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LICHTENFELS

Corona-Krise: Zahl der Suchterkrankungen steigt am Obermain

Corona-Krise: Zahl der Suchterkrankungen steigt am Obermain
Die Corona-Krise und ihre Erscheinungen lassen die Zahl der Suchtkranken steigen. Foto: red

Seit Stunden regnet es ununterbrochen. Die Tage sind durch die Kurzarbeit endlos lang. Das Geld ist knapp. Deshalb gibt es oft Streit mit dem Partner. Ich möchte manchmal einfach raus unter Menschen. Aber da ist ja die Corona-Krise… Und dann? Für Suchtbedrohte oder von Suchtmittel abhängige Menschen eine existenzielle Situation in Bezug auf Alkohol, Drogen oder Medikamenten etwa. Wer hält durch?

Viele Menschen trinken und rauchen seit der Corona-Krise deutlich mehr als zuvor. Das zeigt eine aktuelle forsa-Umfrage im Auftrag der Kaufmännische Krankenkasse.

Stationäre Entwöhnung: Vermittlung in Behandlungen stark gestiegen

Während die Suchtberatungsstelle Lichtenfels in der ersten Corona-Welle im Frühjahr nicht mehr Anfragen zu verzeichnen hatte als im Vorjahr, seien nun im Herbst jedoch besonders die Vermittlungen in stationäre Entwöhnungsbehandlungen stark gestiegen. Allein in diesem Jahr waren es über 20 Menschen, die diesen Weg auf Grund der Empfehlung der Einrichtung antraten. „Und das Jahr ist noch nicht zu Ende“, blickt der Leiter Norbert Staffen sorgenvoll in die Zukunft.

Viele Frauen und Männer sind durch die Corona-Krise in Sorge um ihre Arbeitsplätze, haben Geld- oder beispielsweise Finanzierungssorgen einer Immobilie, Angst um ihre Partnerschaft, Ehe oder Familie. Anders als bei der ersten Welle kommen nun noch Faktoren wie die eher dunkleren Wetterverhältnisse oder die längeren Aufenthalte drinnen statt draußen zu der für viele Menschen angespannten Situation hinzu.

Telefonischer Kontakt: Vernetzung ist das Schlüsselwort

Normalerweise besteht das Angebot der Anlaufstelle aus Beratungsgesprächen, ambulanter Rehabilitation, Vermittlungen in eine stationäre Therapie sowie in Therapie- und Selbsthilfegruppen und die Nachsorge nach stationärer Rehabilitation. Es richtet sich an Menschen, die Schwierigkeiten im Umgang mit Alkohol, Medikamenten, Drogen, ihrem Essverhalten oder Glücksspiel haben.

Wieder einmal kann nun kein persönlicher Beistand von Angesicht zu Angesicht geleistet werden. Doch was sich vor wenigen Monaten bewährt hat, soll auch jetzt während dieses neuen „Lockdown light“ den Klienten helfen: Ein regelmäßiger Kontakt, der auch von den Mitarbeitenden ausgehe, so Staffen. „Indem wir nicht nur darauf gewartet haben, dass sich die Menschen bei uns melden, haben wir wahrscheinlich einen großen Teil dazu beigetragen, dass die Rückfallhäufigkeit nicht so groß geworden ist.“

Durch viele von ihnen initiierte Anrufe habe sich das Team bei den Klienten, mit denen es schon länger, aber auch erst seit kurzem in Kontakt stehe nach deren Befinden, Sorgen und Nöte erkundigt. Ebenso wurden am Gesprächsende stets neue Terminabsprachen getroffen, die mit großer Zuverlässigkeit von Klienten und Mitarbeitenden eingehalten worden seien. Vernetzung sei hier das Schlüsselwort.

Pause der Selbsthilfegruppen ist für die Betroffenen sehr bedenklich

Doch ersetzen können die telefonischen Kontakte e vor allem die sechs Selbsthilfegruppen im Landkreis nicht, die derzeit auch wieder ruhen müssen. Verschieden konzeptioniert ist ihnen jedoch eines gemeinsam: Die Leitung durch Ehrenamtliche, die allesamt selbst einen Bezug zum jeweiligen Suchtmittel haben und in engem Kontakt mit der Suchtberatungsstelle stehen. In ihnen erfahren die Erkrankten Verständnis, Unterstützung und vor allem eine Nähe aus eigener Betroffenheit, die nicht selten in Freundschaften münden.

„Natürlich halten die

Mitglieder untereinander Kontakt, vor allem durch die neuen Medien. Aber das ist eben nicht das Gleiche.“

Norbert Staffen, Leiter der

Suchtberatungsstelle Lichtenfels

„Natürlich halten die Mitglieder untereinander Kontakt, vor allem durch die neuen Medien. Aber das ist eben nicht das Gleiche“, betont Staffen.

Ebenso fallen die ausgesetzten Orientierungsgruppen negativ ins Gewicht: Hilfesuchende, die sich bezüglich ihrer Wahl des Angebots der Suchtberatungsstelle noch unschlüssig sind, können normalerweise in sechs Terminen voller Informationen und Gespräche motiviert werden, ihren eigenen Weg zu finden. „Auch dieses Kennenlernen und erstes Zurechtfinden fällt nun weg“, bedauert Norbert Staffen. „Unter anderem auch deshalb befürchte ich mehr Rückfälle unserer Klienten.“

Negative Einflüsse auf das gesamte ambulante Suchthilfesystem

Auch das Bezirksklinikum Obermain in Kutzenberg verzeichnet in Zeiten der Corona-Krise einen kontinuierlichen Anstieg von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Sämtliche Behandlungsplätze - insbesondere für alkoholkranke als auch für Menschen mit einem polyvalenten Suchtmittelkonsum – seien seit längerem belegt. Chefarzt Dr. med. Nedal Al-Khatib verweist dabei auf die negativen Einflüsse der Corona-Krise auf das gesamte ambulante Suchthilfesystem.

Corona-Krise: Zahl der Suchterkrankungen steigt am Obermain
Der Chefarzt des Bezirksklinikums Obermain: Dr. Nedal Al-Khatib Foto: Hagen Lehmann Cobug

„So fielen über Monate Therapiesitzungen und stabilisierende Gespräche aus, die einen Rückfall begünstigen.“ Das betreffe Suchtmittel jeglicher Art. Da etwa Nikotinabhängigkeit keine Störung darstellt, die stationär behandlungsbedürftig ist, gibt es auch keine verwertbaren Statistiken hierzu. „Jedoch hören wir von vielen Patienten mit affektiven Störungen, wie zum Beispiel einer Depression, dass der Nikotinkonsum in die Höhe geschnellt ist. Hier werden als Gründe insbesondere Existenzängste und Zukunftssorgen angeführt.“

Gefährdung für Menschen im produktivsten Alter

Anders als weit verbreitete Vorurteile, die besagen, Suchterkrankungen treten besonders häufig bei sehr jungen oder sehr alten Patienten auf, nennt Chefarzt Dr. med. Nedal Al-Khatib die „Mittleren“ als meist Gefährdete: „Die von uns behandelten Suchterkrankungen umfassen eine Altersgruppe von 18 bis etwa 65 Jahren. Die meisten Patienten bewegen sich zwischen Mitte zwanzig und Mitte vierzig, sind volkswirtschaftlich ausgedrückt also im produktivsten Alter.“

„Die Hoffnungslosigkeit

auf Seiten der Betroffenen triggert wiederum den

Griff zur Flasche: Es ist

ein Teufelskreis.“

Dr. med. Nedal Al-Khatib, Chefarzt Bezirksklinikum Obermain

Zu vernachlässigen seien aber auch nicht derjenige Teil der suchtkranken Menschen, der aus sehr desolaten sozialen Verhältnissen stamme und bislang meist von Obdachlosen-Unterkünften aufgefangen wurde. Derzeit sei eine Aufnahme eines Bedürftigen dort aus Gründen der Einhaltung von Hygienevorschriften zwar nicht unmöglich, jedoch merklich erschwert. „Die Hoffnungslosigkeit auf Seiten der Betroffenen triggert wiederum den Griff zur Flasche: Es ist ein Teufelskreis.“

Angehörige sollten Mut zusprechen und ein offenes Ohr haben

Freunde und Angehörige sprechen stellen unter „normalen“ Umständen daher ein unverzichtbares Element eines familiär-sozialen Netzes dar. Sie sprechen Betroffenen Mut zu und sollten ein Ohr für die besonderen Sorgen und Nöte haben, weiß der Chefarzt. Je nach Dauer der Suchterkrankung ziehen sich viele Familienangehörige und ehemalige Freunde jedoch oft zurück. Für den Suchterkrankten bedeutet dies: „Ich bin alleine.“ Zum anderen führe das vor dem Hintergrund der Coronakrise nachvollziehbare Gebot des Social distancing dazu, dass noch funktionierende Netze aktuell kaum greifen.

Auch Norbert Staffen von der Suchtberatungsstelle rät konkret dazu, die eigenen Beobachtungen eines möglicherweise „Süchtigen“ nicht totzuschweigen. „Viele scheuen sich davor, die Person damit zu konfrontieren. Aber genau das muss sein. Am besten durch diejenige Person, die dem Gefährdeten emotional am nähesten steht.“

Im Kopf sollten Angehörige sich immer bewusst sein, dass sie in Sorge um einen Menschen handeln, diesem ihre Ängste mitteilen, manchmal gar ein Ultimatum stellen. Schließe man immerzu die Augen vor der Realität hieße das billigend in Kauf zu nehmen, dass sich die Situation mit dem Suchtmittel noch verschlimmere.

Ein Termin in der Suchtberatungsstelle wäre ratsam und heilsam – auf Dauer, für Betroffene und Angehörige.

Finanzierung

Die Suchtberatungsstelle Lichtenfels ist eine Einrichtung der Diakonie Coburg, die in erster Linie durch die Regierung von Oberfranken und durch Bezuschussung des Landkreises Lichtenfels finanziert wird.
 

Von Corinna Tübel

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