut ist, dass es mal einen Wechsel gibt. Es hat immer gute Gründe gegeben, warum ich nicht weggegangen bin. Nun aber ist es Zeit.“

Zu diesen guten Gründen zählt für Salzbrenner der Bau der Kindertagesstätte „Körbla“. „Mir wurde mit dem ,Körbla‘ die Chance gegeben, meinen Traum zu verwirklichen: der Aufbau eines Familienzentrums inmitten der Innenstadt. Da wollte ich natürlich nicht mittendrin gehen.“ Auch der Anbau an der Kita Vogelnest sei „ein Traum“ gewesen.

Auch ihr leidenschaftliches Engagement im Aktionsbündnis „Lichtenfels ist bunt“, ein Zusammenschluss für Menschlichkeit und Toleranz und gegen Hass und Hetze, hielt sie vor Ort. „Es ist eine tolle Chance, Sprecherin von so einem Bündnis zu sein“, sagt sie. Und da waren noch die Menschen an sich. „Es hat mich gereizt und gefreut, Menschen ein kleines Leben lang zu begleiten“, sagt Salzbrenner. „Kinder, die ich einst taufte, durfte ich Jahre später konfirmieren. Frühere Konfirmanden wurden von mir getraut und deren Kinder wieder getauft. Das fand ich toll. Wie gesagt: Es gab immer gute Grunde zu bleiben.“

Kinder liegen Anne Salzbrenner besonders am Herzen. Foto: M. Drossel

Irgendwann im Sommer – das genaue Datum steht noch nicht fest – wird Salzbrenner nun Dekanin von Rügheim, einem Ortsteil von Hofheim. „Das ist Unterfranken, gehört aber zum Kirchenkreis Oberfranken-Bayreuth“, erläutert Salzbrenner. „1527 gab es in Rügheim schon Reformation. Seit 1809 ist Rügheim übrigens Dekanatssitz. Hofheim dagegen ist mehrheitlich katholisch.“ Rügheim ist ländlich geprägt, verzaubert durch landschaftliche Reize. Letztlich wie auch der Landkreis Lichtenfels.

Seit 2016 ist Salzbrenner stellvertretende Dekanin

Seit 2016 war Anne Salzbrenner, neben der Pfarrstelle in Lichtenfels, bereits stellvertretende Dekanin des Dekanats Michelau. Nun wird die gebürtige Münchnerin „Chefin“ von 22 Pfarrerinnen und Pfarrern sowie weiteren Diakonen und Religionspädagogen. „Mit dem einen Teil der Stelle bleibe ich ganz normale Gemeindepfarrerin, dann für Rügheim und Kleinmünster, zwei Dörfer. Mit der anderen Hälfte der Stelle bin ich zuständig für das Wohlergehen der Kirchengemeinden des Dekanatsbezirkes und der dortigen Pfarrer sowie kirchlichen Mitarbeiter“, umschreibt es Salzbrenner. „Außerdem bin ich Bindeglied zwischen Landeskirchenrat, Kirchenkreis und Kirchengemeinde vor Ort.“ Eine Dekanin ist also eine Art Teamleiterin, wie eine Vorsitzende im Verein – oder eine Geschäftsführerin.

Die Kirchengemeinde Rügheim zählt 411 Gemeindemitglieder, 288 sind es in Kleinmünster. „In Lichtenfels sind es 3900 Gemeindemitglieder, davon entfallen 2000 auf mich.“ Im Dekanatsbezirk Rügheim sind 20 500 Gemeindemitglieder in 40 Kirchengemeinden. „Ein mittelgroßes Dekanat in Bayern.“

Trotz der Personalnot auch in der evangelisch-lutherischen Kirche macht sich Anne Salzbrenner keine Sorgen, dass Lichtenfels keine protestantische Pfarrerin oder keinen Pfarrer mehr bekommen könnte. Im Gegenteil: „Wenn ein neuer Pfarrer kommt, bringt er neue Impulse, neue Ideen in eine Gemeinde, neuen Elan, neue Richtungen“, sieht Salzbrenner für die Gemeinde etwas Positives. Wobei: Über mangelnden Elan von Anne Salzbrenner dürfte sich wohl niemand beklagt haben. Die Fußstapfen, die die 57-Jährige hinterlässt, sind riesig, so vielfältig engagiert war sie. Und so bekannt. Und so beliebt.

Knochenarbeit für den „bunten Hund“

Wenn in Lichtenfels von „der Anne“ die Rede ist, weiß jeder, dass es die evangelische Pfarrerin ist. Einfach nur „die Anne“ genannt zu werden, ist für Salzbrenner wie ein Ritterschlag. „Ich freue mich, dass ich längst Teil der Gemeinde bin, nicht außen vor stehe. Ich fühle mich auch als Teil der Gemeinde.“

Damit verbunden sei aber auch immer eine große Erwartungshaltung gewesen: „Es ist schon auch Knochenarbeit, wenn man bekannt ist wie ein bunter Hund.“ Salzbrenner lacht. Die Erwartungen an Predigten, an Gottesdienstformen, an immer Neuem waren immens. Und gingen letztlich auch an die Substanz.

Predigten „von der Stange“ gab es bei Anne Salzbrenner nie. Auch keine Predigten ohne Tiefgang. Ihre größte Kritikerin ist sie dabei selbst: „Ich hatte schon Predigten, da dachte ich beim Vortragen bei mir: Mein Gott, was hast du denn da geschrieben? Letztlich aber haben die Leute nach dem Gottesdienst an der Tür gesagt: ,Wir waren begeistert. Genau eine Predigt für mich!‘“ Salzbrenner schmunzelt. „Predigen ist sowieso immer eine Sache des Geistes. Ich predige nie alleine. Da predigt einer mit.“

Inspirationen findet Salzbrenner im täglichen Leben ebenso wie in der Bibel. „Die Bibel an sich ist unglaublich spannend. Sie beinhaltet so viele Geschichten aus dem Leben, aber auch Geschichte, tolle Liebeserklärungen, tolle ... eben Begebenheiten aus dem Leben. Sie ist ein Lebensbuch, etwas Lebendiges, was in die Welt gehört und das ich immer wieder gerne lese.“ Wenn ihr Zeit und Muse bleibt bei all den Verpflichtungen.

Die evangelische Pfarrerin ist für engagierte Predigten und klare Aussagen bekannt. Foto: M. Drossel

Zuerst ihren Bruder Georg informiert

Der erste, der von ihrem Wechsel nach Rügheim erfuhr, war übrigens ihr Bruder Georg. Er ist auch Pfarrer, in Kleinweisach bei Vestenbergsgreuth in Mittelfranken. Danach informierte sie ihre Freunde. Am Mittwochmorgen dann ihre Belegschaft, ihre Pfarrerskollegen beider Konfessionen. „Die Begeisterung hat sich in Grenzen gehalten“, sagt sie.

Die Pfarrkirche in Rügheim, für die Anne Salzbrenner ab Mitte 2022 zuständig sein wird, ist eine der ältesten im Haßgau: Die Marienkirche stammt aus dem zwölften Jahrhundert. Darauf freut sich Salzbrenner schon sehr. Zunächst aber möchte sie noch einige Projekte aufarbeiten. So zum Beispiel die Renovierung des Pfarrhauses neben der Martin-Luther-Kirche. „Es wird fertig, das ist versprochen. Aber ich werde nicht mehr einziehen.“

 

Von Markus Drossel

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