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LICHTENFELS

Der Teufel als „schwaze Gaaßbook“

Den schwarzen Ziegenbock bringt man heute nicht mehr mit dem Teufel in Verbindung; die Kinder freuen sich über diese Geschöpfe im Tierpark. Foto: Andreas Motschmann

Wer hat Angst vor dem schwarzen Geißbock? Heute wohl niemand mehr. Viele Kinder freuen sich im Streichelzoo oder im Tierpark über die Ziegen. Der lange Bart und die Hörner üben eine Faszination auf die Kleinen aus, auch wenn der Geruch nicht angenehm ist.

Das war vor Generationen anders. Über einen Geißbock im Stall eines Kleinbauern – das waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch sehr viele – wurde schon ab und zu getuschelt. Wurde gar die Besitzerin als Hexe verleumdet, dann behaupteten manche, sie um Mitternacht beim Reiten auf dem Bock gesehen zu haben.

Der Autor dieser Zeilen kann sich an Erzählungen einer Nachbarin aus seiner Kindheit erinnern. Sie habe dies viele Jahre vorher gesehen. Solchen Erzählungen wurde vom kleinen Jungen mit großen Augen Glauben geschenkt. Hatten doch die anderen Nachbarn einen Ziegenbock.

So wundert es nicht, wenn wir Geschichten davon in heimischen Sagenbüchern finden. Die Erzählung „Der schwarze Geißbock“ wurde von E. Grimm in seinem Buch „Oberfränkische Sagen“ im Jahr 1929 veröffentlicht.

Der Inhalt: Vor langer Zeit lebte bei Lichtenfels ein steinreicher Mann. Er war ein Sonderling, der ständig einen schwarzen Ziegenbock bei sich hatte. Der Bock folgte ihm auf Schritt und Tritt, sogar in die Kammer. Der Mann erkrankte schwer, es ging auf sein Ende zu, er schrie unter schrecklichen Qualen: „Schaffd me den Gaaßbook ausn Haus, sunsd ko ich niee läem und niee schdärm!“

So hat seine Schwester den Ziegenbock zu sich geholt. Am nächsten Tag fand man den Toten mit umgedrehtem Genick im Bett. Die Nachbarn glaubten, der schwarze Ziegenbock habe etwas mit dem Teufel zu tun, und der Mann habe mit ihm in Bunde gestanden.

Das Teufelstier flog als feuriger Drachen aus dem Schornstein

Die Schwester, welche das Tier aufgenommen hatte, wurde von Tag zu Tag reicher. Das war ihrer Tochter unheimlich. Sie drang darauf, der Bock müsse verkauft werden. Ihre Mutter war damit einverstanden; bald wurde ein Käufer gefunden. In der letzten Nacht vor dem Verkauf war der Bock verschwunden. Keiner konnte ihn finden. Eine Nachbarin erzählte, sie habe um Mitternacht das Teufelstier als feurigen Drachen aus dem Schornstein fahren gesehen.

Neben dieser Geschichte finden wir weitere Erscheinungen am Obermain, so den Teufel auf einer Kreuzung bei Buch oder den Teufel an einem Erker des Lichtenfelser Stadtschlosses. Die Faszination für Teufelsgeschichten war immer groß. Das Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ kennen viele von uns.

Ist der Ziegenbock ein dämonisches Tier?

Im Kleinen Lexikon des Aberglaubens wird der Ziegenbock so dargestellt: Der Ziegenbock ist, besonders, wenn er schwarz ist, nach altem Glauben ein dämonisches Tier, das mit den Geistern und namentlich dem Teufel in engster Verbindung steht. Vor allem er, manchmal die weibliche Ziege, soll den Hexen als Reittier dienen. Gewitter und Unwetter werde als „Gewittergeiß“ oder „brüllende Ziege“ bezeichnet. Gespenstische Ziegenböcke, die Menschen verfolgen, sind aus vielen Volkssagen bekannt; ebenso oft wird von ihnen berichtet, sie seien in Wirklichkeit böse Geister, die diese Tiergestalt gewählt hätten.

„Arme Teufel“ als hinkende und belustigende Jammergestalt

Der Ziegenbock war das Reittier von Hexen und allen möglichen Gespenstern. Er galt als Verkörperung von Spukgestalten mit teuflischem Charakter. Seit dem Hochmittelalter tritt der Teufel in gleichbleibender Form auf: in Menschengestalt, mit Hörnern, Bockfüßen und einem Schwanz. In den protestantischen Ländern hat man sich früh vom Teufel als Bildgegenstand verabschiedet, oder man deutete ihn um.

Seit dem 18. Jahrhundert tritt immer häufiger der „arme Teufel“ als hinkende, gehörnte und belustigende Jammergestalt in Karikaturen und Satiren in Erscheinung. In Volks- und Kasperltheatern hat er seinen Schrecken endgültig verloren und löst bei seinem Publikum nur mehr Gelächter aus.

Die Ziege, die “Kuh des kleinen Mannes”

Ziegen waren früher ein Gradmesser der Zeit: In schlechten Zeiten gab es viele, in guten Zeiten wenige. Die Gaaß, die „Kuh des kleinen Mannes“, spielte am Obermain über Jahrhunderte eine wichtige Rolle. Die Zahl der gehaltenen Ziegen in Oberfranken hat sich vom 19. zum 20. Jahrhundert verfünffacht. Im Jahr 1810 gab es 11 408 Ziegen, die Zahl stieg bis 1907 auf 57 813 Ziegen an.

Viele konnten sich eine Kuh finanziell nicht leisten oder besaßen nicht so viel Grund, dass sie das Winterfutter für die Kuh hatten. Bis in die Nachkriegszeit war das so. Nicht umsonst gibt es dazu im Frankenwaldlied eine passende Strophe zur Kuh des kleinen Mannes. In Bayern hat die Ziegenhaltung im 21. Jahrhundert wieder einen Aufschwung erlebt. Im Jahr 2013 gab es 4400 bayerische Ziegenhalter mit einem Gesamtbestand von rund 35 000 Ziegen.

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Von Andreas Motschmann

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