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LICHTENFELS

Guter Impf-Start der Hausärzte im Landkreis Lichtenfels

Coronavirus - Impfung in Hausarztpraxis
Seit dem 6. April impfen die niedergelassenen Ärzte im Landkreis gegen Covid-19. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Zwischen 30 und 60 Corona-Impfdosen können die Hausarztpraxen in dieser Woche im Landkreis verimpfen – auch an Risikopatienten jüngeren Alters. Die Mediziner sind zu großer Mehrarbeit bereit, denn sie hoffen: Wenn es genügend Impfstoff und Bereitschaft in der Bevölkerung gibt, könnte vielleicht sogar der Sommer etwas entspannter und „normaler“ werden.

Die 80-jährige Frau Müller, die seit Monaten ihr Grundstück nicht mehr verlassen hat, und der 49-jährige Michael, der an einer schweren neurologischen Erkrankung leidet, haben nun etwas gemeinsam: Beide sind in dieser Woche durch ihren Hausarzt gegen Covid-19 geimpft worden. Sie haben zwei der zwischen 30 und 60 Impfdosen erhalten, die die Hausärzte in der Region Lichtenfels erstmals kurz vor den Osterfeiertagen bekommen hatten – je nach Größe der Praxis. Alle seien gleich am ersten Impf-Tag verbraucht gewesen, verrät Dr. med. Otto Beifuss, Vorsitzender des Ärztlichen Bezirksverbandes Oberfranken, der von den Erfahrungen vieler Kollegen berichtet.

Lieferwege sind bewährt

Sie erhielten die erste Lieferung der Impfdosen aus den Impfzentren, nun sollen diese aber auf bewährtem Wege, das heißt über die Apotheken und den Großhandel, geschehen. „Das klappt seit Jahrzehnten. Ich denke da zum Beispiel an den Grippe-Impfstoff, der ja auch gekühlt werden muss“, so Dr. Beifuss. Rund eine Woche liege zwischen der Bestellung und der Aushändigung der Impfstoffe – derzeit AstraZeneca. Nun sollen erstmals Dosen der Firma Biontech geliefert werden. Die anfänglich hohen Minus-Grade der Kühlung für diese wurden zuletzt korrigiert: Für die Haltbarkeit des Impfstoffes sei eine weniger starke Kühlung, die für Apotheken und Praxen gut zu gewährleisten ist, ausreichend.

Doch auch das Mittel „AstraZeneca“, das in den letzten Wochen für Aufsehen, Negativ-Berichte und schließlich spezifischere Zielgruppen gesorgt hat, sei ohne Probleme verbraucht worden. Hier zeigen sich wiederum Vorteile der Impfung durch die Hausärzte, denn diese kennen die Vorerkrankungen ihrer Patienten, ebenso wie deren Alter und weitere Risikofaktoren. „Sie können von vorn herein sagen: Für wen ist er geeignet?“, erklärt Dr. Beifuss und weist zudem daraufhin, dass gerade ältere Menschen schon nach der ersten Impfung mit AstraZeneca ein deutlich geringeres Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben als vorher.

Er bemerkt jedoch, dass die Aufklärung hierfür intensiver sei. Am Ende mit Erfolg: Gerade ältere oder nicht-mobile Menschen, die möglicherweise seit Monaten ihr Grundstück oder Haus nicht mehr verlassen haben, vertrauen ihrem Hausarzt, der diese im Rahmen von Hausbesuchen geimpft habe.

Eigene Priorisierung ohne Juristerei

Doch auch jüngere Menschen, auch solche, die nicht in Pflege- oder Lehrberufen arbeiten, gehören zu diesem Kreis: Patienten mit neurologischen Vorerkrankungen oder starken Risikofaktoren stehen auf der Priorisierungsliste ihres Hausarztes weit oben, der nach medizinischer Notwendigkeit, Dringlichkeit und individuell am Leiden des Patienten orientiert agiert. „Juristische Vorgaben bekommen dadurch erst den medizinischen und menschlichen Sinn, wie eben so oft im Leben. Eine Leistung die dem betreuenden Arzt am besten gelingt.“ Selbstverständlich orientieren sich diese auch an den Empfehlungen von Bund, Ländern und des Robert-Koch-Instituts, genießen aber mehr Freiheiten: „Es ist mehr ein pragmatisches Impfen: Wenn ein Kollege zum Beispiel zwischen einem 70-jährigen top-fitten Triathleten und einem 60-jährigen Mann, der nach einer starken Erkrankung noch immer Immunsuppressiva einnehmen muss, wählen müsste, wird er eher den jüngeren nehmen.“

Ärzte zu Mehrarbeit und hoher Frequenz bereit

Doch solche Entscheidungen müssen hoffentlich bald nicht mehr getroffen werden, wenn genügend Impfstoff auch im Landkreis Lichtenfels zur Verfügung steht. Die Hausärzte in der Region „scharren mit den Füßen“, scherzt der Vorsitzende des Ärztlichen Bezirksverbandes Oberfranken, erklärt jedoch ernst: „Die Kollegen sind zu einer höheren Taktfrequenz und einem noch höheren Arbeitseinsatz bereit.“ Angst davor, dass diese Patienten mit anderen Routine-Erkrankungen vernachlässigen könnten, muss niemand haben. „Wir impfen, was wir kriegen und arbeiten mehr!“

Guter Impf-Start der Hausärzte im Landkreis Lichtenfels
Dr. med. Otto Beifuss Foto: red

Damit spricht Dr. Beifuss für die Mediziner im Landkreis, aber auch die Medizinischen Fachangestellten in den jeweiligen Praxen. Diese bereiten die Impfungen vor und auf, sie erledigen die bürokratischen Tätigkeiten, die zwar leichter als für die Impfzentren, jedoch immer noch zeitaufwendig sind. In den jeweiligen EDV-Systemen kann das Personal nach bestimmten Suchkriterien wie etwa Alter, Vorerkrankungen oder Risikofaktoren spezifische Listen mit Patienten erstellen, für die eine Impfung nahegelegt werde. „Das geht schnell. Viele haben schon lange Listen“, weiß der Arzt, der zusammen mit seinen Kollegen einen hohen Datenschutz verspricht. Die Aufklärung, die Unterschriften auf diesen Bögen sowie die Übermittlung der Impf-Behandlungen an die Kassenärztliche Vereinigung kosten jedoch Zeit.

Das Alter der Patienten sinkt

Zeit, die jedoch den Aufwand wert ist. Denn die Mediziner sehen – bei allen neuen Meldungen von überlasteten Intensivstationen und schweren Verläufe einer Covid-19-Erkrankung – Erfolge durch die Impfung: Das Alter der Patienten sinkt. „Es sind deutlich weniger 80-Jährige oder allgemein Menschen aus Seniorenheimen betroffen. Nun gilt es besonders die 50- bis 60-Jährigen zu schützen“, beobachtet Otto Beifuss. Er erinnert auch an die bahnbrechenden Erfolge in der Pandemiebekämpfung in der Vergangenheit und nennt die Pocken- oder die Grippeimpfung.

Deshalb hat er die große Hoffnung: „Wenn die Leute solidarisch sind, sich impfen lassen und dadurch sich und andere schützen, dann wartet der Sommer auf eine Schar glücklicher Menschen. Dann könnte wieder ein einigermaßen normales Leben möglich sein.“ Voraussetzung sei dafür jedoch auch die Existenz ausreichender Impfdosen in Deutschland und im Landkreis Lichtenfels. Viele Praxen könnten beispielsweise auch bis zu 150 Impfungen pro Tag durchführen. Einige denken sogar an einen Impf-Tag, möglicherweise sogar samstags.

 

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