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LICHTENFELS

Gegen Antisemitismus, für Verbundenheit

Mit Kippa auf dem Kopf und bemerkenswertem Wissen unter der Kippa ausgestattet, führte Bezirksheimatpfleger Günter Dippold letztlich noch zum Jüdischen Friedhof. Foto: Markus Häggberg

1700 Jahre Judentum in Deutschland – eine nachweisliche Zahl. Nachweislich auch ein Grund für viele Gedenkveranstaltungen im gesamten Bundesgebiet. Das, was hinsichtlich dessen am Sonntag an der Herzog-Otto-Mittelschule stattfand, dürfte als besonders gelten. Beginnend mit den Gästen, endend bei der Musik.

Sofie Seliger wurde 1938 bei Reundorf tot im Wasser gefunden

Avner Seliger blieb nicht nur Teil des Publikums, er verlas auch Grußworte und zeigte sich von der Anteilnahme des Publikums berührt. Foto: Markus Häggberg

Avner Seliger und Meirav Reon sind Geschwister aus der Nähe von Haifa. Haifa liegt 200 Meter höher über dem Meeresspiegel als Lichtenfels, und zehnmal so groß ist es auch. Aber die Urgroßmutter des Geschwisterpaares stammte aus Lichtenfels. Bei Reundorf wurde Sofie Seliger 1938 tot im Wasser gefunden – seit Sonntag trägt eine Straße Lichtenfels ihren Namen (wir berichteten - OT, 20. Oktober, Seite3).

Was ihr passiert ist und was vielen jüdischen Mitbürgern in der Reichspogromnacht auch in Lichtenfels widerfuhr, davon sollte im Laufe der Veranstaltung auch das Geschwisterpaar zu hören bekommen, das als Gast in der ersten Reihe der Schul-Aula saß.

Projektorchester lässt „Hatikwah“, die Hymne Israels, erklingen

Doch da war noch etwas anderes als der Schrecken in der Aula: Hoffnung. Hatikwah, Hoffnung also, heißt die Hymne Israels und sie erklang durch das 40-köpfige Projektorchester, allesamt bestehend aus Bläsern. Dass es sich fand und mehrmals miteinander probte, ist schon Zeichen der Verbundenheit mit dem Willen zur Erinnerung und gegen Antisemitismus. Musiker des Meranier-Gymnasiums, der Herzog-Otto-Schule, des Blasorchesters Lichtenfels und der Musikschule erwiesen der Veranstaltung als Ensemble die Ehre.

Thomas Sparr wusste zu unterhalten. Der Literaturexperte klärte über die Bedeutung jüdischer und insbesondere jüdisch-fränkischer Autoren auf. Foto: Markus Häggberg

Lokale Politprominenz war versammelt, unter ihr Lichtenfels' Bürgermeister Andreas Hügerich und auch das frisch gewählte Bad Staffelsteiner Stadtoberhaupt Mario Schönwald. Schirmherr Ludwig Spaenle, Staatsminister a. D. und Mitglied des Bayerischen Landtags sowie Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, ließ Grüße ausrichten lassen beziehungsweise hatte mit Ulrich Fritz einen Koordinator seiner Geschäftsstelle entsandt.

Suhrkamp-Geschäftsführer Sparr über jüdisch-fränkische Literatur,

Doch wer bei dieser vom Bayerischen Rundfunk begleiteten Veranstaltung mit merklicher polizeilicher Präsenz ganz besonders aufhorchen ließ, war Thomas Sparr. Der Mann ist Literaturwissenschaftler und einer der Geschäftsführer nicht irgendeines Verlags, sondern des Berliner Suhrkamp-Verlags.

Für den Lichtenfelser Ableger dieser von zwei Bundesministerien und auch vom Verein „1700 Jahre jüdisches Leben“ getragenen Gedenkveranstaltung, entschied sich der 61-jährige Berliner, der auch den zu Suhrkamp zählenden „Jüdischen Verlag“ leitete, einer Gedenkveranstaltung in der Provinz den Vorzug zu geben. Denn bei dem Namen Lichtenfels klingelte etwas in ihm, nämlich die Erinnerung daran, dass er auf seinen Fahrten mit dem ICE immer wieder auf diesen Städtenamen und die Haltestation stieß.

Die mehr als zwei Stunden währende Veranstaltung zog Besucher jede Menge Besucher an. Foto: Markus Häggberg

Jetzt wollte Sparr offenbar wissen, wie ernst es der Korbstadt mit der Beheimatung einer solchen Veranstaltung ist. Dann rief er als Kenner der Literatur und insbesondere der jüdisch-fränkischen Literatur jüdische Namen in Erinnerung, die zu jenen gehörten, ohne die, wie Andreas Hügerich schon in seiner Rede angemerkt hatte, „unsere Literatur um vieles ärmer“ wäre. Da wäre Jakob Wassermann (1873-1934), der für „Der Fall Mauritius“ und „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ berühmt wurde. „Er ist so etwas wie ein Chronist des jüdisch-fränkischen Lebens und war befreundet mit Walther Rathenau“, so Sparr, den Autor und dessen Zeit erhellend.

In lebendigen Worten ging er auch auf das Wirken von Felix Aaron Teilhabe und Ludwig Pfeuffer ein. Was Sparr, der viel Beifall für seine Rede erhielt, an der Festlichkeit besonders schätzte, war auch die Auswahl der Musik.

Projekt, das bis New York Wellen schlug

Dirigent Thomas Steinhardt verlangte seinem Projektorchester etwas ab, doch am Ende klang Begeisterung durch die Noten. Foto: Markus Häggberg

Thomas Steinhardt ist Musikpädagoge. Er war es, der das 40-köpfige Orchester dirigierte und die Proben leitete. Was er dem Publikum mitzuteilen hatte, ließ seine Augen leuchten. Die Arrangements der an diesem Nachmittag aufgeführten Musikstücke standen nämlich unter Bearbeitung von Danny Donner, dem Musikdirektor der Tel Aviv School of Arts. Doch wer Steinhardts Ensemble zuhören und in der Aula Platz nehmen wollte, der passierte im Eingangsbereich auch die Stellwände mit der Geschichte der 13 Führerscheine, jenem Projekt, bei welchem Lichtenfelser Gymnasiasten vor wenigen Jahren zum Verbleib von 13 Lichtenfelser Juden recherchiert hatten und das Wellen bis New York schlug.

„Jeder, der sich die Geschichte eines der 13 Menschen klar macht, müsste vor der

Versuchung politischen

Irrläufertums gefeit sein.“

Thomas Steinhardt, Musikpädagoge und Orchester-Leiter

Was sie zu den Schicksalen der jüdischen Führerschein-inhaber ermittelten, war bitter. Die Schicksale beeindruckten auch Steinhardt. Was er an diesem Tag mit seinem Projektorchester untermalte, brachte er mit den 13 Schicksalen und dem wachsendem Antisemitismus in Zusammenhang. „Jeder, der sich die Geschichte eines der 13 Menschen klar macht, müsste vor der Versuchung politischen Irrläufertums gefeit sein.“

Auch der Bäckerfachverein nahm am Geschehen teil. Hier lässt Vorsitzender Helmut Hofmann jüdisches Gebäck über den Tresen gehen. Foto: Markus Häggberg

Zu Irrläufertum und seinen Folgen sollte auch in einem Zelt auf dem Schulhof aufgeklärt werden, mehr noch aber zur jüdischen Geschichte Frankens. Nebenan, in einem weiteren Zelt, sollte sich auch der Lichtenfelser Bäckerfachverein einbringen und jüdisches Gebäck ausgeben.

In Lichtenfels begann die jüdische Geschichte schon 1268

Doch was weiß man eigentlich über jüdische Geschichte in Lichtenfels? In einem Vortrag erfuhr man, dass diese Geschichte schon 1268 begann, dass Juden mitunter zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten und dass ihre Geschichte von Erfolgen und Verfolgungen geprägt war. Seit dem 15. Jahrhundert sind Pogrome gegen sie verbrieft und 1938 wurde ihre Gemeinde durch die Nationalsozialisten auch in Lichtenfels systematisch ausgelöscht.

Bezirksheimatpfleger Günter Dippold brillierte mit einem Vortrag, der so erhellend wie sensibel war. Foto: Markus Häggberg

Nahezu zweieinhalb Stunden lang währte die Veranstaltung und sie sollte mit einem von Bezirksheimatpfleger Günter Dippold geführten Gang zum Jüdischen Friedhof ausklingen.

 

Von Markus Häggberg

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