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MISTELFELD

Der Mistelfelder Förster Wolfgang Tschöderich

Der Mistelfelder Förster Wolfgang Tschöderich
Mit einem Rindenschäler legt Förster Wolfgang Tschödrich das Bastgewebe eines Baumes frei, wo der Borkenkäfer gravierende Schäden anrichtet. Forstanwärter Florian Schulte aus Bad Staffelstein schaut ihm bei der Arbeit über die Schulter. Foto: Stephan Stöckel

Der Schnee knirscht unter den Füßen des Försters. Sein Blick schweift nach oben. „Die Kronen sind noch super“, entfährt es ihm beim Gang durch den Fichtenbestand. Es folgt die Kehrseite der Medaille. Wolfgang Tschödrich zückt seinen Rindenschaber und zum Vorschein kommt das typische Fraßbild eines Borkenkäfers mit seinem längsgerichteten Muttergang in der Mitte und den seitlichen Larvengängen. Das Schadinsekt hat es sich im Bast gemütlich gemacht, wo sich die Gefäße des Baumes befinden, mit denen Wasser und Nährstoffe transportiert werden. „Das Holz ist tot“, lautet seine nüchterne Erkenntnis.

Weiter geht es mit dem Geländewagen über Stock und Stein, vorbei an gefällten Stämmen und an einem kahlen Hang, an dem einst die Fichten wie eine Eins standen, bevor Trockenheit und Borkenkäfer ihnen den Garaus machten. In den vergangenen Jahren musste wesentlich mehr Schadholz geschlagen werden. Ein Preisverfall war die Folge. Der Wald, der einst die Sparkasse der Waldbauern gewesen war, entwickelt sich für viele von ihnen zu einem Draufzahlgeschäft.

Der Käfer hat den Besitz aufgefressen

Der Mistelfelder Förster Wolfgang Tschöderich
Bei einem Ortstermin vor zwei Jahren begutachtete Förster Wolfgang Tschödrich (links) zusammen mit (von rechts) dem damaligen Forstdirektor Oliver Kröner und Vorsitzenden Robert Hümmer von der Waldbesitzervereinigung Lichtenfels-Staffelstein die gelungene Naturverjüngung aus Buchensamen des Altenkunstadter Forstwirtes Friedrich Stadter. Foto: Stephan Stöckel

Und aus dem Förster wurde ein Seelentröster. Eine Charakterisierung, die Wolfgang Tschödrich bei einer warmen Tasse Tee in seinem Forsthaus in Mistelfeld ganz bewusst wählt. Der 61-Jährige erzählt von Waldbesitzern, die am Verzweifeln seien, weil der Käfer ihr ganzes Erbe aufgefressen habe. Und gewährt einen Einblick in seine Försterseele: „Das lässt einen nicht unberührt.“ Seine Hilfe sei begrenzt auf die Vermittlung von Fördermitteln und fachliche Ratschläge, gibt der Redner unumwunden zu.

Das aus Film und Fernsehen bekannte Klischee vom Förster, der mit Gewehr und Dackel einsam durch die Wälder streift, rückt der Mistelfelder zurecht: „Wer, wie ich, für den Privatwald zuständig ist, trifft auf viele Menschen.“ Der 61-Jährige liebt es dort zu arbeiten, wo andere joggen oder wandern gehen – im Wald. An Tagen, an denen es regnet wie aus Kübeln, zieht sich Tschödrich in sein Büro zurück und bearbeitet unter anderem Förderanträge. 60 Prozent seiner Arbeit verbringt der Förster nach eigener Aussage im Freien, den Rest in seiner Schreibstube im Forsthaus.

Die Jahreszeiten geben den Rhythmus vor

Der Forstamtsrat schwärmt von einem vielseitigen Beruf, der ihn immer wieder in neue Rollen schlüpfen lasse – vom bereits erwähnten Seelentröster bis hin zum Wirtschaftsberater. Dabei gibt der Jahresrhythmus die Arbeit vor. „Im Herbst plane ich Durchforstungen, im Frühjahr organisiere ich die Pflege von Baumkulturen“, sagt der Experte. Auch der Umbau der heimischen Wälder zu Mischwäldern, die dem Klimawandel trotzen, ist ihm ein Herzensanliegen.

Der Mistelfelder Förster Wolfgang Tschöderich
Auch Büroarbeit gehört zum Berufsalltag eines Försters dazu. Anhand eines Luftbildes mit digitaler Flurkarte ermittelt Wolfgang Tschödrich die Besitzer eines Waldstückes. Foto: Stephan Stöckel

Ganz warm ums Herz wird es dem Erzähler auch beim Rückblick auf die schönsten Momente seines Berufslebens, bei denen er zum Walderlebnispädagogen geworden war. Bei Eichhörnchen- und Geräuschespielen habe er die Kinder zum Staunen gebracht. „Diese Stunden sind mir besonders in Erinnerung geblieben, weil ich beim Blick in strahlende Kinderaugen direkt etwas zurückbekommen habe“.

Die Liebe zu seinem Beruf war ihm in die Wiege gelegt worden. „Mein Vater war Gutsverwalter und Förster“, erzählt Tschödrich. Über einen kleinen Umweg gelangt er zur Profession seines Papas. Im Rahmen eines Maschinenbaustudiums absolviert er ein Praktikum in einer Kugellagerfabrik. Eine Erfahrung, die in seinem Innersten einen Schalter umlegt. „Ich merkte, dass mir die Arbeit in der Industrie nicht so lag und welch tollen Job mein Vater hat.“

Nach einer Lehre zum Forstwirt studiert Tschödrich in Göttingen an der Fachhochschule Forstwirtschaft. Die Ausbildung vor der Uni ist für ihn keine verschenkte Zeit gewesen. „Mit dem Rüstzeug aus der Lehre weiß man die Arbeit der Waldbauern, mit denen man täglich zu tun hat, besser einzuschätzen“, sagt Tschödrich.

Langweilig wird ihm nicht

Um den Nachwuchs ist ihm nicht bange. In den 1980er Jahren habe das Waldsterben viele junge Leute dazu bewogen, Förster zu werden. Heute seien es das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ und die Klimaschutzbewegung „Fridays For Future“. Auch beim Gedanken an die bevorstehende Rente mit Mitte 60 beschleichen Tschödrich keine unguten Gefühle. „In ein tiefes Loch werde ich sicherlich nicht fallen.“ Spricht?s und zählt seine Hobbys auf, die ihm einen Unruhestand bescheren werden: „Ich klettere für mein Leben gerne, zum Beispiel im Kleinziegenfelder Tal. Beim Alpenverein bin ich Klettertrainer und Leiter einer Jugendgruppe.“

Zur Person

Seit 1992 leitet der gelernte Diplom-Forstingenieur (FH) Wolfgang Tschödrich das Forstrevier Lichtenfels-Mistelfeld. Im Oktober 2010 übernahm er das Gebiet der Stadt Weismain und die Betriebsausführung im Stadtwald Burgkunstadt. Im Februar 2012 wurde das Gebiet um die Gemeinde Altenkunstadt erweitert, zugleich aber auch entlastet: Die Betriebsausführung im Stadtwald Burgkunstadt gab der gebürtige Ebelsbacher (Landkreis Haßberge) an Wolfgang Weiß vom Forstrevier Coburg-Rögen ab.

Von Stephan Stöckel

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