aktualisiert:

LICHTENFELS

Aus dem Amtsgericht: Zwischen Wahn und Wahnsinn

Im Amtsgericht in der Kronacher Straße in Lichtenfels wird Recht gesprochen. Foto: Markus Drossel

Dann und wann hörte man es rasseln. Bewegte der Angeklagte seine Füße, erinnerte das die Zuhörer an seine Fußfesseln und daran, dass der 34-Jährige aus dem südlichen Landkreis derzeit im Gefängnis in Bayreuth sitzt. Von dort wurde er hergefahren, um sich im Saal 14 des Amtsgerichts an zwei längst zurückliegende Tage zu erinnern. Einmal, weil er einem Mann ein Messer in den Oberarm gerammt haben soll und einmal, weil er der Polizei Widerstand leistete.

Der 24. Juli 2019 muss ein schöner Tag gewesen sein. Zumindest döste an ihm der 38-jährige Kumpel des Angeklagten nahe eines Supermarkts im Gras. Wie sich die beiden Männer dort begegneten und unterhielten, da gab der Ältere dem Jüngeren auf, doch ein Bier zu besorgen. Geld dafür befände sich in Form von Flaschenpfand in seinem Rucksack und wenn er den mitnähme, wäre die Sache geritzt. Doch anstelle mitsamt Rucksack in den Supermarkt zu gehen, ging der Mann zunächst zu sich heim. „Da habe ich erst mal eine Pfeife geraucht“, erklärte er gegenüber Richterin Daniela Jensch und Staatsanwalt Harun Schütz.

Rabiater Auftritt

Über sein Ausbleiben verwundert, suchte ihn nun aber der 38-Jährige daheim auf und schlug Krawall. Zumindest schilderte der Angeklagte das jetzt einsetzende Geschehen so. „Meinen Glastisch hat er zammgesappt, dann hat er gegen die Wand gesappt – er hat sich nicht beruhigen lassen.“ Dann beschrieb er, wie aus der Hand des Besuchers auch eine Bierflasche in seine Richtung geworfen wurde. „Ich hätte sein Pfandgeld unterschlagen“, sei die Motivlage seines Besuchers gewesen.

Was in dem Verfahren auch beleuchtet wurde, war, wie die beiden Männer an sich zueinander standen. Sie waren damals „gute Freunde“ gewesen und haben an jenem 24. Juli auch früh schon unweit des Supermarkts gesellig beim Bierchen gesessen. Etwas eigenwillig klang das Erklärungsmodell, welches der Angeklagte für den Messerstich samt letztlich zehn Zentimeter große Schnittwunde am Oberarm seines damaligen Kumpels lieferte: „Ich habe versucht, ihn aus meiner Wohnung zu schieben – kann sein, dass ich da das Messer in der Hand hatte.“

Strammes Pensum

Was bei diesem Verfahren mitunter heiter wirken mochte, hatte seine dunklen Seiten. Sie spielten in das Feld Sucht hinein und darum war auch ein psychiatrischer Gutachter im Saal. Auch er hörte, wie der Angeklagte zu seinem Lebenswandel Auskunft gab und davon sprach, dass er zwischen Alkohol, Kräutermischungen und selbst noch Badesalz Substanzen und Mixturen missbräuchlich zu sich nahm. Sein damaliger gewohnheitsmäßiger Verbrauch an Bier habe bei täglich 12 Flaschen und dem ein oder anderen Schnaps gelegen.

Laut Gutachter liege ein „Hang zu berauschenden Mitteln im Übermaß“ sowie eine „Abhängigkeit von mehreren Substanzen“ vor. Vor allem ein Wort fiel während der Verhandlung immer wieder, das aufhorchen ließ: Spinnen. Das hatte mit dem Vorfall vom 31. Dezember 2018 zu tun. Da nämlich wurde die Polizei gerufen, weil der 34-Jährige in seiner Wohnung randalierte. Oder vielleicht auch delirierte und dabei Spinnen sah. All das brachte mit sich, dass die Beamten sich veranlasst sahen, die Tür zu öffnen.

Badesalzmischung getrunken

Was sie dann vorfanden, war der Angeklagte mitsamt Messer in der Hand. Mit Erinnerungen hierzu konnte der Vorgefundene während der Verhandlung schwerlich dienen. Er wusste noch, dass er an diesem Tag mit seinem Kumpel (selbigem wie beim Vorfall vom 24. Juli) unterwegs war und später eine Badesalzmischung getrunken habe. Irgendwann im Laufe des Tages sei die Polizei zu ihm gekommen, da „ging die Tür auf und dann war das Pfefferspray schon im Gesicht“. Aufgewacht und zu sich gekommen, so der Mann, sei er in Kutzenberg. Weshalb aber die Polizei bei ihm aufschlug, dazu hatte er keine Erklärung.

Mit dem Messer in der Hand

Für eine solche sorgten dann aber drei im Zeugenstand aussagende Polizisten. Einer von ihnen, ein 33-Jähriger, gab an, dass eine Meldung auf der Wache einging, wonach sich ein Mann, der im gleichen Haus wie der Angeklagte wohnte, von diesem bedroht gefühlt habe. Dem wollten die Beamten nachgehen und bekamen es bald mit dem zu tun, was aus der Wohnung des 34-Jährigen nach außen drang. Als die Tür aufging, stießen sie auf einen Mann mit Messer, der sich auch von irgendwann gezogenen Schusswaffen nicht überzeugen ließ, sein Messer aus der Hand zu legen. „Er blickte starr und hat die Wohnungstür wieder zugezogen“, erinnerte der Beamte zum ersten Teil des Vorfalls.

Und wieder diese Spinnen

Der zweite bestand in den Beleidigungen, Bedrohungen und Tritten, mit denen der Mann sich gegen ein Verbringen nach Kutzenberg gewehrt hatte. Die ausgestoßenen Drohungen waren durchaus heftig zu nennen. Beispielsweise die, auf welche sich ein 36-jähriger Polizist im Zeugenstand besann: „Er findet mich und schlägt mir mit einer Eisenstange den Schädel ein (…) löscht mich mit meiner Brut aus.“ Doch er sprach auch davon, dass sich der Angeklagten ganz offensichtlich von Spinnen bedroht gefühlt habe.

Nicht schuldfähig?

In seiner Einschätzung des Geschehens ging der Gutachter auf die Sache mit den Spinnen ein. Es spräche etwas dafür, dass der Angeklagte beim Vorfall vom Silvestertag „vielleicht wahnhafte oder halluzinatorische“ Momente verlebte. Die wiederum könnten für sein Verhalten gegenüber der Polizei ursächlich gewesen sein. Das würde bedeuten, dass die Steuerungsfähigkeit an diesem Tattag herabgesetzt war. An dieser Stelle intervenierte Johannes Kulla, der Advokat des Angeklagten, und brachte ins Spiel, dass das Verfahren eingestellt werden sollte. Sein Mandant sei nicht im eigentlichen Sinne schuldfähig gewesen und nun hielt Staatsanwalt Schütz dagegen: „Ich werde einer Einstellung nicht zustimmen!“

Bei allen entschuldigt

Die Entscheidung kam Richterin Daniela Jensch zu. „Ich hätte nicht im Traum daran gedacht“, so die Frau zu dem Umstand, dass das Verfahren diese Richtung einschlagen konnte. Doch letztlich wurde ein Kompromiss gefunden, denn im Zuge einer Einstellung hat der 34-Jährige, dem eine Entziehung bevorsteht, 250 Euro für sein Verhalten zu zahlen. Ein Betrag, der den arbeitslosen Mann treffen dürfte. Bei den Polizisten entschuldigte er sich im Laufe der Verhandlung. Auch bei dem einstigen Kumpel, den er am Oberarm verletzte. In allen Fällen wurden seine Entschuldigungen angenommen. Bei einem Polizisten allerdings mit einer Einschränkung: „Wenn es nicht wieder vorkommt.“

Von Markus Häggberg

Weitere Artikel