aktualisiert:

LICHTENFELS

Die Anfänge des Fußballs in Franken

Die Anfänge des Fußballs in Franken
Große Wirkung schon 1956 10.000 Zuschauer beim Spiel des VfL 07 Neustadt gegen keinen geringeren als den FC Bayern München in der Spielklasse Division Süd. Foto: red

Bereits die fünfte Online-Veranstaltung des CHW konnten wieder viele Teilnehmer zwischen den Feiertagen erleben. Die Vorträge sind nicht nur geschichtlich hochinteressant, sondern, wie die Betrachtung der schönsten Nebensache der Welt, dem Fußball, zeigt, auch sehr unterhaltsam. So konnte der Vorsitzende der CHW-Oberfranken, Prof. Günter Dippold, mit Historiker Robert Schäfer einen Kenner des fränkischen Fußballs präsentieren. „Von der Fußlümmelei zum Massenphänomen“ lautete der Titel. Das der Fußball von England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Deutschland kam ist nicht neu, aber die Begebenheiten die heute oft zum Schmunzeln oder Kopfschütteln führen, sind doch sehr interessant. Zunächst wurde die neue Sportart mit Widerständen und Vorurteilen belegt.

Englische Krankheit, Fußlümmelei oder Stauchballspiel

Grund war die Einflussnahme der großen Turnbewegung in Deutschland, die im Sport in Vereinen Schulen und Militär eine Monopolstellung einnahm. Schulen Behörden und Kommunen reagierten zunächst mit Verboten. 1870 wurde in Darmstadt die erste Fußballvereinigung von Oberschülern aus der Taufe gehoben. In Schulen wurde dies meist verboten, gar ein blutiges Spiel wurde unterstellt. Weiter wurde der neue Sport als Englische Krankheit, Fußlümmelei und Stauchballspiel bezeichnet, was sogar eine Schmähschrift zur Folge hatte. Die spiegelte sich durch Turnlehrer Karl Planck wider.

Die Anfänge des Fußballs in Franken
Mit diesem Plakat gegen den Fußball wollte Turnlehrer Karl Planck den Fußball verbieten lassen. Foto: red

Diese Abneigung bezog er auf angeblich fehlender Vorbildstellung. Außerdem sei die Sportart hässlich und erniedrige den Menschen zum Affen. Und doch fasste der Fußball Fuß. Die Regeln der Football Association , die heute noch Grundstock sind, und der Jenaer Regeln wurden reformiert, was endgültig eine Abspaltung zum Rugby zur Folge hatte. 1900 gründeten 86 Vereine den DFB was weitere konkrete Formen zur Folge hatte. 1903 wurde der VfB Leipzig erster Fußballmeister. 1908 gab es das erste Länderspiel gegen die Schweiz. Ein Siegeszug hatte begonnen. Gab es 1904 224 Vereine waren es 1914 bereits 2233, dabei sind nicht wilde Vereine und Straßenmannschaften eingerechnet.

Schwerpunkte der Gründungen waren nicht in Bayern. Der erste Verein im Freistaat war die SpVgg Bayern Hof. 1901 wurde der 1. FC Bamberg nicht lange nach dem 1.FC Nürnberg gegründet. In diesem Jahr wurde ein erstes Spiel beider Mannschaften ausgetragen. Gespielt wurde auf dem vorderen Platz der Schützenwiese für 50 Mark jährliche Pacht. Doch Praxiserfahrungen und Werbung von der Sache standen zunächst im Mittelpunkt. Vorher gab sogar einen Autokorso. Das Spiel gewann der Club. In der Vereinschronik wurde ein heroischer Fußballkampf beschrieben.

Die Anfänge des Fußballs in Franken
Das erste Spiel 1901 des FC Bamberg gegen den 1. FC Nürnberg, das die Nürnberger für sich entscheiden konnten. Foto: red

Der Berichterstatter führt weiter aus: „Ein sehr zahlreiches Publikum hatte sich eingefunden, welches die Partie verfolgte. Bester Mann auf dem Platz war, glaubt man den Berichten der Beteiligten, der Bamberger Kapitän Carl Weisschnur. Ein beeindruckter Nürnberger Fußballer berichtete über Weisschnurs Fußballkunst: „Seine Bälle gehen so hoch, dass man lange warten muss, bis sie wieder zur Erde kommen.“

Immer mehr Vereine wurden gegründet

In den folgenden Jahren bildeten sich auch in den übrigen größeren Städten der Region erste Fußballvereine: 1904 in Forchheim, 1906 in Lichtenfels und Neustadt, 1907 in Coburg, 1908 in Kronach, 1909 in Selb, 1910 in Bayreuth und Münchberg, 1911 in Kulmbach. Ab 1910 wurden auch in kleiner Orten wie Burgkunstadt, Marktgraitz, Gaustadt, Mönchröden, Schwürbitz, Michelau, Baunach und Oeslau Vereine in Orten gegründet die schon industrialisiert waren, was aber nicht die entscheidende Rolle inne hatte. Auch in Turnvereinen veränderten sich die Strukturen, da sich Fußballabteilungen gegründet hatten. Aber Konflikt zwischen den Parteien blieb. So gab es doch Merkmale wo dies ersichtlich wurde.

Geselligkeitsverein mit Fußballabteilung

Die Anfänge des Fußballs in Franken
1910 zeigten sich selbstbewusste Fußballer des FC Adler Neustadt den Fotografen in für die damalige Zeit „gewagten Posen“. Foto: red

Fotographien waren für die damalige Zeit schon in provokanten Posen entstanden. Der Schiedsrichter trat in Anzug und Krawatte auf. Fußball war teurer als Turnen und zunächst der Sport von Akademiker, Angestellten und der gehobenen Mittelschicht. Namen die heute normal sind waren regelrecht heroisch. Adler, Kickers, Vorwärts, Borussia, Allemania, Teutonia oder Arminia sind dafür Beispiele. Kurios war die Namensfindung in Ebersdorf bei Coburg, wo ein Geselligkeitsverein mit Fußballabteilung gegründet wurde. Nachdem keine Entscheidung getroffen wurde, gab es einen Ausflug zum Coburger Schützenfest wo eine Artistin mit dem Namen Syria oder Sylvia aufgetreten war. Dieser gefiel und der Vereinsname war ab da Sylvia Ebersdorf.

Mit dem Verbandsspielbetrieb in Bayern war es dennoch nicht so weit. Nur Bamberg Nürnberg gab es neben weiteren acht Münchner Vereinen die in der ersten Verbandssaison antraten. Oft wurden auf die weiten Reisen verzichtet auch wegen Reisekosten da Bamberg mehr Heimspiel hatte und so niemand angetreten war hatte Bamberg die Meisterschaft im Gau Bayern Nord gewonnen ohne zu spielen. In Thüringen ging es 1907 los. Coburg gehörte noch lange zu Thüringen. 1911 schloss sich eine Spielgemeinschaft mit dem VfB Coburg und weiteren Thüringer Mannschaften zusammen die sehr erfolgreich war. Ein Übel waren auch die schlechten Rahmenbedingungen wo Spielverbote für Jugendliche nur ein kleines Problem darstellten. Wo spielen war oft die Frage.

Musikpavillon auf dem Fußballplatz

Ein eigener Sportplatz war zu teuer und Landwirte verpachteten ihr Gelände nicht gerne. In den Jenaer Regeln war festgeschrieben, dass der Sportplatz keine Bäume und Sträucher haben sollte. Im 1909 gegründeten Verein in Selb fanden die Spiele auf einer Festwiese statt, wo sich in der Mitte ein Musikpavillon erhob. Ein Hindernis welches im Spiel einbezogen oder umgangen wurde. Auf Wiesen, teilweise auch auf Viehweiden, mussten Torstangen vor dem Spiel ein und nach dem Spiel ausgegraben werden, die Tore waren ohne Netze.

Die Anfänge des Fußballs in Franken
Die Gründungsmannschaften der Patenvereine FC Redwitz und des FC Schney zeigen sich vor einem Freundschaftsspiel 1916 dem Fotografen. Foto: red

1911 in Baunach gegen Viktoria Bamberg endete die Begegnung abrupt. Der Besitzer des Platzes tauchte beim Spielstand von 1:13 auf und stellte fest, dass der geschlossene Vertrag zu Nutzung nicht rechtens war, und nach Androhung von Prügeln musste die Partie abgebrochen werden und die Fußballer flüchteten. Der FC Lichtenfels hatte 1908 eine ungenutzte Wiese bis 1915 gepachtet. Dieser Vertrag wurde aufgelöst. Daran war der Turnverein schuld, der auf ein Kuriosum aufmerksam machte. Da sich das Gelände neben der Anlage des Schützenverein befand und Kinder beim zurückholen von Bällen erschossen hätten werden können, war der angebliche Grund. Dennoch wurde 1920 der Platz, wo sich bis heute das Karl-Fleschutz-Stadion befindet, gepachtet und heute ist die Spielstätte noch dort.

1920 gab es trotz erheblicher Kriegsverluste 470 000 Fußballer im Land, 1931 wurde die Millionengrenze überschritten. Der Fußball war in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Interesse aller, neue Fußballstadien, Sportplätze und die Medien, die bis in die kleinsten Klassen berichteten sorgten dafür. Aktuell zählt der DFB 7,1 Millionen Mitglieder mit 24 000 Vereinen in 150 000 Mannschaften und ist so größter Sportfachverband Welt weit.

Von Roland Dietz

Weitere Artikel