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LICHTENFELS

Fränkisches Dorf gestern, heute, morgen

Dass die Arbeit der Spankorbmacher in Mistelfeld ein anstrengendes Geschäft war, lässt die Aufnahme aus den 1920er Jahren vermuten. Auch in anderen Dörfern ist es so zugegangen. Foto: red

Dass früher alles besser war, wird manchmal behauptet. Ob es freilich wirklich so war, lässt sich für jemanden, der dieses früher nicht erlebt hat, nicht beurteilen. Aber was man durchaus sagen kann: Früher war es anders als heute. Das betrifft vor allem das dörfliche Leben, auch hier am Obermain. Dörfer haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Und nicht nur ihr äußeres Erscheinungsbild, sondern auch das Leben, das sich in diesen Dörfern abspielt.

Früher: Alles, was man zum Leben gebraucht hat, gab es vor Ort

Früher war das Dorf eine eigenständige wirtschaftliche Größe. Fast alles, was man zum Leben gebraucht hat, war in vielen Dörfern vorhanden. Das Dorf hat sich fast vollständig selbst versorgt und verwaltet. Alles, was man zum Leben gebraucht hat, gab es vor Ort. Und die Ausflüge in die Stadt waren seltene und manchmal auch abenteuerliche Ereignisse.

Der gesellschaftliche Teil des Dorflebens spielte sich in damaliger Zeit im Wirtshaus ab. Viele Veranstaltungen waren mit kirchlichen Festtagen verbunden, die häufig unter großem Aufgebot begangen wurden. Häufig waren diese Feste zugleich Feiertage für das ganze Dorf, an denen die Arbeit stillstand. Viele können sich noch erinnern, wie in damals zum Beispiel die Ewige Anbetung begangen wurde, die sich häufig sogar über zwei Tage erstreckte.

Der Bader zog die Zähne, der Lehrer war Organist und Gemeindeschreiber

Bei Zahnschmerzen zog der Bader die Zähne, in manchen Dörfern übte er zugleich die Tätigkeit des Totengräbers aus. Der Lehrer spielte neben seiner Tätigkeit in der Schule die Orgel bei den Gottesdiensten und versah manchmal die Aufgabe des Gemeindeschreibers. Der Bürgermeister und die Gemeinderäte kamen fast immer aus der Mitte der Bauern.

Und der Pfarrer hatte eine angesehene und geachtete Position inmitten der Dorfbevölkerung. Als Seelsorger war er für das ganze Leben der Dorfbewohner zuständig, gewissermaßen von der Wiege bis zur Bahre.

Brauchtum und Musikanten erfüllten eine wichtige Rolle und versahen eine wichtige Rolle im Dorfleben. Meist lebten drei Generationen unter einem Dach. Technische Hilfsmittel oder andere Unterstützung gab es nicht. Und so bestand der Alltag meistens aus schwerer, körperlicher Arbeit.

Keine Freizeitprobleme, da es keine freie zeit gab

Für etwas Abwechslung sorgte ein Besuch von der Verwandtschaft, die zu hohen Festtagen ihre Aufwartung machten. Freizeitprobleme gab es auf dem fränkischen Dorf in früheren Zeiten jedenfalls nicht.

Doch das Bild des Dorfes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal gewandelt. Die Beschreibung des früheren Dorflebens klingt nostalgisch und wie längst aus der Zeit gefallen. Dabei ist all das noch gar nicht so lange her, keine hundert Jahre, um genau zu sein. Freilich: Heute geht es auf den Dörfern am Obermain längst anders zu.

Schon längst muss man in dei Stadt; zum Einkaufen, zum Arzt, zur Schule

Besonders im Stadtgebiet ist Lichtenfels längst zum Zentrum des gesellschaftlichen Lebens geworden. Zum Einkaufen geht es selbstverständlich in die Kreisstadt. Auch der Weg zum Arzt oder in die Apotheke führt dorthin. Schon die Kinder müssen sich mit diesen Gegebenheiten abfinden: In nur wenigen Dörfern gibt es noch Kindergarten oder Grundschule. Und spätestens ab den weiterführenden Klassen muss man nach Lichtenfels, Burgkunstadt oder Staffelstein.

Der Bürgermeister hat seinen Sitz für viele Orte im Lichtenfelser Rathaus. Und auch der Pfarrer wohnt nur noch selten im eigenen Ort. Der Weg zur Arbeitsstelle führt meistens sogar nach Bamberg, Kronach oder noch viel weiter. Und kirchliche Festtage haben auch auf den Dörfern schon längst ihren früheren Glanz eingebüßt; vom Sterben der Wirtshauskultur gar nicht erst zu sprechen.

Auf den Dörfern hat sich vieles verändert. Vor allem ist eine Zentralisierung zu beobachten: War früher jedes Dorf für sich eine Welt im Kleinen, führt der Weg heute an den städtischen Zentren nicht mehr vorbei.

Der Fokus hat sich erweitert, die Welt ist klein geworden

Der Fokus ist weiter geworden. Manche Menschen bezeichnen sich daher zu Recht als „Kosmopolit“, als „Weltbürger“: Urlaubsreisen in viele Länder der Welt gehören heute ganz normal zum Leben dazu. Und vielleicht ist es auch ganz gut, einen Weitblick zu besitzen, der die Grenzen des eigenen Dorfes durchbricht und fähig ist, Dinge, die sich außerhalb ereignen, wahrzunehmen.

In der Zukunft überleben: Menschen fürs Dorf begeistern

Doch ein Blick in die Zukunft zeigt auch: Wenn die fränkischen Dörfer nicht in Beliebigkeit aufgehen sollen, ist es umso wichtiger, Menschen für das Umfeld, in dem sie leben, zu begeistern. Es braucht das Engagement im Dorfleben, in den Vereinen wie in der Kirche, sowie das Begehen der Feste als Unterbrechung vom alltäglichen Leben.

Das alles wird nicht in der Weise möglich sein, wie es früher war. Und das muss es auch nicht. Vieles darf nicht aufgegeben, sondern muss kreativ weiterentwickelt werden. Nur so kann das fränkische Dorf auch die nächsten Jahrhunderte als Zentrum des Zusammenlebens von Menschen gut überstehen.

Viele Zeugnisse spiegeln noch den hohen Stellenwert der Religion in vergangenen Tagen wieder, wie das Kruzifix an einem Haus in Zeublitz zeigt. Foto: Fabian Brand

Von Fabian Brand

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