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Lichtenfels: Ralf Jahn erforscht Feuerwehren in der Nazizeit

Feuerwehren in der Nazizeit: Lichtenfelser Jahn leistet Pionierarbeit
40 Einsatzkräfte der Lichtenfelser Feuerwehr leisteten in den ersten Januartagen 1945 1360 Stunden bei den Luftangriffen in Nürnberg Foto: Markus Häggberg

„So sicher wie heute waren Sie noch nie“, versicherte am Donnerstagabend Ulrich Sünkel scherzend den Zuhörern im Stadtschloss. Der Leiter der Lichtenfelser Bezirksgruppe des Geschichtsvereins CHW (Colloqium Historicum Wirsbergense) hatte es nämlich mit ausgesprochen vielen, vor ihm sitzenden Feuerwehrleuten zu tun. Die wollten wissen, was ihr Lichtenfelser Kamerad Ralf Jahn so über die heimischen Feuerwehren in der Zeit des Nationalsozialismus herausgefunden hat. Langer Rede kurzer Sinn: Jahn leistete Pionierarbeit.

„Viele Organisationen haben ihre Geschichte im Dritten Reich bereits beleuchtet, bei den deutschen Feuerwehren war das bisher nicht der Fall.“
Ralf Jahn (43), Feuerwehrmann

Wäre Jahn nicht 1993 an eine Schuhkarton geraten, dann wäre wohl alles nicht passiert. Doch als es beim alten Feuerwehrhaus in Lichtenfels zu Ausräumungsarbeiten kam, fand der heute 43-Jährige ihn in einer Mulde, stöberte darin und fand Einsatzberichte aus der NS-Zeit. Er nahm sie mit; „lange schlummerten sie“ bei ihm auf dem Dachboden. 16 Jahre lang. Als sie im Dezember 2019 wieder zum Vorschein kamen, stöberte er wieder, schlug in den Einsatzberichten nach und fand heraus, dass man damals mit 1360 Stunden und 40 Einsatzkräften in den ersten Januartagen 1945 bei den Luftangriffen in Nürnberg war.

Diese Information packte ihn und das Thema gebar sich: Die Feuerwehrbereitschaft Itz – die Feuerwehren Lichtenfels, Staffelstein, Altenkunstadt und Neustadt b. C. im Kriegseinsatz. Diesem Gegenstand der Untersuchung nahm sich der diplomierte Ingenieur an und fand noch etwas heraus: „Viele Organisationen haben ihre Geschichte im Dritten Reich bereits beleuchtet, bei den deutschen Feuerwehren war das bisher nicht der Fall.“

Warum weiß man so wenig über die Feuerwehren in der Nazizeit?

Warum weiß man so wenig über die Geschichte der Feuerwehren im Dritten Reich? Eine von Sünkel aufgeworfene Frage, die Jahn im Rahmen des Vortrags damit beantwortete, dass es auch ein Schweigen gab. „Die Feuerwehren sind von der kommunalen Ebene in die Gleichschaltung zur Stütze des NS-Diktatur geworden“, so eine Basiserkenntnis. Daneben dürfe man festhalten, dass es neben dem Schweigen auch eine kriegsbedingte Vernachlässigung von Aufzeichnungen innerhalb der Wehren gab.

All das zeigt, wie pionierhaft die Arbeit Jahns an diesem Thema wohl war. Vom Umfang gar nicht erst zu reden, denn der ging von persönlichen Schicksalen über genaue Rekonstruktionen von Bombennächten in Nürnberg oder Schweinfurt, von technischen Daten beziehungsweise Eigenheiten der Fahrzeuge bis zu dem, was sich ihm einst im Museum der US Airforce in Dayton (USA) und anderen Archiven offenbarte.

Irritierende Erkenntnisse, entlarvende Monente

Zu den irritierendsten Erkenntnissen dürfte zählen, dass Feuerwehren während der NS-Zeit zu einer Hilfspolizeitruppe wurden, tätig auch hinter der Front und gar in Konzentrationslagern. Zu den entlarvendsten Momenten dürfte zählen, dass laut Reichsfeuerwehrgesetz schon 1938 der Luftschutz als Aufgabengebiet ins Auge gefasst wurde, was Kriegsplanung belegt.

Abseits dessen sorgten auch andere Momente für Verwunderung. Jene, die der technikbegeisterte Mensch Jahn in Bezug auf Konstruktionsentwicklungen recherchiert hat. So haben die Feuerwehren in der DDR beispielsweise noch bis 1989 eine Tragkraftspritze genutzt, welche schon im Dritten Reich konstruiert wurde.

Auch die Umwälzungen im Fahrzeugbau wurden beleuchtet. Den Feuerwehrlern im Raum präsentierte der Referent das Modell LF 15, ein Löschgruppenfahrzeug aus der Zeit der 1940-er Jahre „Dieses Fahrzeug war wegweisend“, so der Lichtenfelser mit Blick auf heutige Ausstattung und Ausrüstung.

Des Öfteren ist der Referent den Tränen nahe

Doch neben der Freude an all den Entdeckungen, zeigte sich Jahn auch betroffen. Mehr als ein Mal durfte man bemerken, wie er bei der Schilderung von Kriegs- oder anderem Leid mit Tränen zu kämpfen hatte. Gemeint war damit Ungerechtigkeit gegen Juden, Sozialdemokraten oder Kommunisten, die im Dritten Reich aus Feuerwehren verstoßen wurden.

Über zweieinhalb Stunden währte der Vortrag, nach dem sich auch die Zuhörer erst einmal zu sammeln und zu sortieren hatten. Sie hatten viel gehört, auf unterschiedlichsten Ebenen und erstaunlich gut aufbereitet.

Doch wird Jahn weiter am Thema dran bleiben? Er selbst beantwortete diese ihm durch unsere Redaktion gestellte Frage mit einem entschlossenen Ja. Denn es gebe noch viel bei der Feuerwehr aufzuarbeiten. In Bayern hätten das wohl nur die Ingolstädter und Nürnberger Wehren getan.

Feuerwehren in der Nazizeit: Lichtenfelser Jahn leistet Pionierarbeit
Ralf Jahn darf von sich behaupten, Pionier bei einem Thema zu sein. Sein Vortrag im Stadtschloss verblüffte und flößte Respekt für gute Themenaufbereitung ein. Foto: Markus Häggberg

Von Markus Häggberg

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