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Erntedank: vom Wert des Brotes am Obermain

Vom Wert des Brotes am Obermain
In machem Dorf wird wieder im eigenen Backofen gebacken. Foto: Andreas Motschmann

Das Erntedankfest fällt immer auf den ersten Sonntag im Oktober. Die katholische deutsche Bischofskonferenz legte 1972 den Termin fest. Vorher gab es keinen einheitlichen Termin, weil das Fest von der Erntezeit abhängig gemacht wurde. In der evangelischen Kirche fällt das Fest auf den Michaelistag oder den folgenden Sonntag.

Zu jedem Erntedank-Tisch gehört ein Brot. Ein runder Brotlaib war von jeher ein Symbol dafür, dass Gott die Nahrung wachsen lässt. Aber auch an den Einsatz der Bäuerinnen und Bauern in unserer Region und bei den Bäckern, die daraus Brot backen, wird an diesem Tag dankbar erinnert.

Vor zirka 10 000 Jahren begann der Mensch mit dem systematischen Anbau von Getreide zur eigenen Ernährung. Vermutlich sind gebackene Fladen schon den Nomaden bekannt gewesen.

Eigenes Brot in den Bauerndörfern gebacken

Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir preiswert jederzeit und an vielen Orten frisches Brot einkaufen können. Von der kleinen Bäckerei bis zum Supermarkt gibt es inzwischen eine riesige Auswahl an Brotsorten. Mitte des 20. Jahrhunderts noch war das anders. Die Vielfalt war kleiner. In den Dörfern am Obermain hatte fast jeder Bauer einen Backofen. Das Mehl vom eigenen Korn wurde verwendet. Der Autor des Beitrages kann sich erinnern, dass alle paar Wochen in der Küche der Backtrog stand: „Meine Mutter bereitete den Teig zu. Da unser Backofen baufällig war und abgerissen wurde, trug sie in der Brottrage, einem Holzgestell, das Brot in den Backschanzen zum Bäcker. Ich durfte sie als kleiner Junge oft begleiten. Später wurde das fertig gebacken Brot abgeholt. Der Geruch der Bäckerei ist mir immer noch in Erinnerung.“

Viele hatten im Dorf ihr eigenes Brot. Eine Familie konnte sich nach dem Backen zwei bis drei Wochen lang davon ernähren. Jahrein und jahraus das gleiche Brot zu essen war normal – es schmeckte! Bei vielen Ackerbau treibenden Völkern galt und gilt Brot als heilig. Beim Backen und beim Anschneiden des Brotes wurden Rituale vollzogen. Das war auch am Obermain so. Als Wertschätzung für das tägliche Brot wurde vor dem Anschneiden das Kreuzzeichen auf den umgedrehten Laib mit dem Daumen geritzt. In manchen Familien wird das heute noch praktiziert. Auch die Stelle im Vater unser mit: „Unser tägliches Brot gib uns heute“ hatte beim Beten früher eine stärkere Bedeutung als heute.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“ immer aktuell

Das Bauernbrot wird trotz eines vielfältigen alternativen Angebotes in Supermärkten und Bäckereien im 21. Jahrhundert sehr geschätzt. In einigen Dörfern des Landkreises wurden in letzter Zeit neue Backöfen gebaut. Gebacken wird nach der Rezeptur der Eltern oder Großeltern. Die Handlungen, wie zum Beispiel das „Einschießen“ in den Ofen, werden durch die Praxis wieder gelernt. Brotbäckerinnen entwarfen oft ein eigenes Segenszeichen für die Brotlaibe. Wer Brot backt, steht früh auf.

Eine Bäckerin erzählte dem Autor, dass sie immer um Mitternacht aufstehe und dann bis zum frühen Morgen backe. Die „Städter“ kämen vorbei und kauften direkt auf dem Hof das bestellte Brot; oft werde es auch an der Haustür abgeliefert bzw. auf dem Markt verkauft. Ein selbst gebackenes Brot ist ausgebackener und damit bekömmlicher. Ein knuspriges Stück Bauernbrot, frisch aus dem Ofen, ist eben unwiderstehlich gut!

Seit dem Frühjahr schränkt uns die Pandemie in vielen Bereichen ein. Hunger aber haben wir nicht, wir haben nach wie vor unser tägliches Brot. In den letzten Jahrhunderten war das anders. In Seuchen- und Dürrejahren wurde oft das Brot knapp; Hungern war angesagt. Immer wieder wurde die Bevölkerung am Obermain durch Hungerjahre hart getroffen.

Wegen eines Laibs Brot „peinlich“ verhört

Das zwang oft arme Menschen als letztes Mittel zum Stehlen. Am 1. November 1600 hatte man Gertraud Pultz in Horsdorf erwischt: Sie hatte einen Laib Brot stehlen wollen. Am 9. November wurde die Frau im Staffelsteiner Gefängnis zunächst „gütlich“, vier Tage später „peinlich“, also unter der Anwendung der Folter, verhört.

„Lieber Gott, in unsrer Not gib uns doch ein Stücklein Brot“, so der Vers eines Kindergebetes aus dem Jahr 1631. Kriegszeiten waren Hungerzeiten. Der „Dreißigjährige Krieg“ gilt für unsere oberfränkische Heimat als der schrecklichste Krieg. Viele kleine und große Orte waren am Obermain, besonders ab 1631, von großer Hungersnot betroffen. Die dauernden Durchzüge von kaiserlichen und schwedischen Heerscharen verschlimmerten die Situation. Viele Bauern besaßen danach weder Brot noch Mehl. Die Leute waren am Verzweifeln, Mütter wussten nicht mehr, wie sie ihre Kinder satt bekommen sollten.

Eine „erschröcklich große Hungersnot“, die wohl schlimmste des 18. Jahrhunderts, wurde in den Chroniken für die Jahre 1770 bis 1772 festgehalten. Die Hungerjahre waren die Zeit, „da wir wie das Vieh das Gras auf dem Felde vor Hunger zu reißen genötigt waren“. Selbst Unkrautsamen wurde zu Brot vermahlen. Viele Leute wurden verrückt, fast alle bekamen bösartige Flecken, ein großer Teil wurde hinweggerafft. So viele arme Leute starben, dass die Gemeinden die Begräbniskosten nicht mehr aufbringen konnten.

Vulkanausbruch sorgte für zwei Hungerjahre

Im 19. Jahrhundert folgten zwei weitere extreme Hungerjahre, verursacht durch ein Naturereignis in weiter Ferne. Der gewaltige Ausbruch des Vulkans Tambora im April 1815 auf der Indonesischen Insel Sumbawa und die damit verbundene Staubschicht rund um die Erde beeinflusste das Wetter der ganzen nördlichen Hemisphäre. In vielen europäischen Ländern sank die durchschnittliche Temperatur um zwei bis drei Grad. Am 3. Mai 1816 begann bei uns eine Regenperiode, die bis in den Oktober anhielt. Die tiefer gelegenen Fluren am Obermain standen oft wochenlang unter Wasser. Das Getreide ertrank, die Kartoffeln verfaulten. Das weiche Getreide stieg von Woche zu Woche im Preis.

Es zerfiel im Backtrog zu Brei und konnte kaum zu Teig verarbeitet werden. Durch den Hunger wurde jeder Bissen auch vom schlechtesten Brot hoch und teuer geschätzt. Jeden noch so kleinen Erdapfel, den sonst das Vieh bekam, aßen die Leute selber. Grundsätzlich wurde in Hungerzeiten das Brot mit Kartoffeln gestreckt, auch Bohnen und Eicheln wurden zugegeben.

Vom Wert des Brotes am Obermain
Die alten Backschanzen haben ausgedient. Foto: Andreas Motschmann
Vom Wert des Brotes am Obermain
1942 – Frau mit Brottrage in Altenkunstadt. Foto: Andreas Motschmann

Von Andreas Motschmann

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