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LICHTENFELS

Diebestouren auf dem Lichtenfelser Friedhof

Ein Grabbesitzer beklagt einen Diebstahl.Fotos: red

„Was sind das nur für Leute? Sich an anderen Gräbern zu vergreifen ist nicht nur Diebstahl, sondern auch eine Störung der Totenruhe.“ Sigrid Vogel ist aufgebracht. Zwei Mal binnen einer Woche ist von der letzten Ruhestätte ihrer Eltern auf dem städtischen Friedhof in Lichtenfels Grabschmuck gestohlen worden. „Sollte sich nichts ändern, werde ich mein Grab nicht mehr bepflanzen und auch die Nutzungsdauer nicht mehr verlängern,“ kündigt die Lichtenfelserin an.

Sie ist momentan bei weitem nicht die Einzige, die Diebstähle melden. Diese Redaktion hat bislang von etlichen Betroffenen Meldungen von Grabplünderungen erhalten. Darunter sind Susanne Essmeyer, Simone Gack, Barbara Dauer, Simone Griebel, Barbara Dirauf, Hildegard Lindner, Ingrid Seiler und Peter Schneider, die allesamt namentlich genannt werden wollen.

Viele Angehörige, die Gräber pflegen, beklagen seit etlichen Jahren den Frevel auf dem Friedhof. In einer Facebook-Gruppe tauschen sie sich aus. Von den Gräbern werde geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist: Einzelne Pflanzen, egal ob aus Grabschalen oder Pflanzenkübeln heraus oder auch einzeln, Blumensträuße, komplette Grabvasen, Grablichter und Pflanzgestecke sowie Deko-Engel seien schon mehrfach zur Beute geworden.

Dass gerade zu beliebten Pflanzzeiten wie an Ostern, Muttertag, Allerheiligen und Weihnachten auf dem Friedhof vermehrt Grabschmuck gestohlen wird, ist auch für den Leiter der Polizeiinspektion, Erich Günther, eine länger bekannte, traurige Wahrheit. Im Vergleich zur Anzahl der Diebstähle gingen allerdings nur recht wenig Anzeigen ein. 2020 seien es insgesamt nur vier gewesen und heuer bislang nur drei, sagt er auf Nachfrage dieser Redaktion.

„Eine Überwachung zu installieren, ist äußerst schwierig bis unmöglich.“
Andreas Schönwald, Hauptamt Stadt Lichtenfels

Die materiellen Schäden seien in der Regel jeweils gering, so der Polizeichef weiter. Es handele sich allerdings auch um eine Störung der Totenruhe und dies belaste die Angehörigen sicher wesentlich mehr. Auch die Stadt Lichtenfels beobachtet das „traurige Phänomen“, dass zur Pflanzzeit und insbesondere um den Allerheiligenfeiertag vermehrt Grabschmuck entwendet wird, wie Andreas Schönwald vom Hauptamt mitteilt.

Mit Anzeigen und Appellen wollen sich die Geschädigten inzwischen nicht mehr zufrieden geben. Sie fühlen sich ohnmächtig oder wie einer der betroffenen Lichtenfelser drastisch formuliert: „Es ist einfach eine Sauerei, dass man nichts dagegen machen kann.“

In der Tat gibt es bislang kaum Erfolg bei der Fahndung nach dem oder den Tätern. Sie kenne keinen Fall, bei dem ein Dieb nach einer Anzeige ermittelt worden sei, sagt auch Sigrid Vogel, die vor kurzem wieder einmal eine Anzeige erstattet hat. Auch eine Belohnung, die die Stadt Lichtenfels 2017 zur Ergreifung der Täter ausgesetzt hatte, brachte damals nichts, teilt die Stadtverwaltung mit.

Die Betroffenen haben jetzt genug. Mehr denn je fordern sie, dass man dem Treiben der Diebe auf dem Friedhof durch verstärkte Kontrollen oder Vorsichtsmaßnahmen Einhalt gewähren muss. „Warum installiert die Stadt keine Videokameras an neuralgischen Stellen im Friedhof?“ fragt Sigrid Vogel.

Die Lichtenfelserin hat vor allem den Eingang an der Rackensteiner Straße im Visier, weil dort liegende Gräber vermehrt betroffen seien. Dort, so lautet ein weiterer Vorschlag, sollte bei einsetzender Dunkelheit auch der Eingang geschlossen werden. Dies könnte Täter möglicherweise abhalten.

„Es ist einfach eine

Sauerei, dass man nichts dagegen machen kann.“

Ein betroffener Besitzer einer Grabstätte

Solche Täter mit Hilfe von Polizeistreifen zu finden, sei wie „ein Sechser mit Zusatzzahl“ sagt Erich Günther. Da müsste der Friedhof fast schon rund um die Uhr bewacht werden, was unverhältnismäßig sei. Ganz schwierig sei auch der Einsatz von Videoüberwachung. Die rechtlichen Hürden auf einem Friedhof seien sehr dafür hoch, so der PI-Chef. Der Schutz der Persönlichkeitsrechte müsse in diesem Bereich besonders beachtet werden. Günther plädiert dafür, auch bei geringsten Schäden Anzeige zu erstatten. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, sagt er. Und möglicherweise geht der Dieb doch einmal ins Netz.

Videoüberwachung so gut wie nicht möglich

„Eine Überwachung zu installieren, ist äußerst schwierig bis unmöglich,“ betont auch die Stadt Lichtenfels. Eine Videoüberwachung würde „weder der Würde der Orte, noch dem Willen der Friedhofsbesucher entsprechen,“ so Andreas Schönwald.

Auch eine Schließung des Friedhofs zum Einbruch der Dunkelheit ist für die Stadt „nicht zielführend, da dies bei Ende der Sommerzeit sodann bereits gegen 16.30 Uhr der Fall wäre.“ Dies dürfte „auch nicht dem Willen der Friedhofsbesucher entsprechen.“

Schönwald weist darauf hin, dass das Friedhofspersonal der Stadt die Augen immer offen halte und verdächtige Vorkommnisse melde. Die Stadt gehe im Übrigen davon aus, dass die Diebstähle bei helllichtem Tag begangen werden. Wie die Polizei empfiehlt auch die Stadtverwaltung, Diebstähle immer zur Anzeige zu bringen oder Auffälligkeiten zu melden.

Vorher: Eine schön geschmückte Pflanzschale auf einem Grab. Foto: red
Nachher: Die Schale wurde von einem Dieb komplett entleert. Foto: red

Die Friedhofssatzung legt die Grabgestaltung fest

Wenn es um die möglichen Motive der Täter geht oder auch um die Täter selbst, dann tappen die Ermittlungsbehörden weitgehend im Dunkeln. „Wer klaut Grabschmuck?“, fragt Erich Günther und weiß sich keine Antwort. Eventuell seien die Täter bettelarm. Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass es demente Menschen seien, die ihr Tun überhaupt nicht beurteilen könnten. Möglicherweise stünden solche Freveleien um Allerheiligen herum auch im Zusammenhang mit Halloween, so der Polizeichef weiter.

Eines steht fest: Die Friedhofsverwaltung entfernt keinen Grabschmuck ohne Rücksprache mit den Besitzern, so Andreas Schönwald. Das Recht, einzugreifen hat die Stadt mit der Friedhofssatzung. Demnach gilt für die Bepflanzung von Grabmälern die Maßgabe, dass diese dem Ort und der Grabstätte würdig sein muss.

Eine weitergehende Anordnung wie das Entfernen von Pflanzen oder Dingen von Gräbern durch die Friedhofsverwaltung sei erfreulicherweise bei der überwiegenden Vielzahl der Grabarten in der Vergangenheit für den städtischen Friedhof nicht nötig gewesen, so Andreas Schönwald weiter. „Das spricht für die der Würde entsprechende Gestaltungskultur auf den städtischen Friedhöfen.“

Von Roger Martin

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