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LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Von der kleinen Freiheit

Markus Häggberg. Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um die kleine Freiheit und den erhobenen Zeigefinger.

„Liebes Corona-Tagebuch, neulich wurde mir ein kleiner Urlaub zuteil. Ich hatte nicht nach ihm gefragt, aber er stand da so an der Ecke rum und hielt wohl Ausschau nach mir. Konkret gesprochen war es so, dass ich mich kurz vorher auf mein Radl schwang, weil ich von meiner WG-Mitbewohnerin zum Einkauf geschickt wurde.

Es ging um nichts Großes, nur um so ein paar kleine Sachen, die sich bequem in der Luft jonglieren ließen, während man heimwärts trampelt. Zielstrebig, wie es so meine Art ist, trampelte ich also in Richtung Supermarkt, aber schon nach 50 Metern kam mir der Urlaub in die Quere. Ein alter Klassenkamerad hatte sich hinter einer Hausecke platziert und wartete nur darauf, mir zurufen zu können, um mich auf ein Bier einzuladen. Höflich wie ich bin, reagierte ich auch in der von ihm erhofften Weise auf seinen Zuruf und ließ die Einladung zu. Wir setzten uns an einen Tisch und erzählten uns bedeutsame Dinge, und Schluck um Schluck wurden mir meine Einkäufe weniger wichtig.

Auch der erhobene Zeigefinger meiner WG-Mitbewohnerin, wonach ich mich sputen sollte, weil die Läden ja schließlich auch mal schließen, war mir nicht mehr so richtig präsent. Dann kam meinem alten Klassenkamerad die prächtige Idee, noch zwei weitere Biere zu ordern. So blieben wir sitzen und erzählten uns weitere bedeutsame Dinge. Es sollten schöne Stunden werden und sie sollten nah dran an einem Urlaubsgefühl sein. Dann rief seine Frau an und ich musste ihr leider mitteilen, dass ihr Mann jetzt keine Zeit für Nebensächlichkeiten hat. Höflich und verständig teilte sie diese Sicht und klinkte sich alsbald aus. Doch irgendwann war der letzte Schluck getrunken und der letzte bedeutsame Satz gesagt, und so gingen mein alter Klassenkamerad und ich wieder unserer Wege.

Die Läden bereits geschlossen

Die Läden waren nun geschlossen und an einen Einkauf war nicht mehr zu denken. Kurzum: Ich musste mit leeren Händen heim und mir drohte der erhobene Zeigefinger. Das wollte ich nicht. Also stellte ich mich hinter eine Häuserecke und wartete darauf, dass alsbald ein Bekannter mit seinem Fahrrad auftauchen und an mir vorbeifahren würde. Schon nach einer halben Stunde geschah das auch und so rief ich ihm zu und lud ihn auf ein, zwei, drei, vier Biere ein.

Liebes Corona-Tagebuch, mir war völlig klar, dass daheim der erhobene Zeigefinger auf mich und die Einkäufe wartete. Aber mir war auch klar, dass ich ihm lieber erst am Folgetag begegnen mochte.“

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