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LICHTENFELS

Forschungs- und Anwendungszentrum für Zukunftstechnologien

Forschungs- und Anwendungszentrum für Zukunftstechnologien
Siegfried Russwurm sammelt alte Autos wie diesen VW-Bus der ersten Generation. Wenn ihmein Ersatzteil fehlt, kann der 3-D-Druck helfen. Foto: Tim Birkner

Lichtenfels Der Förderverein für das Forschungs- und Anwendungszentrum für digitale Zukunftstechnologien (FADZ) wird ein Jahr alt. Unternehmen, Handwerksbetriebe und Einzelpersonen aus der Region sind Mitglieder. Sie eint die Faszination, dort mit anderen nach Lösungen für ihre Fragen und Probleme zu forschen. Prof. Siegfried Russwurm spricht über seine Faszination und erzählt, warum das FADZ eine Riesen-Chance für Lichtenfels bedeutet.

Herr Russwurm, Sie sind Mitglied im Förderverein für das FADZ und sollen in Kürze zum Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie gewählt werden. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Die deutsche Industrie ist von Technologie abhängig. Wir brauchen Erfindergeist und Innovation, um weltweit bestehen zu können. Im FADZ geht es darum, für Technik zu begeistern, Innovation erlebbar zu machen und um eine völlig neue Art der Zusammenarbeit.

Das müssen Sie bitte erklären.

Hier in Lichtenfels, wo ich selbst zur Schule gegangen bin, kann etwas entstehen, was ich noch nirgends gesehen habe. Und ich komme wirklich viel rum. Wir verknüpfen die Hochschule in Coburg, die Universität in Erlangen, die Unternehmen und Handwerksbetriebe der Region, die Schulen sowie Angebote für lebenslanges Lernen für jedermann. Dass zwei dieser Elemente verbunden werden, das gibt es schon. Aber alle zusammen, das ist einmalig.

Das heißt?

Innovation findet heute statt, weil wir neugierig sind, Fragen stellen, uns interessieren und aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen zusammen helfen. So ein Raum kann der Makerspace werden, also eine Werkstatt, top ausgestattet mit sachkundigen Menschen, die das Anleiten. Da engagiert sich vielleicht ein rüstiger Rentner. Es kommt jemand vorbei und fragt, was machst du denn da? So beginnt das. Oder es stellt jemand seine Doktorarbeit vor, erzählt, was er geforscht hat - macht einen Praxistest, ob das die Menschen auch verstehen, lässt Fragen zu, erklärt und kommt damit auch selber weiter.

Gibt es das nicht schon lange?

Ja, jeder in seinem eigenen Ökosystem. Ich habe bei Siemens in den 1990er-Jahren eine Fabrik aufgebaut, in der alle gemeinsam unter einem Dach arbeiten sollten. Also die Ingenieure genauso wie die Verwaltung und die Mitarbeiter der Produktion. Es war gar nicht so leicht, die Konstrukteure zu überzeugen. Und als der Architekt mich gefragt hat, wie er das bauen soll, war meine einzige Bedingung, die Wege der Menschen müssen sich kreuzen. Jeden Tag. Am besten auf dem Weg ins Büro, auf dem Weg zur Kantine und auf dem Weg nach Hause. Der eine sollte den anderen ein wenig besser verstehen. Die Universitäten machen inzwischen ihre Türen auf, aber eben immer nur für eine Teilmenge, für Unternehmen oder für Investoren. Im FADZ wird das alles viel umfassender. Es gibt nicht einen Tag der offenen Tür, es hat jeden Tag offene Türen, egal ob jemand 17 oder 60 Jahre alt ist, Bedingung ist, er oder sie muss neugierig sein.

Waren Sie nach ihrem Abitur am Meranier-Gymnasium neugierig?

Forschungs- und Anwendungszentrum für Zukunftstechnologien
Siegfried Russwurm sammelt alte Autos wie diesen VW-Bus der ersten Generation. Wenn ihmein Ersatzteil fehlt, kann der 3-D-Druck helfen. Foto: Tim Birkner

Jetzt kommen wir meinem Trauma näher (lacht). Wir wussten damals alle, dass wir fort müssen, wenn wir studieren wollen – und es für uns danach in Lichtenfels so gut wie keine Jobs geben wird. Ich wollte mit meinem Abitur etwas anstellen, wollte „Technik“ studieren und bin nach Erlangen an die Uni, natürlich die nächstgelegene. Die erste Zeit in Erlangen war der Schock. Ich hatte keine Ahnung, wie eine Universität funktioniert, wie die Menschen dort arbeiten, wie Forschung geht. Und genau das wollen wir verändern. Nehmen wir an, Talent ist gleichmäßig verteilt, dann gibt es Talente in München und in Lichtenfels. In München finden sie Anknüpfungspunkte an zwei Universitäten, an einer Vielzahl von Forschungseinrichtungen, entdecken selbst und werden idealerweise entdeckt und gefördert, in Lichtenfels passiert das wahrscheinlich nicht. Hier gibt es weniger Berührungspunkte und weniger Chancen für die jungen Leute. Alles basierte bislang auf Zufall – und wir wollen dem Zufall nachhelfen. Technik und Innovation müssen näher zu den Menschen hin, das ist die Riesen-Chance für Lichtenfels.

Wann geht es los damit?

Es ist doch schon losgegangen. Alleine die Tatsache, dass sich so viele unterschiedliche Menschen und Firmen in so kurzer Zeit in dem Förderverein gefunden haben, ist dafür ein Zeichen. „Was wird denn das, wenn?s fertig ist?“ Das ist eine Frage, der man überall begegnet, ich glaube in Franken besonders häufig. Und so ungewohnt das auch ist: Wenn wir echte Innovationen suchen, dann müssen wir uns von dieser Frage verabschieden. Es geht um Neugier. Die Menschen sollen entdecken und entwickeln, sich gegenseitig anspornen und weiterbringen. Dafür braucht es Raum, Zeit und natürlich auch Mittel. Daran arbeiten wir gerade. Jeder darf jetzt schon Fragen stellen, selbst forschen, Lösungen suchen. Der Makerspace – also unser aller gemeinsame Werkstatt – im ehemaligen H. O. Schulze wird der nächste Schritt sein. Aber auch er wird nie „fertig“ sein, er soll und wird sich immer weiter entwickeln.

Werden Sie selbst diese Werkstatt auch nutzen? Finden wir Sie ab und zu dort?

In jedem Fall. Natürlich bin ich erstmal derjenige, der hilft, ein Netzwerk aufzubauen, der Menschen zusammenbringen möchte. Aber ich habe auch ein paar alte Autos, da gibt es immer Probleme zu lösen und Ersatzteile zu suchen. Ich brauche zum Beispiel einen rechten Außenspiegel. Wenn ich den linken noch habe und nicht an die Zeichnung von 1954 heran komme, was mache ich dann? Etwa neu konstruieren? Ich bringe meinen linken Spiegel mit, scanne ihn, spiegel den Scan im Computer und drucke mir einen rechten aus. So stelle ich es mir vor – und auf diesem Weg werden wieder eine Menge Fragen auftauchen und wir werden gemeinsam nach Lösungen suchen. (red)

Zur Person

Prof. Ing. Siegfried Russwurm kommt aus Marktgraitz und studierte in Erlangen

Fertigungstechnik. Von 2008 bis 2017 war er Mitglied des Vorstands der Siemens AG.

Russwurm ist der Vorsitzende des Aufsichtsrats bei Thyssen und Voith. Sein Homeoffice hat er zu Corona-Zeiten zuhause in Lettenreuth aufgeschlagen, bei Videokonferenzen zieht er als Hintergrund die Golden-Gate-Bridge seiner kreativen Büroumgebung vor. Am 30. November soll er zum neuen Präsidenten des BDI gewählt werden.

 

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