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LICHTENFELS

Flechtkunstwerk zur Pandemie vor der Lichtenfelser Kirche

Flechtkunstwerk zur Pandemie vor der Lichtenfelser Kirche
Sie können was und haben sich: Das dänische Künstlerpaar Jan Johansen und Jette Mellgren mit ihren Werken vor der Lichtenfelser Stadtpfarrkirche. Foto: Markus Häggberg

Es kommt nicht oft vor, dass man in ein Künstleratelier gerät. In den vergangenen Tagen war ein solches Atelier aber vor der Stadtpfarrkirche. Die dänischen Flechtkünstler Jette Mellgren und Jan Johansen hinterließen der Korbstadt ihre Gedanken und Ansichten zur Corona-Pandemie. Geflochten und mit einer Mischung aus Fiberglas und Beton.

Flechtkunstwerk zur Pandemie vor der Lichtenfelser Kirche
Eine begehbare Installation mit Schauwert ist in den nächsten Wochen vor der Stadtpfarrkirche zu bewundern. Foto: Markus Häggberg

Donnerstagmittag: Der Wind treibt einen schwarzen Eimer über die Wiese vor der Stadtpfarrkirche. Die Szene erinnert an die Wanderbüsche, die in amerikanischen Filmen durchs Bild rollen, aber Jette Mellgren (57) muss lächeln.

Flechtkunstwerk zur Pandemie vor der Lichtenfelser Kirche
Letzte Handgriffe vor der Fertigstellung. Jette Mellgren verdichtet die Ritzen und Fugen zwischen dem Geflecht mit einer Mischung auf Fiberglas und Beton. Foto: Markus Häggberg

Ihr Eimer war schon leer, denn was sich in ihm befand, befindet sich nun zwischen den Ritzen der 18 Figuren, die zwischen dem Baum und der steinernen Kreuzigungsgruppe Aufstellung gefunden haben. „Distance“ heißt das Projekt, Distanz also. Entstanden ist es als Flechtkunst-Installation im Rahmen der städtischen Aktion „Flechtsommer 2021.“

Flechtkunstwerk zur Pandemie vor der Lichtenfelser Kirche
Einige der Skulpturen haben auch Bekrönung gefunden. Foto: Markus Häggberg

Immer wieder treten Schaulustige näher, um dem Ehepaar aus Odense bei seinem Arbeit zusehen. Und in der Tat werfen die 18 kegelförmigen Gebilde unterschiedlicher Höhe und Farben Fragen auf. Wie sind sie zu lesen? Wie sind sie entstanden? Wie lange werden sie hier stehen?

Flechtkunstwerk zur Pandemie vor der Lichtenfelser Kirche
Es muss schon akkurat zugehen. Zu diesem Zweck richtet Jan Johansen den Raum und die Fluchten zwischen den Figuren ein. Foto: Markus Häggberg

Und wer sind eigentlich ihre Schöpfer? Während ihr Mann Jan Johansen (63) mit einer Gruppe junger Frauen der Schule für Flechtwerkgestaltung spricht, lässt sich Jette Mellgren für einen Plausch gewinnen. Sie wirkt freundlich und aufgeschlossen, ihre Englisch-Kenntnisse sind vorzüglich.

„Ich bin Künstlerin und verwende Weide, um mich auszudrücken.“
Jette Mellgren, Flechtkünstlerin

„Ich bin Künstlerin und verwende Weide, um mich auszudrücken“, erklärt sie und verrät, wo sie und ihr Mann schon überall ausgestellt haben: Frankreich, Spanien, Schweden, Deutschland oder auch in den USA. Lichtenfels ist ihr bekannt,sie fühle sich hier wohl. Als sie das sagt, deutet sie auf ein Fachwerkhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite, dessen rot gestrichenes Fachwerk sie bewundert. Dieser Baustil sei in Dänemark kaum vorhanden. 2015 war sie schon mal hier und wohnte in Michelau. Den Korbmarkt hat sie 2017 und 2019 miterlebt. Er sei in der dänischen Flechtergemeinde ein Begriff: Lichtenfels habe ein „gutes Renommee“ und die dänische Flechtervereinigung verfolge aufmerksam das Geschehen. Schließlich gebe es europaweit nur zwei Schulen, in denen sich das Flechthandwerk lernen ließe und eine davon steht hier.

Dann flicht sie einen Begriff in ihren Satz ein, der wohl Eingang in die englische und dänische Sprache gefunden zu haben scheint: „Feinflechterei.“ Wie sie das Wort ausspricht, scheint sie sich darüber zu freuen.

Eine Schnur liegt auf der Wiese. Sie dient dazu, die Figuren auszurichten, Fluren und Abstände zwischen ihnen einzurichten. Schon zur ersten Corona-Welle war die Idee geboren worden, die Pandemie und ihre Auswirkungen auf Menschen in Szene zu setzen. Begonnen wurde „Distance“ daheim, aber Vollendung sollte es jetzt in Lichtenfels finden. Die Einladung stammte von Manfred Rauh, dem Geschäftsführer des „Zentrums europäischer Flechtkultur.“ Er fragte das Künstlerpaar, ob es etwas zu Covid-19 machen könne.

Manchen der Weidenkegel erinnern an afrikanische Hütten

Flechtkunstwerk zur Pandemie vor der Lichtenfelser Kirche
Ein Stillleben aus Weide, Himmel und Oberem Tor. Foto: Markus Häggberg

Geht man durch die Reihen der Weidenkegel, so erahnt man von ihnen ausgehende Botschaften und Begriffe wie Internationalität und Ethnien. Manche sind dunkel, manche aus Weide, andere aus gesplitteten und schwarz eingefärbten Palmblättern. Wenn der Wind durch sie fährt, dann scheinen sie zu flattern und irgendwo im letzten Winkel des Oberstübchens steigen Assoziationen zu den Dächern afrikanischer Lehmhütten auf.„Pandemie was all over the worl“, erklärt Mellgren hierzu. Daher nutzten die Künstler neben Weide, Palme und Baumrinde die unterschiedlichsten Materialien, so auch das Espartogras. Daraus werden die bekannten Espadrilles (Sandalen) geflochten.

Flechtkunstwerk zur Pandemie vor der Lichtenfelser Kirche
Eine begehbare Installation haben die dänischen Flechtkünstler Jette Mellgren und Jan Johansen geschaffen. Foto: Markus Häggberg

Die menschenhohen Kegel sind von unterschiedlicher Beschaffenheit – erinnern die einen an afrikanische Steppensiedlungen, neigen andere mehr hin zum Urbanen, wo mit Beton gebaut wird. Mit einer Mischung aus Glasfiber und Beton verspachteln die Künstler die Ritzen zwischen dem Weidengeflecht und lassen somit eine Deutung zu: Corona befördert Abschottung.

Zum Korbmarkt wollen die Künstler wieder nach Lichtenfels kommen

In den nächsten Wochen haben die Lichtenfelser Gelegenheit, die Botschaften der Skulpturen zu erkunden. Dann werden Mellgren und Johansen längst wieder im dänischen Odense sein, aber an Lichtenfels denken. Und zu einem der nächsten Korbmärkte wiederkehren. Wie, wo und ob sie ihre Skulpturen dann wieder antreffen, ist ungewiss. „Wir lassen sie hier und hoffen, Manfred findet dann später irgendwo einen Platz für sie“, sagt Mellgren. Zumindest zwei Monate lang sollen die Skulpturen an Ort und Stelle bleibgen. Doch dazu müssen sie auch verankert werden. Als Mellgren hört, dass die dazu notwendigen Haken in Deutschland Heringe genannt werden, muss sie lachen. Sie ist gerne in Lichtenfels.

 

Von Markus Häggberg

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