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LICHTENFELS

Drei Ausbildungsplätze pro Bewerber in Oberfranken

Wenn Azubis ihren Job erklären, kommt das gut an: So auch am Stand von Hofmann Möglichmacher und Hofmann Impulsgeber bei der Ausbildungsmesse 2019. Foto: Archiv-Berufsschule Lichtenfels

Wenige Tage vor Beginn des neuen Ausbildungsjahrs sind noch 3528 Ausbildungsplätze in Oberfranken nicht besetzt. Gleichzeitig suchen noch 1168 Schulabgänger eine Lehrstelle. Dass auf einen Bewerber damit drei offene Lehrstellen kommen, bietet Jugendlichen eine bisher so nicht gekannte Auswahl. Bei den heimischen Unternehmen schrillen dagegen die Alarmglocken, weil sie mangels Fachkräften um ihre Zukunft fürchten. Mit der Kampagne „Wir sagen Ja zur Ausbildung!“ will die Industrie- und Handelskammer (IHK) Oberfranken in Bayreuth die Betriebe unterstützen und jungen Menschen eine Ausbildung schmackhaft machen.

82 unbesetzte Ausbildungsplätze kommen im Lebensmitteleinzelhandel in Oberfranken auf einen Bewerber. In der Kunststoffverarbeitung hat ein Bewerber die Wahl unter 34 Plätzen. Foto: IHK für Oberfranken Bayreuth

„Mir wird himmelangst um den Standort Oberfranken, wenn wir nicht mehr Schulabsolventen für eine Ausbildung begeistern können“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführerin Gabriele Hohenner bei einer digitalen Pressekonferenz am Freitag. Bereits vor der Corona-Pandemie hätten viele Branchen unter Fachkräftemangel gelitten, nach dem zweiten Lockdown habe sich das zugespitzt.

„Wir haben genügend freie Lehrstellen im Angebot, da kann man auch am 31. Dezember oder 1. Februar noch starten.“
Bernd Rehorz, Leiter der beruflichen Bildung der IHK
Die meisten Azubis suchen Firmen im Landkreis Lichtenfels in den Berufen Kaufleute im Einzelhandel und im Gastgewerbe. Auch Maschinen- und Anlagenführer werden dringend gesucht. Foto: IHK für Oberfranken Bayreuth

Besorgniserregend sei die Situation vor allem im Handel, erläuterte Michael Stammberger, Vorsitzender des IHLK-Fachkräfteausschusses und Leiter Ausbildung bei der Brose-Gruppe. 82 freie Ausbildungsplätze kommen im Lebensmittelverkauf auf einen Bewerber oder eine Bewerberin, in der Kunststoffverarbeitung sind es noch 34, in den Branchen der Fahrzeugführung und Straßenverkehr 32,5, in der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik 19,5 in der Textiltechnik 19 und im Tiefbau 17,5. Auch bei Bürojobs wie Steuerberatung und Rechtsberatung sind pro Bewerber noch 11,5 Ausbildungsplätze frei.

Im Landkreis Lichtenfels sind noch rund 290 Ausbildungsplätze nicht vergeben (2020: 340), so Stammberger. Hier werden vor allem Bewerber für Ausbildungen als Kaufleute im Einzelhandel, Verkäufer, Fachkraft im Gastgewerbe, Maschinen- und Anlagenführer und Industriekaufleute gesucht.

Auf einen Bewerber kommen in Oberfranken drei freie Ausbildungsplätze, im Landkreis Lichtenfels sind es immerhin noch durchschnittlich 2,7. Foto: IHK für Oberfranken Bayreuth

Interessierte könnten sich auch nach Beginn des Ausbildungsjahrs noch bewerben, erklärte Bernd Rehorz, Leiter der beruflichen Bildung der IHK. „Wir haben genügend freie Lehrstellen im Angebot, da kann man auch am 31. Dezember oder 1. Februar noch starten.“ Allerdings sollte man sich nicht nur auf die Wunschberufe fixieren, sondern sich von den Beratern der IHK auch über andere Karrieremöglichkeiten beraten lassen.

„Der Markt hat sich gedreht: Die Unternehmen müssen sich bei den Jugendlichen bewerben, nicht umgekehrt“, betonte Michael Stammberger. Wenn es nicht gelinge, genügend Azubis zu den Fachkräften von morgen auszubilden, bleibe nur noch die Anwerbung von Fachkräften aus anderen Bundesländern oder dem Ausland, um die steigende Zahl der in Rente gehenden Arbeitnehmer auszugleichen.

Wertschätzung und Lebensbegleitung nannte er als Stichworte zur Gewinnung von Nachwuchs. Firmen müssten mehr dafür werben, welche Karrieremöglichkeiten und Vorteile die Berufe bieten: „Wir müssen in die Köpfe der jungen Leute kommen.“ Dazu gelte es, die digitalen Plattform zu nutzen, um zu vermitteln, wofür ein Unternehmen steht – auch auf Instagram oder TikTok. Und es reiche nicht, sie einmal anzusprechen. Gut kommen auch Videos, in denen Azubis von ihrem Job erzählen, oder Ausbildungs-Scouts an. Wichtig seien auch Berufspraktika, damit die Jugendlichen ausprobieren können, ob der Job der richtige für sie sein könnte.

Wenn der Seniorchef die Azubis abholt und nach Hause fährt

Während die Zahl der Schulabgänger inden nächsten Jahren weitgehend gleich bleibt, steigt die Zahl der Renteneintritte. Daher befürchten die Betriebe einen zunehmenden Fachkräftemangel. Der Rückgang 2025 wird wegen der Umstellung von G8 auf G9 an den Gymnasien erwartet. Foto: IHK für Oberfranken Bayreuth

Viele Unternehmen engagierten sich über das Übliche für ihre Auszubildenden, etwa indem der Seniorchef einer Firma im Frankenwald die Azubis morgens zur Arbeit fahre und anschließend wieder nach Hause bringe, ergänzte IHK-Sprecher Peter Belina. Das sollte stärker bekannt gemacht werden. Ein zumindest für Oberfranken falsches Bild habe die Befragung der DGB-Jugend von Auszubildenden gezeichnet, die Defizite während der Pandemie beklagten. Nach einem teilweise etwas holprigen Start im ersten Lockdown hätten sich Berufsschule und Betriebe sehr gut auf die neue Situation eingestellt. Das belege die Tatsache, dass die Prüfungen in diesem und dem vergangenen Jahr nicht schlechter ausgefallen seien als vor der Pandemie, betonte auch Michael Stammberger.

Mit Initiativen wie dem ersten oberfränkischen Schulgipfel, bei dem alle IHKs, Handwerkskammern und Schulen über die Stärkung der Ausbildung beraten haben, soll das Interesse der jungen Leute geweckt werden, wie Gabriele Hohenner berichtete. Neben den Schulen sollen vor allem auch die Eltern angesprochen werden. So gelte es über Karrieremöglichkeiten (von der Ausbildung zum Bachelor professional) ebenso zu informieren wie über Hilfsangebote für schwäche Mittelschüler wie eine assistierende Ausbildung. Unterstützung wünscht sich die Hauptgeschäftsführerin dabei auch von der Politik: „Die duale Ausbildung braucht die gleiche Aufmerksamkeit wie sie Investitionen an Hochschulen erfahren.“

Von Gerhard Herrmann

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