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LICHTENFELS

Barockkonzert in der ehemaligen Synagoge Lichtenfels

Barockkonzert in der ehemaligen Synagoge Lichtenfels
Canzonetta Daletta zeigten sich spielfreudig und höchst exakt im Umgang mit Salomone Rossis Noten. Foto: Markus Häggberg

Ein wenig unbemerkt ging am Samstag in der Korbstadt eine kleine Tournee zu Ende. Vor so viel Publikum, wie Corona eben zulässt, kam es in der ehemaligen Synagoge zu einer Begegnung in Wort und Klang. Eingebettet in die bundesweite Veranstaltungsreihe „Jüdisches Leben in Deutschland 2021“ wurden Werke eines musikalischen Grenzgängers aufgeführt.

Wer war Salomone Rossi? Doch, man weiß etwas über ihn. Der Mann des 16. und 17. Jahrhunderts war Hofkomponist, ein Jude, ein Italiener aber auch. Doch schon bei den Geburts- und Sterbedaten beginnt das Bild zu dem Manne zu verschwimmen, gibt es doch nur ungefähre Eckdaten. Insofern kam der Aufführung seiner Musik etwas von Beispielhaftigkeit zu, denn was weiß man schon genau über Juden und jüdisches Leben in Deutschland?

Einblicke in jüdische Seelenlagen mit Professorin Susanne Talabardon

Man weiß, dass es schon 1700 Jahre nachweislich vorkommt. Zu diesem Anlass kam es vor Zeiten zur Gründung eines Vereins mit der Zielsetzung, bundesweit jüdisches Leben sicht- und erlebbarer zu machen. Im Falle des Samstagabends in der einstigen Synagoge wurde es auch hörbarer. Ein Quintett führte mit barocken Instrumenten die 400 Jahre alte Musik jenes Rossi auf. Mit Unterstützung der VHS Bamberg, der dortigen Universität und der Liberalen jüdischen Gemeinde.

Susanne Talabardon mag es nicht sonderlich, mit Professorin angeredet zu werden. Doch die Frau ist Professorin für Judaistik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Dann und wann, wenn das Ensemble Canzonetta Daletta verstummte, stand sie von ihrem Stuhl unweit der Bühne auf, wandte sich dem Publikum zu und verlas Texte, die Einblicke zu jüdischen Seelenlagen gaben, sich dabei auch des Alten Testamentes bedienend.

Mit Sopranstimme, Geige, Harfe, Blockflöten und Chitarrone

Oder des jüdischen Humors. Da wäre beispielsweise die Nacherzählung von der Erschaffung des Menschen mit all seinen Makeln, Fehlern und Vorzügen. Der „Ewige“ hatte dabei den Tieren zu erklären, was am Menschen so besonders sei. Ob die Tiere das auch so sahen, blieb auf launige Weise ausgespart.

Zur atmosphärischen Dichte des Abends trug die musikalische Darbietung des Ensembles Canzonetta Daletta bei, das sich aus Profimusikern der gesamten Republik zusammensetze. Sopranistin Monika Tschuschke, Annette Wehnert (Barockgeige), Maria Becker (Blockflöten), Heike ter Stal (Chitarrone) und Julian Becker (Barockharfe) webten einen Klangteppich, der aufhorchen ließ und in die Welt des Salomone Rossi führte.

Ein Grenzgänger zwischen den Welten

Der schuf weltliche und geistliche Musik. Doch wenn er geistliche Musik schuf, fremdelte die jüdische Orthodoxie damit. Mehrstimmigkeit war nicht gewünscht, aber so komponierten von Rossi geschätzte Kollegen wie etwa Monteverdi. Doch jener Rossi war noch ein weiterer Grenzgänger, pendelnd ins und aus dem Ghetto von Mantua, mit der Sondergenehmigung, sich nicht als Jude kennzeichnen zu brauchen. Schön für ihn, möchte man meinen, doch damit begab er sich ja auch wieder außerhalb der Schicksalsgemeinschaft seines Volkes.

Wer bin ich? Eine Frage, die er sich gestellt haben wird und die sich viele Juden stellten. Den Beleg für sein Können lieferte das Quintett, das auf seiner Tournee zum achten und vorerst letzten Male an Orten wie diesem auftrat. Doch es sollte nicht nur instrumental überzeugen, sondern auch stimmlich. Da wäre Monika Tschuschke, die im Madrigal „Messagier di sperenza“ ihren Sopran zum Flirren brachte, ihn aber nie brüchig werden ließ. Da wäre aber auch das gemeinsam angestimmte Segenslied.

Eine reiche musikalische Entdeckungstour

Überhaupt bot das Quintett seinem Publikum eine reiche musikalische Entdeckungstour an, ganz gleich, ob es sich bei einem Instrumentalstück wie der „Sonata prima detta la Moderna“ um orientalische Einsprengsel im Harfenspiel handelte, oder um die Funktionsweise der Chitarrone, die zur Familie der Laute gehört und seinerzeit auch die Aufgaben einer Bassgitarre übernahm.

Barockkonzert in der ehemaligen Synagoge Lichtenfels
Susanne Talabardons Betrachtungen zu Aspekten jüdischer Erzählungenbeziehungsweise des Alten Testaments waren lohnend zu hören. Foto: Markus Häggberg

Von Markus Häggberg

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