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LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Zwei Cowboys im Sonnenuntergang

Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt für OTverbindet augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um zwei alte Kämpen am See.

„Liebes Corona-Tagebuch, Romantik gilt gemeinhin als sehr schöne Angelegenheit. Aber man kann sehr unterschiedliche Vorstellungen zu dem Begriff entwickeln, der eigentlich eine kulturgeschichtliche Epoche umreißt. Kerzenschein, Blumen und Frauen müssen da nicht unbedingt vorkommen.

Jedenfalls nicht, wenn man Willi und Rudolf so mitbekommt. Sie saßen abends am See und tauschten sich aus, zwei Männer in ihren 60-ern. Aus Gnade der späten Geburt hatten sie nichts vom Krieg zu erzählen, also erzählten sie von ihren Krankheiten beziehungsweise der Art und Weise, wie sie mal sterben wollen. Dabei entwickelten sie durchaus romantische Zukunftsvisionen. Der Willi, das konnte man gut mitzuhören, geht nämlich nicht zum Arzt, obwohl es zwickt und zwackt. Auf Rudolfs Frage, worauf er anstelle von Prostatauntersuchungen zu vertrauen gedenkt, bemerkte Willi, dass er einfach nur hofft, irgendwann mal „auf der Straße umzubollern“ – ohne mitzukriegen, weshalb. Das würde ihm genügen. Wie er das sagte, bekam seine Stimme eine gewisse Feierlichkeit irgendwo zwischen Resignation und Fatalismus. Und das muss man ja auch erst mal hinbekommen.

Rudolf ritt auf der gleichen Welle. Auch er ein Auslaufmodell, wie er zu seiner Inkontinenz bemerkte. Aber auch er in der Hoffnung, irgendwann wie ein Cowboy beim letzten Trab in den Sonnenuntergang einfach so aus dem Sattel zu kippen. Wie er das so oder so ähnlich formulierte, dehnte er die Vokale nicht nur feierlich, sondern schien sie fast anzukauen. Warum auch immer. So ist das mit abendlichen Männern am See, sie sagen Dinge von Größe und Gewicht. Dann wurde es romantisch.

Rudolf holte zwei Flachmänner aus der Tasche, gab Willi einen ab, und dann stießen sie miteinander an. Das Rot der Abendsonne glitzerte auf dem See und die Wellen kräuselten sich. Im Osten hob ein Wind an.“

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