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Corona-Tagebuch: Beethoven und der sozialistische Gruß

Corona-Tagebuch: Das große Schnattern
Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um einen Todesfall und eine besondere Form der Erinnerung an den Freund:

„Liebes Corona-Tagebuch,

nun ist mir der H. verstorben. Von einer Art Schlaf aus hielt er den Atem an und kippte aus dem Leben. Ganz leise, ganz sacht, ganz friedlich und schmerzfrei. Gut gemacht!

Seine letzten Jahre waren nicht einfach, aber sein immer wieder aufflackernder Lebenswille war so wunderbar wie verwunderlich. Dann sprach er von Gustav Mahler und von Beethoven, aber auch von klassischen Komponisten, die keiner kennt. Er wäre der Telefon-Joker in jedem Fernsehquiz gewesen, wenn es um die Werke dieser Leute gegangen wäre.

Und ging man ihn besuchen, was leider zu selten vorkam, dann hob er die Faust zum sozialistischen Gruß, entbot ein „Druschba“ und manchmal, selten, intonierte er obendrein die sowjetische Hymne. In aller Unschuld und nur, weil er sie melodisch eben so schön fand. Dann und wann, wenn er durch die Zeitung oder anderweitig vom steigenden Irrsinn der Welt erfuhr, kam ihm in einer unnachahmlichen klanglichen Vermählung von Trotz und Sehnsucht sein unvermeidliches „Ich will heim“ Lippen.

Lieber H., ich hoffe, du bist jetzt daheim und irgendwo dort oben in den Sphären, aus denen Mahler und Beethoven ihre Noten bezogen. Und wenn du auch weg bist, so habe ich von dir doch etwas behalten, nämlich deine Stimme.

Corona-Tagebuch: Das große Schnattern
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Sobald ich mal wieder von dir hören möchte, drücke ich unter Entbietung des sozialistischen Grußes auf einen Knopf meines Anrufbeantworters und du redest mir dann vom polnischen Filmemacher Kieślowski und von Coppola. Ich werde diese beiden Aufnahmen nie löschen. Wegen Druschba und weil du eben du warst.

 

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