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LICHTENFELS

Brauchtum an Allerheiligen und Allerseelen am Obermain

Brauchtum an Allerheiligen und Allerseelen am Obermain
Viele Menschen besuchen in den grauen Novembertagen die Gräber ihrer Angehörigen. In Mistelfeld kann man noch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Friedhof“ erahnen: Es war die Bezeichnung für einen eingefriedeten, also von einer Mauer umschlossenen Bereich. Foto: Fabian Brand

Allerheiligen und Allerseelen sind auch am Obermain oftmals neblige, eher düstere Tage. In diesen Novembertagen feiert die Kirche seit vielen Jahrhunderten zwei Feste, die sich gut in diese Jahreszeit einfügen und mit vielerlei Brauchtum verbunden sind.

Seit dem 9. Jahrhundert begeht die katholische Kirche am 1. November das Fest Allerheiligen. An ihm wird aller Menschen gedacht, die ein heiligmäßiges Leben geführt haben und von denen man glaubt, dass sie schon in Gottes Herrlichkeit vollendet leben. Allerheiligen ist kein trauriges Fest. An ihm steht vielmehr die Botschaft von Ostern im Vordergrund: Alle Menschen, die auf Christus getauft sind, dürfen darauf vertrauen, dass sie auf seine Auferstehung und sein ewiges Leben getauft sind. Allerheiligen ist ein goldglänzender Tag, denn an ihm wird der Blick auf das himmlische Jerusalem gelenkt, jenen Ort, an dem Gott alles in allem ist. Dort leben die Heiligen, die schon in Gott vollendet sind.

Während der erste Tag des Monat November die Heiligen in den Mittelpunkt stellt, ist der 2. November der Gedächtnistag aller Verstorbenen. Ihm kommt auch am Obermain eine große Bedeutung zu.

Nach germanischem Glauben teilen der 1. Mai und der 1. November das Jahr in eine Sommer- und eine Winterhälfte. Mit der Erinnerung an den dahingeschiedenen Sommer verband man auch das Gedächtnis der verstorbenen Menschen. An diesem Tag, so glaubte man, zog das große Heer der Toten umher, um sich mit bereitgestellten Speisen zur Weiterreise zu stärken. Dieser Glaube an den Umzug der Toten hat sich mancherorts noch erhalten. Als Zeitpunkt hierfür gelten die ersten Novembernächte bis zum Fest des heiligen Martin am 11. November.

In der Allerseelennacht kehren die Verstorbenen zurück

Am Allerseelentag sollen auch die armen Seelen aus dem Fegefeuer in den Himmel fahren, so ein alter Volksglaube. In der Allerseelennacht kehren die Verstorbenen auf die Erde zurück. Deshalb war es Brauch, Brot und Wein für sie auf die Gräber zu legen. Und es war eine Selbstverständlichkeit, dass man am Abend des Allerheiligenfestes in den Häusern miteinander den Arme-Seelen-Rosenkranz betete. Für die in der Nacht umherirrenden Seelen stellte man eine Schüssel mit Milch oder in Weihwasser aufgeweichte Brotstücke im Haus bereit. Das Feuer im Ofen sollte nicht ausgehen, damit sich die armen Seelen daran wärmen konnten. Am Herd durfte kein leerer Topf stehen, damit sich keine der armen Seelen hineinsetzen konnte, und kein Messer durfte verkehrt herum liegen. Kerzen, die man am Allerseelentag zuhause entzündete, sollen den armen Seelen den Weg zum ewigen Licht weisen.

Eine Stärkung für die Toten

Auch in der Gegend am Obermain werden in vielen Bäckereien in diesen Novembertagen die Seelenspitzen verkauft. Dabei handelt es sich um ein Gebäck, das man in heidnischen Zeiten für die Toten bereithielt, um sie auf ihrer Reise zu stärken. Die Altvorderen wissen zu berichten: „Wenn der Allerseelentag näher rückt und zum Gedenken an die Toten aufruft, dann beginnt für die Bäuerin eine alte Sitte wieder wach zu werden, das Backen der Seelenspitzen. Hatten bei unseren Vorfahren die Frauen dem verstorbenen Gatten ihr Haar mit in den Grabhügel gelegt, so milderte die Zeit diese Sitte und machte einem Teiggebilde in Form eines nachgebildeten Zopfes Platz.“ Oftmals hat man die Seelenspitzen dann an die Kinder oder die Armen verschenkt. Wer eine solche Gabe erhielt, bekam zugleich den Auftrag, für die Armen Seelen zu beten.

Der Volksmund weiß einige Anzeichen, dass eine arme Seele hilfsbedürftig ist: So träumt man von einem Verstorbenen oder es wächst aus seinem Grab eine Distel. In diesem Fall hat der Verstorbene zwar eine Wallfahrt gelobt, diese aber nicht ausgeführt. Um den Toten zu erlösen, müssen nun die Angehörigen das abgelegte Gelübde erfüllen.

Die weiße Frau in Lichtenfels

Häufig aber erscheinen die armen Seelen selbst und erbitten Hilfe, um aus dem Fegfeuer erlöst zu werden. Solche Erscheinungen ereignen sich zum Beispiel zur Mitternacht oder zur Zeit des Gebetläutens. Zu solchen Gestalten zählt unter anderem auch die weiße Frau, die im Lichtenfelser Untergrund spuken soll. Auch von einem Marksteinversetzer, der sein Unwesen am Goldberg trieb, oder den „feurichen Männla“ wissen die Erzählungen aus dem Lichtenfelser Umland zu berichten. All dies sind solche Gestalten, die als unerlöste Seelen wieder auf die Erde zurückkehren, um die Irdischen um Hilfe zu bitten. Es heißt, dass diejenigen, die am Allerseelentag geboren wurden, Geister sehen können. Wie stark solche Vorstellungen bis heute im Volksglauben lebendig sind, zeigen sprichwörtliche Redensarten wie: „Der wart drauf wie a arma Seel“ oder „Jetzt hat die arm Seel endlich ihr Ruh!“ Solche Sprüche hört man auch am Obermain immer wieder. Die besondere Sorge um die Toten kommt in der Pflege ihrer Gräber zum Ausdruck.

Gerade in den Tagen vor Allerheiligen herrscht auch in den Friedhöfen hierzulande „Hochbetrieb“, um die Gräber für den bevorstehenden Winter herzurichten. In früheren Zeiten pflanzte man auf den Gräbern Rosenstöcke, Königskerzen, Nelken und Ringelblumen; auch Tulpen und Narzissen waren auf den Gottesäckern zu finden. Ein Bericht aus alter Zeit erzählt, dass der Friedhof „einem Rosengarten sonderer Schönheit“ geglichen habe.

Katholische Christen gedenken ihrer Verstorbenen an Allerheiligen und Allerseelen. Die Friedhofsgänge, die eigentlich zum Allerseelentag gehören, finden heutzutage bereits am 01. November statt. Meistens liegen dahinter praktische Gründe: Denn Allerheiligen ist in Bayern ein gesetzlicher Feiertag und viele haben dadurch Zeit, sich am Nachmittag auf dem Friedhof zu versammeln. Bereits für das Jahr 1578 wird erstmals ein Friedhofsgang an Allerseelen erwähnt. Die Gräber werden vom Priester mit Weihwasser und Weihrauch gesegnet. In den Gottesdiensten am Allerseelentag wird vielerorts besonders der Verstorbenen des vergangenen Jahres gedacht.

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr

In der evangelischen Kirche hat sich Anfang des 19. Jahrhunderts der Totensonntag etabliert. Er ist zugleich der letzte Sonntag im Kirchenjahr und wird in diesem Jahr am 20. November begangen. Auch der Volkstrauertag am 13. November ist ein Gedenktag für die Verstorbenen, wobei der Fokus hier am Erinnern an die Toten der Kriege und Gewalttaten liegt.

Zum Allerseelentag hat schon der Dichter vom Kordigast, Franz-Joseph Ahles, einige Gedanken verfasst. Er schreibt: „Herbststurm brauset durch die Haine, / Klagend fährt er durch die Zweige, / Bricht des Jahres letzte Blüten, / Wühlt die Wasser auf im Teiche. / Dir, o Sturm, gleicht oft das Leben, / Bricht die Herzen, raubt das Hoffen; / Lässt als Trost dem müden Pilger, / Nur ein stilles Grab noch offen.“

Brauchtum an Allerheiligen und Allerseelen am Obermain
Die Seelenspitzen, die in den Tagen um Allerheiligen in den Bäckereien angeboten werden, waren ursprünglich als Dank für das Gebet für die armen Seelen gedacht.

Von Fabian Brand

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