aktualisiert:

LICHTENFELS

CHW-Vortrag über Coburg zur Zeit der Jahrhundertwende

CHW-Vortrag über Coburg zur Zeit der Jahrhundertwende
Die Heiligkreuzschule, die 1905 bis 1907 von Architekt und Stadtbaumeister Max Böhme (1870-1925) ewntworfen wurde. Foto: Roland Dietz

„Boomtown“ heißt sinngemäß übersetzt „Stadt, die sich schnell aufwärts entwickelt“. Und mit solch einer Stadt, nämlich Coburg um die Wende zum 20. Jahrhundert, hat sich Kunsthistoriker Robert Schäfer in seinem Online-Vortrag beim Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) auseinandergesetzt. Er legte sein Augenmerk besonders auf die Entwicklung der Stadt von 1890 bis 1910.

Dass wieder etwa 250 Personen teilnahmen, spricht für sich. Das CHW hat mit diesem Format fast mehr Erfolg als mit den Präsenzvorträgen. Von Zuhause aus ist es halt auch bequemer.

Über 2000 Häuser und Gebäude und 20 000 Einwohner

Dass sich eine Stadt wie Coburg nachhaltig verändert hat, ist ihrem wirtschaftlichen Wachstum zu verdanken, erklärte der Redner. Dieses zog schon im Mittelalter Menschen an, die dort heimisch werden wollten. Hatte Coburg um 1400 etwa 2000 Einwohner, steigerte sich die Zahl bis 1813 auf über 6000, 1843 waren es dann mehr als 10 000 und 1875 über 14 000. Um 1900 wohnten 20 000 Einwohner in der Vestestadt, was ihr zu einem wesentlichen Aufschwung verhalf.

Spielte sich das Leben zu früherer Zeit im Stadtkern ab, so stellte in Coburg Mitte des 19. Jahrhunderts die Schleifung der Stadtmauern einen Durchbruch dar. Viele Menschen ließen sich jetzt auch außerhalb nieder. Zählte Coburg 1863 noch 1064 Häuser und Gebäude, waren es um 1900 schon über 2000. Allein in der Baubranche waren über 700 Menschen beschäftigt.

Mischformen aus Jugendstil und Historismus

CHW-Vortrag über Coburg zur Zeit der Jahrhundertwende
Kunsthistoriker Robert Schäfer beim Vortrag. Foto: Roland Dietz

Der Bau der Werrabahn mit Coburger Bahnanschluss 1858 war ein beschleunigter Faktor dieser Industrialisierung. Neben Korb- und Textilherstellung gab es nun vermehrt Spielwaren-, Porzellan- sowie Farb- und Chemikalienproduzenten in Coburg. Besonders repräsentative Wohnhäuser und Straßenzüge entstanden. Meist solide Bauwerke im Stil der Neorenaissance.

Um die Jahrhundertwende war es fast schon vorbei damit. In dieser Zeit entstanden größere Bauten in Jugendstil. Manche Architektur überraschte dann aber doch. Ein Beispiel dafür ist die Heilig-Kreuz-Schule von Architekt und Stadtbaumeister Max Böhme (1870 bis 1907), die 1905 bis 1907 entstand und eine Mischform aus Jugendstilelementen und Historismus aufweist. Ein für die Zeit hochmoderner Bau mit Turnhalle, Brausebädern, Wandbrunnen mit Trinkwasser, Dampfheizung, 21 Lehrräume und einzelnen Toiletten.

Das ehemalige Elektrizitätswerk und die alte Gasanstalt stammen auch von Max Böhme. Aber auch neoklassizistischer Bauten entwarf er, wie den Wasserbehälter Plattenäcker mit dorischen Säulen, die an einen antiken Tempel erinnern, und einer Aussichtsplattform mit Blick über ganz Coburg.

„Es ist schade, wie zu dieser Zeit mit derartigen Bauten umgegangen wurde.“
Kunsthistoriker Schäfer über den Abriss des Ernst-Alexandrinen-Volksbads

Sein Hauptwerk war jedoch das Ernst-Alexandrinen-Volksbad. Der Entwurf des Jugendstil-Bades mit Schwimmhalle, Dampf-, Wannen- und Brausebädern war etwas Besonderes, was in den 1970-er Jahren leider anders gesehen wurde. Bis auf den Portikusbau (Eingangshalle) wurde das Bad 1977 ohne Genehmigung abgerissen und so der Verkehrstangente geopfert. „Es ist schade, wie zu dieser Zeit mit derartigen Bauten umgegangen wurde“, bedauerte Robert Schäfer.

CHW-Vortrag über Coburg zur Zeit der Jahrhundertwende
Ein hochpreisiges Bauprojekt, zu sehen in der Mohrenstraße 9a/b, von Carl Otto Leheis (1866-1921). Die Kategorisierung des Baustils ist durch den wüsten Stilmix fast unmöglich. Foto: Roland Dietz

Carl Otto Leheis (1866-1921) war zu dieser Zeit ein weiterer prägender Architekt, der auch als Baulöwe bekannt wurde. Er war für den Bau von 31 hochpreisigen Projekten verantwortlich. Auffällig dabei die aufwändige, ja, fast schlossähnliche Fassadengestaltung, die noch heute zu sehen ist bei einem Bau der Mohrenstraße 9a/b. Die Kategorisierung ist durch das wüste Stilgemisch der Bauelemente fast unmöglich. Das markanteste Gebäude von Leheis ist das Sonnenhaus in der Alexandrinenstraße, das einzige Haus Coburgs im floralen Jugendstil.

Architekt, aber auch Immobilien-Spekulant

Leheis machte sich in dieser Zeit der expandierenden Bautätigkeit rasch einen Namen als Immobilien-Spekulant. 31 Wohnhäuser errichtete er meistens auf eigene Rechnung, um sie nach der Fertigstellung gewinnbringend zu verkaufen. So gut er als Architekt war, so schlecht war er als Kaufmann. Als er 1921 starb, war er verarmt.

Entstanden sind auch Kleinarchitekturbauten. Im Hofgarten steht mit dem Herzog-Alfreds-Brunnen ein Beispiel, an dem mehrere Planer mitgewirkt haben. Außerdem stammen Industriegebäude und Villen, die bis heute dem Stadtbild ihr Gesicht geben, aus dieser Zeit, etwa die ehemalige Fahrradfabrik Greif und Schlick von August Berger (1860 bis 1947) oder die Miederwarenfabrik Escora von Paul Schaarschmidt (1847 bis 1955). Neoklassizismus und Jugendstil wechseln sich auch hier immer wieder ab.

Friedrich Christ, Außenseiter und „Schmuddelkind“ der Baumeister

CHW-Vortrag über Coburg zur Zeit der Jahrhundertwende
Die Arbeitersiedlung am Judenberg, die 1905 durch Baumeister Friedrich Christ (1858-1960) entstanden ist. Foto: Roland Dietz

Für die Arbeiterklasse baute Baumeister Friedrich Christ (1858 bis 1960) 1905 die Arbeitersiedlung am Judenberg. Unter den Baumeistern galt Christ als Außenseiter und „Schmuddelkind“. Um 1904 zeichnete sich schon das Ende des Baubooms ab. Der Beginn des Ersten Weltkrieges verschärfte die Lage. Städtische Architekten und Baumeister kamen glimpflich durch die Krise. Freischaffende hatten größere Probleme wirtschaftlicher und finanzieller Art.

Es ist schade, dass viele Bauten wieder abgerissen wurden, meinte Schäfer am Ende seines kurzweiligen Vortrags. Die jetzt noch stehen, haben das Stadtbild entscheidend mitgeprägt.

Von Roland Dietz

Weitere Artikel