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LICHTENFELS

Das Helfen ist die Leidenschaft von Winfried Weinbeer

Das Helfen ist die Leidenschaft von Winfried Weinbeer
Winfried Weinbeer auf seinem Lehrlingsstück als Polsterer. „Die Rosette an der Seite war die größte Herausforderung“, erinnert er sich an seine Arbeit von 1956. Foto: Mario Deller

Mancher junge Stadtratskollege war noch nicht einmal geboren, als Winfried Weinbeer sich in den 1970-er Jahren bereits im Rathaus mit Herzblut zum Wohl der Bürger einbrachte. Wenn einer als Urgestein bezeichnet werden kann, dann wohl Winfried Weinbeer. Bis zu seinem kommunalpolitischen Abschied mit Ende der Wahlperiode im April brachte sich der schier nimmermüde Lichtenfelser 48 Jahre lang als Kreisrat sowie 42 Jahre lang als Lichtenfelser Stadtrat ein. Auch das Amt des Zweiten beziehungsweise Dritten Bürgermeisters hatte er einige Jahre lang inne. Großer Lebenshunger und ein wacher Geist zeichnen den fidelen Senior aus.

Weinbeer, der am 29. Februar 84 Jahre alt wurde, hat sich wie kaum ein anderer für die Gesellschaft engagiert. In vielen Vereinen, denen er die Treue hält, ist er längst Ehrenmitglied. Stellvertretend genannt werden darf etwa der 1961 ins Leben gerufene Lichtenfelser Verein für Sportfischer, denn Weinbeer ist das letzte lebende Gründungsmitglied.

Den Veranstaltungen so mancher Klubs wird Weinbeer sicher noch beiwohnen, doch seine politische Ära hat nun ihr Finale gefunden. Es war ja schon bemerkenswert genug, dass er als 78-Jährige 2014 noch einmal bei der Kommunalwahl antrat und seitdem nochmals als Dritter Bürgermeister der Stadt Lichtenfels fungierte. „Die Wahl des neuen jungen Bürgermeisters (Andreas Hügerich, Anmerkung der Redaktion) hatte mich inspiriert“, meinte er in einem Interview anlässlich seines 80. Geburtstags.

Austausch mit Politgrößen von Schröder bis Seehofer

Weinbeer macht kommunalpolitisch keiner etwas vor, hohe Auszeichnungen (Infobox) sprechen für sich. Auch hochrangige politische Größen von Horst Seehofer über Theo Waigel bis zu Gerhard Schröder lernte er dabei kennen. Einbilden würde sich Weinbeer darauf nie etwas, es gehört halt dazu, wenn man selbst zu einer geachteten Größe in der Kommunalpolitik herangewachsen ist. Die Vergänglichkeit des Lebens wird ihm nur allzu bewusst, wenn er angesichts seines politischen Abschieds mit einigen Fotoalben die Jahrzehnte seines Wirkens noch einmal Revue passieren lässt. Er sieht Bilder, die ihn zusammen mit geschätzten politischen Weggefährten zeigten, deren Ableben ihm nahegeht. 2007 verstarb Landtagsabgeordneter Walter Großmann, wie Weinbeer ein gebürtiger Burgberger, 2016 dann unerwartet der frühere Lichtenfelser Bürgermeister Winfred Bogdahn.

Das Helfen ist die Leidenschaft von Winfried Weinbeer
Schon der Vater Arthur – hier zeigt Winfried Weinbeer eine Fotografie von 1939 - lebte christliche Werte und ehrenamtliches Engagement vor. Foto: Mario Deller

Geschenkt wurde dem Lichtenfelser im Leben nichts. Weinbeer stockt die Stimme, wenn er sich an die Not in seiner von Kriegs- und Nachkriegszeit geprägten Kindheit erinnert: „Tja, wir haben damals bei den Bauern um einen Kännchen Milch gebettelt.“ Ein schreckliches Erlebnis war ein Tieffliegeralarm am 2. April 1945: Die Messe zum Weißen Sonntag wurde abgebrochen und Winfried Weinbeer, seine Schwester, die Mutter und die Oma mussten aus der Kirche fliehen.

Karriere vom Polsterer bis zum Firmenchef

Fleiß zeichnete den jungen Winfried aus, der 1956 seine Lehre als Polsterer und Kaufmann mit der Note Sehr gut abschloss. Sein Gesellenstück, ein weinrotes Sofa, hat er bis heute in Ehren gehalten. Wenn er sich auf das im Keller stehende Möbel setzt, fühlt er sich zurückversetzt in die Zeiten als Lehrbub: „Die Rosette hier an der Seite war die größte Herausforderung, das weiß ich noch wie gestern.“ Im Polstermöbelwerk Kraus und Weinbeer stieg er auf zum Abteilungsleiter, später zum Prokuristen und schließlich wurde er Geschäftsführer. 50 Jahre lang war er im Unternehmen tätig.

Das Helfen ist die Leidenschaft von Winfried Weinbeer
Wenn Winfried Weinbeer (li.) die Jahrzehnte seines politischen Wirkens Revue passieren lässt, zieht er auch den Hut vor dem 2016 verstorbenen früheren Bürgermeister Winfred Bogdahn (re. mit seiner Ehefrau Ingrid). Foto: Mario Deller

Kommunalpolitisch engagierte er sich rund 40 Jahre für die CSU, später für die Freien Wähler in verschiedenen Gremien des Kreistags und des Lichtenfelser Stadtrats. Auch wenn viele sich das gewünscht hätten – jetzt noch einmal kandidieren und mit 84 noch einmal sechs Jahre heran hängen, das kam für ihn nicht mehr in Frage. Bei aller Vitalität, die er ausstrahlt, räumt er ein: „Nach fast 50 Jahren aktiven Wirkens in der Politik war der Akku schon ein wenig leer.“ Allerdings hinterließ dieser Schritt emotionale Spuren: „Ich hätte es vorher wirklich nicht gedacht, aber der politische Abschied nach der Kommunalwahl im März ist mir dann doch sehr schwer gefallen.“

Er musste sich selbst oder anderen nie etwas beweisen. Nichts lag ihm ferner. Er fühlt sich wohl am Obermain und auch deshalb war es ihm wichtig, das Seine beizutragen zur positiven Entwicklung der Region. „Es war mir immer ein wichtiges Anliegen, vielseitig gute Werke zu tun“, fasst er seine Motivation in all den Jahrzehnten zusammen. Und nennt im selben Atemzug eine weitere Quelle seiner Tatkraft: „Mein christlicher Glaube trägt mich.“

„Es war mir immer ein wichtiges Anliegen, vielseitig gute Werke zu tun.“
Winfried Weinbeer, ehemaliger Stadt- und Kreisrat

Wenn er auf sein ehrenamtliches Wirken in der Kommunalpolitik und unzähligen Vereinen zurückblickt, empfindet er vor allem eines: Dankbarkeit gegenüber seiner Gattin Siglinde und seinen beiden Töchtern. „Sie waren für mich eine unschätzbar wichtige Stütze in all den Jahren“, bekennt er.

Die Förderung des Sports in der Region liegt Weinbeer am Herzen. So war er 30 Jahre lang Sportreferent der Stadt Lichtenfels sowie ein Jahrzehnt als 1. und viele weitere Jahre 2. Vorsitzender des Turngaus Südoberfranken. Auch die Entwicklung der Turnerschaft Lichtenfels hat Weinbeer – wie zuvor sein Vater Artur – entscheidend mitgeprägt. Schon als Jugendlicher im Verein aktiv, brachte Weinbeer später als Zweiter und über Jahrzehnte als 1. Vorsitzender die Turnerschaft voran. Meilensteine waren die umfassende Generalsanierung der Vereinsturnhalle in den 1990-er Jahren und der Anbau wichtiger Funktionsräume.

Gesunde Lebensführung ist ihm wichtig. Der bekennende Nichtraucher fiebert dem Tag entgegen, wenn sein Sportstudio wieder die Pforten öffnet, um zwei- bis dreimal pro Woche zu trainieren. „Das fehlt mir momentan wirklich sehr“, gibt er zu. Die Beine hochlegen, komme für ihn dennoch nicht in Frage.

Sport und gesunde Ernährung halten ihn fit

Das Helfen ist die Leidenschaft von Winfried Weinbeer
Nicht nur Enkelin Viktoria hält den 84-jährigen auf Trab, auch im heimischen Garten ist Winfried Weinbeer gerne aktiv. Foto: Mario Deller

Fit hält Weinbeer auch die eineinhalbjährige Enkelin Viktoria. „Sie ist meine größte Freude. Wenn sie in einer halben Stunde hereinstürmt, ist Stimmung in der Bude“, meint er lachend. Beim täglichen Spaziergang mit dem kleinen Wirbelwind geht Opa Winfried das Herz auf.

Weinbeer ist nicht nur Menschenfreund, sondern schätzt auch die Natur. Viel Liebe und Energie investieren er und seine Gattin in den großen Garten. In Nistkästen und Sträuchern brütende Amseln und Blaumeisen, Kräutervielfalt, das Insektenhotel – begeistert erzählt er von blühender Flora und tierischem Miteinander vor der Haustüre. Musik in seinen Ohren ist das Froschkonzert am Gartenteich. Bei der Gelegenheit greift er zum Kescher und fischt Algen von der Teichoberfläche.

Weinbeer weiß, dass Auseinandersetzung auch zur Kommunalpolitik gehört. „Sollte ich im Laufe meiner politischen und sonstigen ehrenamtlichen Tätigkeit jemanden beleidigt, verärgert oder enttäuscht haben, so bitte ich um Verzeihung“, meint er abschließend.

Auszeichnungen

Ehrenmedaille der Stadt Lichtenfels und des Landkreises (1996);

Bundesverdienstkreuz am Bande (2000),

Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten für in Ehrenämtern Tätige (1994),

Medaille des Staatsministes des Innern für besondere Verdienste in der kommunalen Selbstverwaltung (2009);

Ehrenmedaille des Freistaats für besondere Dienste um den Sport (1992);

hohe Auszeichnungen des BLSV, des Turnbezirks Oberfranken und des Bayerischen Turnerverbandes;

20 Ehrenämter bis jetzt;

29 Ehrenmitgliedschaften;

67 Mitgliedschaften in Vereinen im Landkreis.

Von Mario Deller

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